• The Wall Street Journal

VW kommt im Kampf um den weltweiten Autothron voran

    Von NICO SCHMIDT

Volkswagen -Chef Martin Winterkorn hat ein klares Ziel vor Augen: In den kommenden Jahren will er das Unternehmen zum größten und erfolgreichsten Autohersteller der Welt machen. "2012 war das beste Verkaufsjahr aller Zeiten. Mit unserer Strategie 2018 sind wir erneut einen deutlichen Schritt vorangekommen", sagte Winterkorn am Rande der Automesse von Detroit.

Schon in diesem Jahr könnte sich Volkswagen am Erzrivalen General Motors vorbeischieben und zum zweitgrößten Hersteller werden. Der Weg zum Marktführer Toyota ist aber noch weit – und von hinten drängelt mit der südkoreanischen Allianz aus Hyundai und Kia ein ernstzunehmender Konkurrent um die künftige Krone im Automobilmarkt.

Bis spätestens 2018 will Winterkorn den Branchenprimus Toyota eingeholt haben. Im vergangenen Jahr haben die Wolfsburger einen weiteren Schritt in Richtung Weltspitze gemacht: Europas Nummer eins wuchs deutlich stärker als der Erzrivale General Motors. Vorne dürfte aber erneut Toyota liegen, auch wenn Zahlen noch nicht bekannt sind, weil das Geschäftsjahr noch bis Ende März läuft.

Nachholbedarf nach Erdbeben kam Toyota zugute

Die Japaner verkauften im ersten Halbjahr 2012/13 weltweit 4,5 Millionen Autos - knapp 1,5 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Analysten erwarten, dass Toyota im Gesamtjahr 9,7 Millionen Fahrzeuge absetzen wird. Allerdings profitierte Toyota zuletzt von einer Sonderkonjunktur: Die Verwüstungen, die Erdbeben und Tsunami im März 2011 in Japan verursachten, ließen den Absatz zunächst massiv einbrechen. Nachdem die Lieferschwierigkeiten überwunden waren, liefen japanische Autos umso besser.

Associated Press

Um an der Weltspitze mitzumischen, müssen Autokonzerne bereit sein, die Märkte überall auf der Welt zu beackern. Zunehmend bedeutsam ist das Geschäft in Indien.

Associated Press

VW-Chef Martin Winterkorn bezeichnete auf der Automesse in Detroit den Zugang zu den ASEAN-Staaten und Afrika als nächste Herausforderungen für den deutschen Konzern. 2018 will er nach Absatz Spitzenreiter sein.

Volkswagen wuchs dagegen mit Hilfe der Märkte China und USA. 2012 verkaufte der Konzern 9,07 Millionen Fahrzeuge, ein Plus von rund elf Prozent. Der US-Autoriese General Motors schaffte ein relativ mageres Plus von 2,9 Prozent, lag nach absoluten Zahlen mit 9,2 Millionen verkauften Autos aber noch vor VW.

Im Wettkampf um die automobile Vormachtstellung bleibt es also spannend. "Der Dreikampf um die Krone der weltweit absatzstärksten Automobilhersteller wird härter", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management.

An Toyota führe dabei derzeit kein Weg vorbei, auch wenn zwei Faktoren für Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer die gute Bilanz der Japaner trübten: "Einerseits ist der Konflikt zwischen Japan und China noch lange nicht ausgestanden und Toyota hat damit in China auch mittelfristig ein höheres Risiko." Zum anderen sei Toyota immer wieder mit neuen großen Rückrufen in den Schlagzeilen und damit verwundbar, so der Experte von der Universität Duisburg-Essen.

GM wird wenig Dynamik im Wachstum zugetraut

Dass GM daraus einen Nutzen ziehen können wird, bezweifeln Experten. Die Amerikaner wüchsen langsamer als die Wettbewerber und hätten durch Opel „eine sehr große offene Flanke", meint etwa Dudenhöffer. In den USA verliere GM Marktanteile, in China habe VW die Amerikaner überholt. Auch künftig werde sich GM wohl weniger dynamisch als die Konkurrenz entwickeln, prognostiziert der Experte und folgert: "GM ist kein Wettbewerber um das Rennen zum größten Autobauer weltweit".

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Volkswagen sehen die Autoexperten in einer deutlich besseren Ausgangslage. "Der Volkswagen-Konzern besitzt im Vergleich zu GM eine deutlich höhere Dynamik in wichtigen Kernmärkten und kann mit seinen Top-Marken Audi, VW, Skoda und Porsche auf ein breiteres und hochwertigeres Produktportfolio zurückgreifen", so Stefan Bratzel. Halte die Dynamik bei den Wolfsburgern an, könnten sie bereits 2013 auf Rang zwei vorrücken und die Amerikaner überholen.

