• The Wall Street Journal

US-Markt für Autobranche auch 2013 entscheidend

    Von NICO SCHMIDT
Associated Press

Nach der Wirtschaftskrise von 2009 erholt sich der amerikanische Automarkt langsam, aber stetig. Für die Branche ist der Markt angesichts der Krise in Europa deshalb auch in diesem Jahr wichtig. Volkswagen hat reagiert und in Chattanooga ein Werk errichtet. Auf dem Bild wird ein dort produzierter Passat auf einen Zug verladen.

Nach der Finanzkrise 2008 zunächst totgesagt, hat sich der US-Automarkt in den vergangenen Jahren zu einer wichtigen Stütze der weltweiten Fahrzeugbranche entwickelt. Obwohl der Motor in Europa derzeit kräftig stottert, wuchs der Absatz weltweit - nicht zuletzt weil viele Amerikaner einen Neuwagen kauften. Auch 2013 wird es in den USA nach Einschätzung von Experten aufwärts gehen, nachdem die Politik in Washington den Absturz von der vielzitierten Fiskalklippe noch im letzten Moment verhindern konnte.

„Für den US-Markt erwarten wir in diesem Jahr einen Zuwachs von rund 5 Prozent", prognostizierte deshalb BMW -Finanzchef Friedrich Eichiner in einem Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland. Auch Analysten – beispielsweise Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler – halten ein Wachstum in dieser Größenordnung für realistisch.

Automobilexperte Peter Fuß von der Unternehmensberatung Ernst & Young ist zwar etwas zurückhaltender, erwartet aber auch, dass der Aufwärtstrend anhält: „Auf dem US-Markt ist aus meiner Sicht ein leichtes Wachstum von zirka drei bis fünf Prozent gegenüber 2012 möglich", schätzte er. Die Marktforscher von L.R. Polk rechnen sogar damit, dass die Neuzulassungen von Pkw und Trucks um gut 6,5 Prozent zulegen werden.

Wie groß das Wachstum am Ende auch ausfallen wird, alle Experten sind sich einig, dass es weiter bergauf geht. Dabei hatten einige Branchenkenner schon den Abgesang auf den ehemals größten Automobilmarkt der Welt gesungen. Denn seit der Jahrtausendwende, als in den USA jährlich noch mehr als 17 Millionen Autos, Geländewagen und Pick-Ups verkauft wurden, ging es mit den Verkaufszahlen rapide nach unten.

Der unrühmliche Tiefpunkt folgte nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers und der dadurch ausgelösten schweren Wirtschaftskrise von 2009: Die Zahl der Neuzulassungen zwischen New York und Los Angeles sackte auf gerade einmal rund 10,5 Millionen Fahrzeuge ab. Der aufstrebende chinesische Automarkt lief dem amerikanischen den Rang als größter der Welt ab und hat diese Position gehalten.

Associated Press

Im Dezember verzeichneten US-Autohändler die stärkste Nachfrage in diesem Monat seit der Rezession.

Doch auch in den USA hat sich das Geschäft wieder erholt, kontinuierlich, wenngleich langsam. Kauften Amerikas Autofahrer 2011 rund 12,7 Millionen Fahrzeuge, waren es 2012 etwa 14,5 Millionen, ein Plus von gut 13 Prozent. Seit nunmehr drei Jahren erholt sich der Markt mit prozentual zweistelligen Wachstumsraten.

„Der Markt kehrt langsam auf das Vorkrisenniveau zurück, ist aber noch lange nicht dort angelangt", beschreibt BMW-Finanzchef Eichiner die Situation. Es wird wohl auch noch eine Weile dauern bis der Markt alte Bestwerte wieder erreicht. Finanz- und Schuldenkrise wirken nach Meinung von Analyst Fuß von Ernst & Young nach. Das volle Vertrauen der Verbraucher sei „noch nicht soweit wieder hergestellt, dass das Vorkrisenniveau kurzfristig erreicht wird."

