• The Wall Street Journal

Mehdorn verliert Chefposten bei Air Berlin

    Von KIRSTEN BIËNK
dapd

Hartmut Mehdorn ist bei Air Berlin nicht mehr am Steuer.

Die angeschlagene Fluggesellschaft Air Berlin bekommt überraschend schnell einen neuen Chef. Der für die Streckenplanung zuständige Manager Wolfgang Prock-Schauer übernimmt das Steuer von Hartmut Mehdorn, der sein Amt am Montag niederlegte. Anders als der frühere Chef der Deutschen Bahn ist der Österreicher Prock-Schauer vom Fach. Der 56-Jährige arbeitete bereits für Austrian Airlines, Jet Airways und zuletzt für die Lufthansa-Tochter British Midlands.

Seit Oktober ist Prock-Schauer Mitglied im Verwaltungsrat von Air Berlin und für die strategische Ausrichtung verantwortlich. Er übernimmt die schwere Aufgabe, für Deutschlands zweitgrößte Airline eine Perspektive zu entwickeln, mit der sie im harten Wettbewerb bestehen kann, beschreibt Analyst Sebastian Hein vom Bankhaus Lampe seine Erwartung: „Prock-Schauer muss jetzt eine Strategie für Air Berlin entwickeln und sagen, wohin die Reise geht."

An einer strategischen Perspektive für Air Berlin hat es der scheidende Vorstandsvorsitzende Mehdorn nach Einschätzung von Analysten fehlen lassen. Allerdings hatte er vornehmlich damit zu tun, die zu schnell gewachsene Airline vor dem finanziellen Absturz zu bewahren. „Mehdorn stand immer für die Reduzierung der Kosten und hat das Beste aus dem Erbe seines Vorgängers gemacht", sagte Analyst Hein.

Hunold wollte mit der anfangs kleinen Air Berlin der großen Lufthansa Konkurrenz machen; er kaufte dazu andere Airlines auf, stellte sich eine große Flugzeugflotte zusammen und baute ein Streckennetz auf, das sich schon bald als viel zu groß erwies. Die Kosten stiegen, und die Erträge flossen nicht wie geplant.

Die Baustellen von Air Berlin

Hunold trat im Herbst 2011 zurück, weil er die Finanzen nicht in den Griff bekam. Sein Nachfolger übergangsweise wurde Ex-Bahnchef Mehdorn, der seinerzeit dem Verwaltungsrat angehörte. Als Sanierer versuchte zu retten, was noch zu retten war. Der Verwaltungsrat von Air Berlin machte sich unterdessen auf die Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden, wurde aber zunächst nicht fündig und verlängerte den Vertrag mit Mehdorn notgedrungen bis Ende 2013.

Mehdorn führte Air Berlin angesichts der bedrohlichen finanziellen Schieflage Ende 2011 in die Hände von Etihad Airways. Die Airline der Scheichs aus der dem Emirat Abu Dhabi übernahm knapp ein Drittel der Air-Berlin-Aktien und hatte fortan ein gewichtiges Wort mitzureden. Sie will Air Berlin zum Zubringer umbauen. Die Scheichs überwiesen immer wieder Geld nach Berlin und sicherten so das Überleben der Fluggesellschaft.

Mitte des Jahres 2012 häuften sich Gerüchte, dass Etihad die Geduld mit dem operativ glücklosen Mehdorn verloren habe und einen Manager mit mehr Erfahrung im Fluggeschäft wollte. Offiziell spielten Air Berlin und Etihad diese Spekulationen herunter und erklärten, Mehdorn werde seinen Vertrag erfüllen.

Spätestens aber mit Einstellung von Prock-Schauer im Oktober war aber klar, dass der Österreicher gute Chancen auf den Vorstandsvorsitz hätte. Dass die Übergabe gleich zu Beginn des Jahres stattfindet, kam dann aber doch überraschend.

Interaktive Timeline: Die Geschichte von Air Berlin

Prock-Schauer kann darauf aufbauen, was Mehdorn angestoßen hat. Air Berlin fliegt einen harten Sparkurs. In wenigen Tagen will die Airline bekannt geben, wie das neue Sparprogramm Turbine 2013 im Detail aussehen soll. Im Markt wird damit gerechnet, dass bis zu zehn Prozent der rund 9.300 Arbeitsplätze dem Sparzwang zum Opfer fallen könnten.

Am Tag des Amtsantrittes beließ es der neue Chef bei einer grundsätzlichen Feststellung: „Air Berlin steht vor großen Herausforderungen", sagte er. Von einer neuen Strategie abgesehen benötigt die Airline vor allem Geld. Viel Tafelsilber ist nicht mehr vorhanden. Erst vor wenigen Wochen verkaufte Mehdorn das Vielfliegerprogramm „topbonus" mehrheitlich an Großaktionär Etihad.

Auf der Habenseite von Air Berlin stehen die intakte Marke und ein Bestand an Flugzeugen, der nicht überaltert ist. Überdies leiden gegenwärtig auch andere deutsche und europäische Airlines. Viele müssen Verbindungen einstellen und Mitarbeiter entlassen, um klarzukommen. Bei Air Berlin ist die Not wegen des dünnen finanziellen Polsters aber besonders groß.

Kontakt zum Autor: kirsten.bienk@dowjones.com

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