• The Wall Street Journal

Der SUV läuft der Limousine den Rang ab

    Von NICO SCHMIDT
Associated Press

Hohe Produktionsmengen: Immer mehr SUVs werden weltweit gebaut.

Sportliche und geländegängige Familienkutschen haben nicht nur deutsche Straßen im Sturm erobert. Nahezu in jedem Land dieser Erde wachsen die Verkäufe der sogenannten SUVs trotz der im allgemeinen eher flauen Nachfrage rasant. Längst geht es dabei nicht mehr nur um spritfressende Oberklassenmodelle. Der Trend hat mittlerweile alle Segmente erfasst. Experten rechnen damit, dass der Boom auch in den nächsten Jahren anhalten wird. Normale Limousinen könnten nach und nach verdrängt und zunehmend zu Autos von gestern werden.

Der 41-jährige Uwe Dillenberger ist einer, der das verstehen kann. Der IT-Berater stieg vor gut einem Jahr um: Fuhr er zuvor verschiedenste Limousinen und Kombis der gehobenen Mittelklasse - zuletzt eine C-Klasse von Mercedes-Benz -, ist sein neuester Dienstwagen ein X3 von BMW .

Den Umstieg hat er nach eigener Aussage zu keiner Zeit bereut: „Meine Erfahrungen sind absolut positiv. Beim Fahrkomfort gibt es quasi keinen Unterschied, der Kofferraum ist ausreichend groß und mit zunehmendem Alter ist Endgeschwindigkeit nicht mehr das entscheidende Kriterium", sagt Dillenberger.

Damit ist Dillenberger nicht alleine - wie er haben etliche Kollegen in seinem Unternehmen ihre Limousinen in SUVs wie den Volvo CX60, den Volkswagen Touareg oder die M-Klasse von Mercedes-Benz getauscht.

Die meistverkauften SUVs 2012

Auf Deutschland begrenzt ist das Phänomen nicht: „Die Kunden auf allen Weltmärkten lieben SUVs", sagte BMW-Finanzchef Friedrich Eichiner in einem Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland. Ein Trend, der auch anhalten dürfte: Die Nachfrage nach Luxuslimousinen werde künftig wohl sinken, während das Gegenteil für die Nachfrage nach sportlichen Geländewagen der Oberklasse gelte, heißt es in diesem Zusammenhang in einer Analyse der Credit Suisse .

„Es ist offensichtlich, dass die gute Entwicklung bei den Geländewagen und bei den SUVs zu Lasten klassischer Segmente geht", berichtete kürzlich auch Volker Lange, Präsident des Verbandes der Automobilimporteure in Deutschland (VDIK). Ein anschauliches Beispiel liefert der deutsche Markt: Während Europas größter Automarkt 2012 insgesamt gesehen schrumpfte, legte das Geländewagensegment zu – und zwar um nahezu ein Fünftel. Fast jedes sechste in Deutschland neu zugelassene Auto war 2012 bereits ein SUV.

Bis 2015 rechnen die Automobilexperten von PricewaterhouseCoopers damit, dass die Zulassungszahlen im SUV-Segment weltweit um die Hälfte zulegen, während die gesamte Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen im Vergleich zu 2010 wohl nur um ein Drittel steigen wird.

Die Gründe dafür sind leicht benannt: „SUVs haben den Vorteil, dass sie für viele Zwecke einsetzbar sind, beispielsweise für den Großeinkauf, den Transport von Sportgeräten oder die Urlaubsreise. Da schneiden Limousinen schlechter ab", meint etwa Peter Fuß, Partner bei Ernst & Young und bei der Unternehmensberatung für die Autoindustrie zuständig.

Auf der ersten großen Automesse des Jahres in Detroit stehen daher die sportlichen Geländewagen einmal mehr im Mittelpunkt. VW wird beispielsweise angeblich die Studie einer siebensitzigen XL-Variante des Verkaufsschlagers Tiguan präsentieren. Und bei BMW steht mit dem X4 das Konzept eines geplanten SUV-Coupés - quasi des sportlicheren Bruder des X3 - in den Startlöchern.

Die Branche ist also von den Wachstumsaussichten des SUV-Segments überzeugt. Audi-Chef Rupert Stadler erwartet, dass im Jahr 2020 jedes dritte weltweit verkaufte Neufahrzeug ein sportlicher Geländewagen sein wird. Die Ingolstädter, die bisher den Q3, den Q5 und den Q7 im Angebot haben, wollen deshalb über kurz oder lang die Modellpallette weiter ausbauen.

Jürgen Pieper, Autoanalyst vom Bankhaus Metzler, traut den geländegängigen Vehikeln immerhin einen globalen Marktanteil von einem Viertel zu: „SUVs bleiben auf der Gewinnerstraße", ist er sich sicher.

Die Neuheiten aus Detroit

Kein Wunder, dass sich zunehmend mehr Autohersteller eine Scheibe von dem wachsenden Marktsegment abschneiden wollen. Opel brachte beispielsweise Ende vergangenen Jahres mit Erfolg den Kompakt-SUV Mokka auf den Markt. Volkswagen stellte im Oktober auf der Automesse in Sao Paulo eine Studie des auf dem Stadtflitzer up basierenden Taigun vor, die in wenigen Jahren serienreif sein könnte.

