• The Wall Street Journal

BMW-Finanzvorstand kündigt neue Rekorde an

    Von NICO SCHMIDT und KNUT ENGELMANN

BMW bleibt auf der Überholspur. Erneut kann sich der weltweit größte Autohersteller aus dem Premiumsegment in wenigen Tagen auf der Automesse in Detroit für einen Absatzrekord feiern lassen. Knapp 1,85 Millionen Autos verkauften die Münchener 2012 trotz schwieriger Bedingungen, wie Finanzchef Friedrich Eichiner in einem Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland sagte.

Auch in diesem Jahr soll es weiter bergauf gehen, BMW will den Konkurrenten noch weitere Marktanteile abluchsen. Weil die Nachfrage nach teuren Fahrzeugen weiter boomt, sollen die Fertigungskapazitäten weiter ausgebaut werden – den nächsten Schritt könnte es in Russland geben.

Die anhaltend hohe Nachfrage nach hochwertigen Fahrzeugen hat BMW und Audi 2012 jeweils neue Absatzrekorde beschert.

Mit dem Geschäftsverlauf im Schlussquartal zeigte sich Eichiner zufrieden: „Die weltweite Nachfrage nach unseren Produkten ist nach wie vor gut", sagte er. Deutliche Zuwächse vor allem in China und den USA trieben den globalen Konzernabsatz 2012 um 11 Prozent auf knapp 1,85 Millionen Autos in die Höhe. Sämtliche Konzernmarken - also BMW, Mini und Rolls-Royce - verbuchten neue Bestmarken. Damit gelang dem Konzern der achte Rekord seit der Jahrtausendwende und der zweite in direkter Folge. Allein von der Kernmarke wurden knapp 1,54 Millionen Fahrzeuge verkauft, ein Plus von rund 12 Prozent.

2013 will BMW abermals Marktanteile gewinnen

Den nächsten Rekord hat BMW bereits im Visier: „Unser junges Produktportfolio macht uns Hoffnung für 2013", sagte Eichiner und meint damit die neuen Generationen der 1er und der 3er-Reihe sowie den neuen 4er. BMW wird auf der ersten wichtigen Branchenmesse des Jahres in Detroit eine seriennahe Konzeptstudie des Coupés vorstellen. „Wir sollten davon profitieren. Deshalb wollen wir weltweit auch stärker wachsen als der gesamte Markt", sagte der Manager. Experten rechnen damit, dass 2013 weltweit 3 Prozent mehr Autos verkauft werden als im Vorjahr.

Getty Images

Die Marke BMW ist auf der ganzen Welt beliebt. Hier schaut sich ein Paar in der Stadt Yangon im südasischen Myanmar eine Limousine an.

Associated Press

Auch diese russische Polizeioffiziere zeigen großes Interesse an der deutschen Luxusmarke, hier ein Bild vom Automobilsalon in Moskau im vergangenen August.

Der Optimismus bei BMW zu Beginn eines Jahres, das aus konjunktureller Sicht eher sorgenvoll stimmt, ist ein weiteres Signal dafür, dass die Autoindustrie immer mehr zur Zwei-Klassen-Gesellschaft wird. Während auf der einen Seite Volumenhersteller wie Opel oder Peugeot-Citroën zusehends unter Druck geraten und ihre Probleme existenzbedrohliche Ausmaße annehmen, florieren die Verkäufe der global tätigen Premiumhersteller. Vor allem in China und den USA brummen ihre Geschäfte nach wie vor. Die Krise hierzulande trifft sie nicht frontal.

Auf dem europäischen Markt geht es wegen der Schuldenkrise steil bergab. Teure Anschaffungen wie die eines Autos werden verschoben oder müssen wegen Arbeitslosigkeit ganz ausfallen. Daran wird sich auch 2013 nichts ändern.

„Der Automobilmarkt in Europa ist eindeutig in einer Absatzkrise", sagte Eichiner. „Der Markt liegt etwa 2 Millionen Einheiten unter dem Höchstniveau. Ich kann heute nicht sehen, bis wann das wieder aufgeholt sein wird." Derzeit gebe es keine Anzeichen für eine Entspannung. Im Gegenteil: Für 2013 rechnet Eichiner mit einem weiteren Rückgang der Verkaufszahlen um rund 3 Prozent. Damit wäre dann das niedrigste Absatzniveau seit rund 20 Jahren erreicht.

Wachstum werde es nur außerhalb Europas geben: „In China sieht es so aus, dass es nach einer Seitwärtsentwicklung im Sommer derzeit wieder bergauf geht", sagte der BMW-Manager. "Der chinesische Gesamtmarkt wird 2013 aus unserer Sicht voraussichtlich um 6 Prozent zulegen". In den USA rechnet er mit rund 5 Prozent Wachstum.