Langfristig bleiben laut Dudenhöffer Volkswagen und Hyundai-Kia die schärfsten Wettbewerber von Toyota im Rennen um die Pole-Position in der Autoindustrie. Der Autoexperte glaubt, dass die Südkoreaner noch ein paar Jahre brauchen, um den großen Abstand der drei führenden Konzerne aufzuholen. Hyundai und Kia verkauften 2012 zusammen 7,11 Millionen Autos – 9,2 Prozent mehr als im Jahr davor.

Gegen den Trend konnten die beiden Marken sogar auf dem schrumpfenden europäischen Markt wachsen, der schwer von der Schuldenkrise gebeutelt wird.

Bis zum Jahr 2020 werde Hyundai-Kia aber ebenbürtig mit VW und Toyota sein, schätzt Dudenhöffer. Mehr noch: „Wächst Hyundai-Kia mit dem bisherigen Wachstumsvorsprung zu VW weiter, wird im Jahre 2020 nicht die VW-Gruppe der größte Autobauer weltweit sein, sondern Hyundai-Kia". Wie schnell die Südkoreaner wachsen, hat Dudenhöffer mit seinem Team errechnet.

Im Durchschnitt der vorherigen fünf Jahre legten die Verkäufe der Asiaten um rund elf Prozent zu. Der VW-Konzern - inklusive der mittlerweile übernommenen Sportwagenschmiede Porsche - kommt auf ein Wachstum von "nur" 7,5 Prozent. Auch in Sachen Profitabilität schlagen sie den Konkurrenten mittlerweile ein Schnippchen.

Hyundai und Kia brauchen noch Jahre um aufzuholen

Bratzel sieht die Wachstumsaussichten der Südkoreaner dagegen zurückhaltender: Zwar seien Hyundai und Kia ein hartnäckiger Verfolger. "Allerdings ist der Abstand zu den Top Drei noch groß und gegenüber Volkswagen und Toyota konnten die Koreaner im zurückliegenden Jahr den Abstand nicht verkürzen".

Um sich den Traum von der Marktführerschaft zu erfüllen, greift Volkswagen-Lenker Winterkorn tief in die Tasche. Im November gab VW das größte Investitionsprogramm der Firmengeschichte bekannt. Gut 50 Milliarden Euro sollen in den nächsten drei Jahren in neue Produkte, Werke und Technologien gesteckt werden, hinzu kommen zehn Milliarden Euro aus den chinesischen Joint Ventures mit den heimischen Autobauern FAW und SAIC.

Mit den massiven Ausgaben wollen sich die Niedersachsen Hyundai und Kia vom Leib halten und an Toyota sowie GM vorbeiziehen. Um bis spätestens 2018 an der automobilen Weltspitze angekommen zu sein, will Europas Branchenprimus den Absatz in den USA vervielfachen, die Präsenz in (Südost-)Asien ausweiten und vor allem massiv in die Kapazitäten in den wichtigen BRIC-Staaten China, Russland und Indien investieren.

Es bleiben allerdings einige Hausaufgaben für Winterkorn zu erledigen: So muss der mittlerweile riesige Konzern mit seinen mehr als 500.000 Mitarbeitern auf Kurs gehalten werden, eine Kannibalisierung zwischen den mittlerweile zwölf Pkw- und Nutzfahrzeugmarken gilt es zu vermeiden. In den USA hat VW einigen Nachholbedarf, die Abhängigkeit von China wächst andererseits von Jahr zu Jahr.

Kommt das Billigauto von VW?

"Vor uns liegen große Herausforderungen", räumte der VW-Chef denn auch in Detroit ein. Nötig sei es, das Geschäft in den zukunftsträchtigen ASEAN-Staaten und in Afrika auszubauen. Hier sei Volkswagen nur schwach vertreten.

Auch ein Billigauto für die Schwellenmärkte - wie es beispielsweise Hyundai und Kia erfolgreich in Indien verkaufen - hat VW noch nicht im Programm. Eine Entscheidung über ein Einstiegsmodell für Schwellenländer wird nach Angaben von VW-Chef Winterkorn noch in diesem Jahr fallen. "Die Frage ist: Kriegen wir es hin, ein Low-Cost-Modell zu machen, ohne unsere Qualitätsansprüche aufzugeben", sagte er in Detroit. Ein Billigmodell dürfe den Ruf der Kernmarke nicht beschädigen. Unter dem Markennamen VW sei das aus heutiger Sicht schwer vorstellbar.

Trotz aller Herausforderungen arbeiten Winterkorn und sein Ziehvater, der Konzern-Partiarch und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, hartnäckig daran, Volkswagen an die Spitze zu führen. Die Früchte ihrer Arbeit wollen sie noch ernten, ehe sie irgendwann Platz für eine neuen Führungsmannschaft machen werden. Eilig haben sie es nicht: Der 75-jährige Piëch ließ zuletzt mehrfach durchblicken, dass er und Winterkorn mindestens noch ein halbes Jahrzehnt auf der Kommandobrücke bleiben wollen.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

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