Fuß rechnet frühestens in fünf Jahren damit, dass Verkaufszahlen wie 2007 erreicht werden. Dazu müsse die Immobilienkrise überwunden und der Mittelstand gezielt gefördert werden. Den Optimismus der Experten untermauern ganz unterschiedliche Gründe. Einer davon ist das Bevölkerungswachstum: Analyst Eric Heymann von der Deutschen Bank rechnet etwa damit, dass die Zahl der US-Bürger von gegenwärtig rund 310 Millionen bis 2030 um 50 Millionen zulegen wird.

Die Autoneuheiten aus Detroit

Mercedes-Benz

Deshalb seien die Perspektiven für den Automobilmarkt jenseits des großen Teiches langfristig deutlich besser als diesseits - in Europa, schlussfolgert Heymann. Viele vergleichsweise junge Menschen stehen für viele potenzielle Neuwagenkäufer.

Ein zweiter Grund für die positiven Aussichten auf dem US-Automarkt: Auf den Highways sind viele alte Autos unterwegs, die über kurz oder lang ersetzt werden müssen. Laut Ratingagentur Fitch ist das durchschnittliche amerikanische Auto schon vor elf Jahren zugelassen worden – ein deutlich höherer Wert als in anderen Ländern und den Vereinigten Staaten selbst eigentlich üblich.

Angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Aussichten haben vor allem private Autofahrer ihre Neuanschaffungen in den vergangenen Jahren auf die lange Bank geschoben. Dieser Investitionsstau wird sich irgendwann auflösen, da sind sich die Experten sicher. Dafür spricht, dass die Amerikaner vergleichsweise günstig an Kredite kommen – ein wichtiges Instrument zur Finanzierung beim Autokauf.

Doch die die Stimmung ist nicht ungetrübt. Zwar konnte der Absturz der Konjunktur vermieden werden, weil sich die Republikaner und Demokraten am Silvestertag doch noch auf eine Formel einigen konnten, mit der massive Haushaltskürzungen und automatische Steuererhöhungen vermieden wurden. Aber letztlich sind die Haushaltsprobleme nicht gelöst. Schon im Februar könnte es wieder Hiobsbotschaften für die Verbraucher geben, die die Autonachfrage belasten könnten.

Gleichwohl bleibt der US-Markt in seiner Bedeutung für die weltweite Autobranche immens. In Europa wird der Absatz bestenfalls stagnieren, während die Dynamik in China, die den Markt über Jahre befeuert hat, langsam aber sicher nachlässt.

Angesichts dessen bleiben die Vereinigten Staaten einer der Wachstumstreiber der Branche. Global gesehen erwarten Experten, dass die Nachfrage 2013 um etwa 3 Prozent steigen wird. Bedanken dafür dürfen sich Toyota, General Motors, VW und die anderen nicht zuletzt bei den Amerikanern, deren Konsumverzicht dann doch Grenzen hatte.

Das sind gute Nachrichten vor allem für die deutschen Hersteller, die in den vergangenen Jahren in den USA sehr erfolgreich waren. Für sie war 2012 gar ein Rekordjahr. Das gebe Rückenwind für 2013, sagte kürzlich Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. „ Wir setzen alles daran, um die Erfolgsgeschichte der deutschen Automobilindustrie in den Vereinigten Staaten auch in diesem Jahr fortzuschreiben".

Die deutschen Marken wuchsen im vergangenen Jahr erneut schneller als der US-Markt – zum siebten Mal in Folge: Nach den VDA-Daten steigerten sie ihre Verkäufe um gut ein Fünftel auf rund 1,27 Millionen Fahrzeuge. Mehr als jeder achte Pkw, der 2012 in den USA neu verkauft wurde, trägt mittlerweile ein deutsches Markenzeichen - Tendenz eindeutig steigend.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

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