Weltweite Präsenz schützt gegen lokale Krisen

BMW kann der Krise trotzen, weil der Konzern breit aufgestellt ist: „Die Krise in Europa spüren wir natürlich auch, wir mussten unsere Ambitionen für den europäischen Markt zurücknehmen", sagte Eichiner. Da BMW aber rund um den Globus vertreten sei, könne man die Marktschwäche hierzulande ausgleichen.

Längst nicht alle Autobauer sind so unabhängig vom Heimatmarkt, weshalb Experten glauben, dass sich die Schere zwischen Gewinnern und Verlieren in der Branche noch weiter öffnen wird. Die Polarisierung steige seit Jahren und werde dies auch 2013 tun, sagte stellvertretend Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach.

„Dabei zeigt sich insbesondere eine Trennlinie von erfolgreichen, stark globalisierten Herstellern wie Volkswagen, Hyundai und den Premiumherstellern auf der einen Seite und den wenig globalisierten und häufig kleineren Volumenherstellern auf der anderen Seite", sagte Bratzel. BMW profitiert von einer sehr guten Positionierung in Wachstumsmärkten und einem sehr guten Image. „Daran wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern."

Neben den Verkaufszahlen entwickelt sich auch die Ertragslage höchst unterschiedlich: Während sich Volumenhersteller schwer tun, überhaupt Geld zu verdienen, schaffen global aufgestellte Produzenten von Oberklassewagen trotz schwieriger Marktbedingungen und massiver Investitionen in Produkte, Kapazitäten und alternative Antriebe nach wie vor Renditen, die nahe den historischen Hochs aus dem vergangenen Jahr liegen.

Das gilt auch und gerade für Branchenprimus BMW: „Unser Ziel einer Rendite im Automobilgeschäft am oberen Ende des Korridors von 8 bis 10 Prozent haben wir mit großer Sicherheit erreicht", sagte Friedrich Eichiner. Nach neun Monaten verbuchten die Bayern eine Marge vor Zinsen und Steuern von knapp 11 Prozent, 2011 waren es 11,8 Prozent gewesen.

Eichiner gilt als einer der Erfolgsgaranten

Wo es 2013 mit der Marge hingehen könnte, dazu wollte sich Eichiner noch nicht äußern. „Wenn es uns gelingt, mehr Fahrzeuge zu verkaufen, ist es auch unser Anspruch, das Ergebnis zu steigern", sagte er lediglich. Konkreter will sich BMW auf der Bilanzpressekonferenz im März äußern.

Associated Press

BMW-Finanzvorstand Friedrich Eichiner hat den Autohersteller zusammen mit Vorstandschef Norbert Reithofer auf Rendite getrimmt.

Dass etliche Analysten den ausgegebenen Renditekorridor als zurückhaltend einstufen, stört Eichiner nicht. Die Vorgabe sei „durchaus anspruchsvoll", sagte er. „Wir dürfen beispielsweise die zukünftig weltweit strengeren Emissionsvorschriften nicht vergessen. Dafür müssen wir erhebliche Vorleistungen erbringen, alleine 2013 werden wir zusätzlich 1 Milliarde Euro in Zukunftsthemen wie die Elektromobilität und den Leichtbau investieren."

Der promovierte Betriebswirt Friedrich Eichiner ist seit vier Jahren Finanzvorstand des BMW-Konzerns. 1955 in der oberbayerischen Kleinstadt Eichstätt geboren, kam er vor 25 Jahren zum Münchener Autokonzern, wo er zunächst verschiedene Aufgaben in den Bereichen Logistik und Produktion sowie später im Vertrieb übernahm. Ab 2002 verantwortete er die Konzernplanung, bevor er 2007 in den Vorstand berufen wurde und in dieser Position die Konzern- und Markenentwicklung leitete.

Zusammen mit Vorstandschef Norbert Reithofer gehörte Eichiner zu jenem Management-Team, das BMW in den vergangenen Jahren auf Rendite getrimmt hat. Mit der „Strategie Number One", dem Fahrplan des Konzerns bis 2020, haben sich Reithofer und Eichiner großes Renommee am Kapitalmarkt verschafft.

Experten rechnen dem bayerischen Tandem hoch an, dass es die Krise nach dem Zusammenbruch der US-Invetmentbank Lehman Brothers 2008 schnell voraussah und die Notbremse zog. Während die Konkurrenz damals teilweise tiefrote Zahlen schrieb, weil die Bänder ungebremst weiterliefen, hielt sich BMW in der Gewinnzone.

BMW

Wird in Detroit der Öffentlichkeit vorgestellt - der 4er BMW, ein Coupé.

Für viele Analysten sind die Bayern nicht zuletzt wegen des erfolgreichen Managements zusammen mit Europas Nummer eins Volkwagen gegenwärtig die erste Wahl in der Automobilindustrie. Experten gefällt vor allem das erfolgreiche China-Geschäft sowie die klare Konzentration der Fahrzeugpalette auf das profitable Oberklassesegment.

