• The Wall Street Journal

Hiesinger festigt seine Macht bei Thyssen-Krupp

    Von HENDRIK VARNHOLT und JAN HROMADKO
Volker Hartmann/dapd

Steht im Rampenlicht: Vorstandschef Heinrich Hiesinger stahl bei der Hauptversammlung in Bochum Chefaufseher Gerhard Cromme (rechts) die Show.

BOCHUM – Für Gerhard Cromme war es ein unangenehmer Tag: Auf der Hauptversammlung musste sich der Chefaufseher von Thyssen-Krupp scharfe Kritik gefallen lassen. Ein empörter Aktionär beschimpfte Cromme, der wegen diverser Affären unter Beschuss steht, gar als „größte Teflonpfanne Deutschlands". Die verbale Ohrfeige dürfte den Geschmack vieler Aktionäre getroffen haben.

Crommes Verteidigungsrede dagegen verpufft. Zwar räumte der Aufsichtsratschef in Bochum Fehler ein, sah aber keinen Grund, persönliche Konsequenzen zu ziehen. Aktionärsschützer reagierten frustriert: „Es ist leichter, eine Sau am Schwanz zu packen, als einen Aufsichtsrat in die Verantwortung zu nehmen", schimpfte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz.

Dennoch entlasteten die Aktionäre die Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats ihres Unternehmens - allerding mit vergleichsweise geringen Mehrheiten. Mehrere Aktionärsvertreter hatten zuvor dazu aufgerufen, dem Aufsichtsrat und früheren Vorstandsmitgliedern die Entlastung zu verweigern. Für die Entlastung von Cromme stimmten 69,16 Prozent der Anteilseigner. Nur jeweils etwas mehr als 62 Prozent der Aktionäre stimmten für die Entlastung der früheren Vorstände Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen. Im vergangenen Jahr hatten sämtliche Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat noch rund 95 Prozent erzielt.

Cromme steht bei Thyssen-Krupp für das Gestern, für das, was die Aktionäre hinter sich bringen wollen. Ihre Hoffnungen gelten einem anderen: Vorstandschef Heinrich Hiesinger. Die Kritik an Cromme kommt vor allem ihm zugute, dem Aktionärsvertreter den größten Anteil daran einräumen, dass zuletzt konsequent aufgeräumt wurde. Auch auf der Hauptversammlung wusste er zu gefallen: Hiesinger versprach, bei Thyssen-Krupp Seilschaften zu kappen und neue Wachstumschancen auszuloten. Die Aktionäre trauen ihm das zu und stärken dem Vorstandschef den Rücken.

„Ohne Hiesinger geht nichts mehr"

Keine Frage: Der 52-Jährige ist der neue starke Mann des Traditionskonzerns. So sieht das auch Björn Voss, Stahl-Analyst bei Warburg Research. Hiesinger genieße den Rückhalt des Aufsichtsrats und der einflussreichen Krupp-Stiftung, sagt er. Spätestens seit Dezember stehe das außer Frage. Mit einem Paukenschlag entließ der Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat damals den halben Vorstand des Traditionsunternehmens: Hiesingers Vorstandskollegen Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen mussten gehen. Hiesinger bezeichnete das als Zeichen eines Neuanfangs. Die Unternehmenskultur werde sich ändern, kündigte er an. Thyssen hatte zuvor weitere 3,6 Milliarden Euro auf seine amerikanischen Werke abgeschrieben und war wegen illegaler Preisabsprachen auf dem Schienenmarkt und fragwürdiger Geschäftsreisen in die Kritik geraten.

Der promovierte Ingenieur Hiesinger war im Oktober 2010 zunächst als Stellvertreter des damaligen Unternehmenschefs Ekkehard Schulz von Siemens zu Thyssen-Krupp gewechselt. Hiesinger sei unbelastet, sagt daher Hansgeorg Martius, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Und mehr noch: Die Personalentscheidungen der vergangenen Wochen hätten ihn „klar gestärkt".

Seit rund einem Jahr ist er Chef des Vorstands, dem außer ihm aktuell nur noch Finanzvorstand Guido Kerkhoff und Arbeitsdirektor Ralph Labonte angehören. In die Entscheidungen zum Bau der Werke in Amerika war Hiesinger noch nicht eingebunden. Auch das Schienenkartell entstand lange vor seiner Zeit bei Thyssen.

„Ohne Hiesinger geht nichts mehr", urteilt DSW-Mann Hechtfischer. Ein Analyst einer bei Thyssen-Krupp investierten Fondsgesellschaft bescheinigt dem Vorstandschef einen „hervorragenden Ruf am Kapitalmarkt". Auch die Arbeitnehmer sind von ihm überzeugt: Hiesinger habe zusammen mit Finanzchef Kerkhoff in Rekordzeit den komplizierten Verkauf der Edelstahlsparte an den Konkurrenten Outokumpu ausgehandelt, lobt ein Gewerkschafter, der mit den Abläufen im Konzern vertraut ist.

Klares Bekenntnis zu Stahl in Europa

Doch die größten Prüfungen dürften Hiesinger noch bevorstehen. Der Manager will bis Ende September die verlustreichen Stahlwerke in Brasilien und den USA verkaufen. Auf der Hauptversammlung bekräftigte er den Plan. Die aussichtsreichsten Bieter sind derzeit die Thyssen-Krupp-Konkurrenten Arcelor-Mittal und CSN, wie das Wall Street Journal von mehreren mit dem Verkaufsprozess vertrauten Personen erfuhr.

