• The Wall Street Journal

Jorge Mendes - Der König von Madrid

    Von GABRIELE MARCOTTI

Jorge Mendes wohnt gar nicht in Madrid. Trotzdem könnte man behaupten, dass die spanische Hauptstadt dem ehemaligen, semiprofessionellen Fußballer, DJ und Nachtklubbesitzer gehört.

Mendes vertritt als Spielerberater drei Kicker von Atletico Madrid: Tiago, Diego Costa und Falcao. Dazu kommt noch Ruben Micael, der momentan an den portugiesischen Klub SC Braga ausgeliehen ist. Noch dominanter ist Mendes aber beim Lokalrivalen Real Madrid: Cristiano Ronaldo, neben Lionel Messi wohl der beste Fußballer der Welt, ist sein Klient. Dazu kommen zwei weitere Stammspieler, Pepe und Angel di Maria, sowie die Reservisten Fabio Coentrao und Ricardo Carvalho. Und auch Trainer Jose Mourinho wird von Mendes vertreten.

European Pressphoto Agency

Jorge Mendes (links) mit Argentiniens Idol Diego Maradona (Mitte) und seinem Klienten Falcao bei der Verleihung der Globe Soccer Awards in Dubai.

Es ist kein Einzelfall, dass ein einzelner Agent einen großen Teil einer Fußballmannschaft vertritt. Seltener ist es, wenn auch noch der Trainer zu seinen Kunden gehört. Und dass das ganze bei einem der absoluten Spitzenteams der Welt geschieht, ist wohl einmalig – und das nicht nur im Fußball. In einigen Sportarten, etwa der nordamerikanischen Basketballliga NBA, wäre eine solche Situation explizit verboten, wegen möglicher Interessenkonflikte. Im Fußball gibt es keine derartigen Vorschriften.

Bei Jorge Mendes ist es nicht nur die Zahl seiner Klienten, sondern auch ihr Kaliber. Real Madrid ist nach jedem denkbaren Maßstab einer der größten Klubs der Welt. Es ist zwar schwierig, den Transferwert eines Kaders objektiv zu berechnen. Bei Real Madrid sind es aber sicher nicht weniger als 400 Millionen Euro. Beim Stadtrivalen Atletico ist es deutlich weniger; Falcao hat in seinem Vertrag aber eine Ausstiegsklausel stehen, nach der er für knapp 60 Millionen Euro gehen darf.

Zu einer wahren Mendes-Gala geriet im Dezember die Verleihung der „Globe Soccer Awards" in Dubai. Falcao wurde zum Spieler des Jahres gewählt, Atletico zur Mannschaft des Jahres. Mourinho wurde Trainer des Jahres und bekam obendrein eine Auszeichnung als größter Medienstar der Fußballwelt. Und Mendes selbst wurde zum dritten Mal in Folge Agent des Jahres. Der Preis gehört zwar nicht zu den angesehensten des Sports – manchmal hat man einfach das Gefühl, dass diejenigen geehrt werden, die bei der Verleihung erscheinen. Trotzdem ist die Auszeichnung ein guter Indikator für das Ansehen im Fußball.

Bedenkliche Strukturen bei Real Madrid

Keine Zweifel bestehen darüber, dass der Einfluss von Jorge Mendes außergewöhnlich und einzigartig ist. Bei Real Madrid besitzt er eine enorme Macht, was Vertrags- und Personalfragen angeht. Das liegt auch an der ungewöhnlichen Struktur der Königlichen. Bei den meisten Vereinen arbeitet der Trainer bei der Zusammenstellung des Kaders mit einem Sportdirektor zusammen. Dessen Entscheidung hat meist das höhere Gewicht, das letzte Wort verbleibt beim Vorstandsvorsitzenden oder Präsidenten. Bei Real Madrid dagegen ist diese Position unbesetzt, weil Jorge Valdano 2011 den Machtkampf mit Jose Mourinho verlor. Jetzt muss sich Mourinho direkt Angel Sanchez verantworten, dem de facto mächtigsten Mann bei Real.

Wie genau wirkt sich das aus? Nehmen wir einmal Ronaldo, der signalisiert hat, dass er seinen im Juni 2015 auslaufenden Vertrag verlängern möchte. Fraglos hätte er eine Gehaltserhöhung verdient. Jetzt geht es darum, wie viel mehr er erhält – und wer diese Entscheidung fällt. Normalerweise würden das Klubchef, Sportdirektor und Trainer gemeinsam beschließen. Aber das ist bei Real nicht möglich, weil es keinen Sportdirektor gibt und Trainer und Spieler denselben Berater haben. Das ist nicht verboten, aber keineswegs ideal.

Die wertvollsten Clubs der Welt

Oliver Lang/dapd

Der Einfluss von Mendes ist so enorm, dass nichts unmöglich erscheint. Zum Beispiel, dass er eines Tages die teuersten seiner Klienten inklusive Mourinho einem Milliardär andient, der seinem neu erworbenen Klub ein paar Wohltaten gönnen will. Mit ein bisschen Planung könnte sich dieser dann eine Art „Mendes United" zusammenkaufen, ohne mit Transfereinnahmen ans Äußerste gehen zu müssen.

Mendes ist an die Spitze der Fußballwelt aufgestiegen, weil er gut in seinem Job ist. Seine einzige Machtposition bei Real Madrid verdankt er aber der Tatsache, dass dem Fußball essentielle Regeln fehlen.

Gabriele Marcotti ist Fußballkolumnist der Londoner Times und arbeitet regelmäßig für die BBC.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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