Eines der Zauberworte im Vierzylinder, der Firmenzentrale von BMW, heißt Flexibilität. Sie will Eichiner angesichts des zunehmend schwierigeren Geschäfts unbedingt bewahren: „Die Volatilität in den Märkten ist massiv gestiegen. In jedem Markt, auch beispielsweise in China, kann es zu Schwankungen kommen", sagte er. „Flexibilität in der Produktion und Kostenmanagement ist die einzig sinnvolle Antwort darauf." BMW sei in der Lage, schnell zu reagieren.

2016 - im Jahr des 100-jährigen Firmenjubiläums – will BMW erstmals die magische Marke von insgesamt 2 Millionen verkauften Autos knacken. Angesichts der Zahlen vom vergangenen Jahr scheint das nicht schwer. Doch Eichiner sieht noch Luft nach oben: „Ich würde mich natürlich über eine weiterhin positive Entwicklung freuen. Die Chance ist durchaus da". Man müsse allerdings erst einmal abwarten, wie sich die Situation in Europa entwickle.

Expansion in Russland könnte nächster Schritt sein

Die Fertigungskapazitäten will BMW bis dahin mit Bedacht ausbauen: „Wenn wir weiter wachsen wollen, müssen wir uns auch überlegen, wie wir mit einem Produktionsaufbau umgehen", sagte Eichiner. Die Gefahr von Überkapazitäten sieht er nicht. Auch hier plane BMW konservativ: „Erst wenn die Nachfrage groß genug ist, folgen auch die Produktionskapazitäten".

Im vergangenen Jahr hat BMW seine Produktion in China deutlich ausgebaut; vor wenigen Monaten wurde der Bau eines Werkes in Brasilien angekündigt. Einer der nächsten Schritte könnte auf dem wachsenden russischen Markt folgen: „Wir sind in Russland in Gesprächen hinsichtlich unserer zukünftigen Produktionskapazitäten vor Ort", sagte Eichiner. Es sei zwar noch keine Entscheidung gefallen, machte er deutlich. „Aus strategischer Sicht ist es aber sinnvoll, darüber nachzudenken, wie es dort weitergehen kann".

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Russland gilt mit seiner wachsenden Mittel- und Oberschicht als ein wichtiger Zukunftsmarkt für die Branche. Nur etwa 2 von 10 Russen haben bisher einen eigenen Wagen; in westlichen Industrienationen ist es etwa jeder zweite. Rund ein Drittel der Autos auf russischen Straßen hat 15 Jahre oder mehr auf dem Buckel und muss deshalb irgendwann ersetzt werden.

Nicht umsonst sieht Europas größter Autobauer Volkswagen das flächenmäßig größte Land der Welt als Wachstumsmarkt Nummer eins auf dem alten Kontinent und will seinen Absatz dort bis 2018 um mehr als die Hälfte auf rund eine halbe Million ausweiten. Dazu wurden erst vor wenigen Monaten die Investitionen um 1 Milliarde Euro aufgestockt.

Autoexperte Bratzel erwartet, dass der russische Automarkt in diesem Jahr um 7 Prozent auf 3,1 Millionen Neuzulassungen zulegen wird und damit auch einen großen Beitrag zum weltweiten Wachstum leisten wird. Bratzel hält es sogar für möglich, dass Russland Deutschland als größten europäischen Automarkt überholen könnte. 2008 wäre schon fast dazu gekommen, doch mit der weltweiten Finanzkrise kam auch der russische Automarkt unter die Räder. Inzwischen ist der Schock überwunden, und das Wachstum steht nach Expertenmeinung mittlerweile auf soliden Füßen.

BMW verkaufte in Russland 2012 insgesamt etwa 40.150 Fahrzeuge – ein Zuwachs von 33 Prozent. Die Münchener betreiben in Kaliningrad mit dem russischen Autobauer Avtotor ein Montagewerk. Dort werden seit 1999 unter anderen der BMW 3er, 5er und 7er sowie die Geländewagen X1, X3, X5 und X6 aus fertigen Teilesätzen zusammengebaut. Solche sogenannten CKD-Werke können in der Regel zu kompletten Produktionsstandorten ausgebaut werden.

Autowerke direkt in den wichtigen Wachstumsländern liegen im Trend. Mit Produktionskapazitäten vor Ort versuchen Autohersteller, Zölle, Transportkosten und die Folgewirkungen schwankender Wechselkurse möglichst niedrig zu halten.

Wenn wie bei BMW die meisten Autos und Motoren in Deutschland hergestellt werden, fallen die Kosten vornehmlich in Euro an. Da die Fahrzeuge allerdings zunehmend ins Ausland gehen, schlagen Wechselkursveränderungen von US-Dollar, Renminbi und Rubel auf die Bilanz durch. Deswegen produziert auch BMW zunehmend im Ausland. 2002 kamen noch rund 70 Prozent aller verkauften BMWs aus Deutschland, 2011 lag der Anteil nur noch bei etwa 60 Prozent.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

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