Martin Meissner/AP/dapd

Triumvirat bei Thyssen-Krupp: Gerhard Cromme (links), Krupp-Stiftungschef Berthold Beitz (Mitte) und Heinrich Hiesinger.

Thyssen-Krupp braucht den Verkaufserlös dringend: Den Konzern plagten Ende September Nettofinanzschulden von 5,8 Milliarden Euro. Die Ratingagentur Standard & Poor's bewertet die Kreditwürdigkeit des Unternehmens nur noch mit „BB". Den Verkauf des amerikanischen Stahlgeschäfts bezeichneten die Prüfer als ausschlaggebend für die künftige Bewertung.

Hiesinger muss zudem das Geschäft der europäischen Stahlwerke stabilisieren. Deren Erträge sind volatil, Thyssen-Krupp will seine Abhängigkeit von den Konjunkturzyklen verringern. Schon nach dem Verkauf der Werke in Brasilien und den USA wird der Konzern nach eigenen Angaben rund 70 Prozent des Umsatzes in seinen Dienstleistungs- und Technologiesparten erwirtschaften. Sie stellen etwa Aufzüge und Industrieanlagen her. Im Geschäftsjahr 2011/2012 erlöste Thyssen-Krupp insgesamt rund 47 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 11 Milliarden Euro auf das europäische Stahlgeschäft.

Bei der Hauptversammlung gab es ein klares Bekenntnis zum europäischen Stahlgeschäft. Es gebe keine Überlegungen, die europäische Stahlsparte zu verkaufen, sagte Hiesinger während der Hauptversammlung. Thyssen-Krupp werde „alles daran setzen", dass die europäischen Stahlwerke eine „erfolgreiche Zukunft" in dem deutschen Konzern haben, kündigte er an.

Nicht alle sind davon überzeugt, dass dies auch gelingt. Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment, fordert die „kritische Überprüfung des europäischen Stahlgeschäfts". Union Investment ist mit einem Aktienanteil von rund einem Prozent einer der größten Aktionäre von Thyssen-Krupp. Kurzfristig könne das Unternehmen die Margen im europäischen Stahlgeschäft durch Produktionsoptimierungen oder eine Bereinigung des Produktportfolios verbessern, sagt Joachim Schröder, Stahlmarktexperte bei der Research & Consulting Group. „Mittel- und langfristig muss das Unternehmen aber entscheiden, ob es im volatilen Stahlgeschäft eine Zukunft sieht." Möglich seien ein Börsengang, ein Spin-Off, ein Joint-Venture oder ein Komplettverkauf der Sparte.

„Herausforderndes Umfeld"

Mit der Neubewertung des europäischen Stahlgeschäfts hat Hiesinger schon begonnen: Das Programm mit dem sperrigen Namen „Best-in-Class! Reloaded" soll Chancen für die europäischen Hochöfen ausloten.

Der Aufsichtsrat von ThyssenKrupp geht auf Schmusekurs. Mit persönlichen Zugeständnissen will er die Aktionäre nach den Milliardenverlusten im vergangenen Jahr besänftigen.

Die europäische Stahlsparte agiere „aus einer Position der Stärke", sagt Hiesinger. Der Druck ist gleichwohl groß: Bis zum dritten Quartal dieses Jahres erwartet der Stahlverband Eurofer keine signifikante Erholung der Nachfrage. Thyssen-Krupp leide zudem darunter, dass der Konzern im Gegensatz zu Wettbewerbern keine Beteiligung an Rohstoffförderern besitze, erklärt Schröder: „Zwischen 60 und 65 Prozent der Kosten in der Stahlproduktion sind Rohstoffkosten." Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz, etwa aus Russland: Der Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation hat den Import von Stahl aus dem Land vereinfacht.

Hiesinger kennt die Probleme, er spricht von einem „herausfordernden Umfeld". Bei der Prognose für das laufende Geschäftsjahr bleibt der Vorstandschef entsprechend vorsichtig. Er stellt weiterhin ein bereinigtes operatives Ergebnis (EBIT) aus fortgeführten Aktivitäten von rund einer Milliarde Euro in Aussicht, nach 1,4 Milliarden im Vorjahr. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2012/2013 werde sich auf dem Vorjahresniveau von rund 40 Milliarden Euro bewegen, prognostiziert Hiesinger. Auch die Prognose für das erste Quartal des aktuellen Geschäftsjahres bekräftigt der Manager: Thyssen-Krupp habe zwischen Oktober und Dezember voraussichtlich ein bereinigtes EBIT von rund 200 Millionen Euro erwirtschaftet.

Im vergangenen Geschäftsjahr hatte Thyssen-Krupp einen Verlust von fünf Milliarden Euro verbucht. Der Konzern führt das zum größten Teil auf die Schwierigkeiten mit den Werken in Amerika zurück. Die Produktionsstätten stehen noch mit einem Wert von 3,9 Milliarden Euro in den Büchern. Thyssen-Krupp hat für sie bislang rund 12 Milliarden Euro ausgegeben. Vor allem beim Bau der Anlagen in Brasilien bereiteten dem Unternehmen Planungsfehler Schwierigkeiten. Hinzu kam die Finanzkrise, die die Nachfrage im Abnehmerland USA einbrechen und die Kosten in Brasilien steigen ließ. Das hat für die Aktionäre schmerzhafte Folgen: Thyssen-Krupp will zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte keine Dividende ausschütten.

Kontakt zu den Autoren: hendrik.varnholt@dowjones.com und jan.hromadko@dowjones.com

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