Der SUV-Boom ist nicht nur im Volumensegment und der gehobenen Mittelklasse zu bemerken, sondern zieht sich inzwischen über sämtliche Segmente hin. Auch die Sportwagenschmiede Porsche will nach dem Erfolg des Cayenne in diesem Jahr noch stärker bei SUVs Fuß fassen. Im Herbst soll der kompakte Macan auf den Markt kommen und die Zuffenhausener in neue Absatzdimensionen hieven: Verkaufte Porsche 2012 insgesamt rund 120.000 Autos, soll alleine die fünfte Baureihe irgendwann über 50.000 Mal jährlich an den Kunden gebracht werden.

Dabei war das erste Feedback auf den Cayenne damals alles andere als positiv. Als Ex-Chef Wendelin Wiedeking im Frühjahr 2002 auf dem Genfer Automobilsalon erste Bilder des Wagens zeigte, musste er harsche Kritik für das Design einstecken. Zu Unrecht, wie sich mittlerweile herausgestellt hat: 2012 hat Porsche dem Modell mehr als die Hälfte seines Absatzrekords zu verdanken. In den zehn Jahren seit der Markteinführung wurde der Cayenne rund 430.000 Mal verkauft.

Auch in der absoluten Luxusklasse sind SUVs mittlerweile ein Thema. So sorgte unter anderem die VW-Nobelmarke Bentley auf dem Genfer Autosalon im März mit der Konzeptstudie EXP 9 F für Furore. Wird der Plan umgesetzt, soll das britische SUV das teuerste der Welt sein. Noch muss die Muttergesellschaft aber noch grünes Licht für das Projekt geben.

Bentleys Super-Sportwagenschwester Lamborghini legte wenige Wochen später nach und präsentierte auf der Messe in Peking die Konzeptstudie Urus, die das italienische Traditionsunternehmen wieder in die Gewinnzone führen soll. Auch für diesen Wagen fehlt allerdings noch das Ok aus Wolfsburg.

Die Gründe für den anhaltenden SUV-Boom sind vielfältig: Hauptargument ist oft der zusätzliche Platz, aber auch die komfortable, hohe Sitzposition. Das war auch eines der beiden Hauptargumente, das IT-Berater Dillenberger zum Umsteigen auf ein SUV brachte: „Ich habe Rückenprobleme. In einem SUV sitzt man einfach besser". Gerade für Vielfahrer wie ihn, der im Jahr rund 40.000 Kilometer in seinem Wagen zurücklegt, ein wichtiges Argument.

Das andere war der Allradanrieb im X3 von BMW: „In den vergangenen Jahren bin ich mit meinem Mercedes mit Heckantrieb bei Wintereinbrüchen zwei Mal liegengeblieben". Mit dem Vierradantrieb im X3 soll ihm das nicht noch einmal passieren.

Viele SUVs - gerade im Volumen- und Kompaktsegment - gibt es allerdings gar nicht mit Allradantrieb, zumindest nicht serienmäßig. Und trotzdem gibt es gute Kaufargumente: Referieren Designer, verweisen sie beispielsweise immer wieder auf den zunehmenden Drang der Käufer zur Individualität und die große Emotionalität, die SUVs zu vermitteln scheinen. Zudem sind die Restwerte für Gebrauchte laut Analysten höher als bei herkömmlichen Limousinen.

[image]

Auch das Gegenargument des hohen Verbrauchs kann immer seltener angeführt werden. Denn die sportlichen Geländewagen sind mittlerweile deutlich sparsamer geworden und nur noch selten Spritfresser mit acht Zylindern. „Durch die zunehmende Optimierung der Motoren - inklusive Hybridtechnik - ist der Verbrauch von SUVs gesenkt worden", sagte Fuß von Ernst & Young.

Trotzdem liegt nach Einschätzung von BMW-Manager Eichiner hier die größte Herausforderung für die Zukunft: „Der Trend hin zur Verschärfung der Emissionsvorschriften könnte sich dämpfend auf die Nachfrage auswirken", sagte er im Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland. „Für uns heißt das, dass wir Technologien weiterentwickeln und den Verbrauch weiter senken müssen". Möglich sei dies unter anderem durch die Gewichtsreduzierung sowie die Elektrifizierung des Antriebs.

Ein positiver Nebeneffekt des SUV-Booms für die Hersteller: Auch die Augen der Finanzchefs leuchten. Denn die Gewinne speziell im Premiumsegment sprudelten vor allem auch durch die Geländewagenverkäufe, heißt es in der Studie der Credit Suisse. Da SUVs nachweislich vor allem von wohlhabenden Menschen gekauft würden, lieferten sie BMW und Co. den größten Beitrag zu den Rekorderträgen der vergangenen Jahre.

Die These hält auch einer Überprüfung in umgekehrter Richtung stand: Der Premiumhersteller mit den größten Lücken im SUV-Segment, Mercedes-Benz, hinkt in Sachen Gewinn hinter den Konkurrenten her. Nicht umsonst äußerte Finanzchef Bodo Uebber kürzlich öffentlich den Premium-Weltmarktführer BMW um den kompakten X1.

Hohe Priorität hat für die Schwaben nach eigenen Angaben daher die Optimierung der eigenen SUV-Palette. Daimlers Aufsichtsratschef Manfred Bischoff kündigte in einem Interview an, bis 2014 einen Geländewagen auf Basis der kompakten A-Klasse auf den Markt bringen zu wollen.

Denkt jeder Autofahrer so wie IT-Berater Dillenberger, ist das auch ein guter Rat. Denn für ihn ist eins klar: „Ich bin mir persönlich ziemlich sicher, dass ich nichts anderes mehr als ein SUV fahren werde".

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 28. Juli

    Sicherheitskontrollen und Süßigkeiten zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Ein Boxschlag, der Gesichstzüge entgleisen lässt. Eine Feuersbrunst, die eine ganze Stadt bedroht. Dieses und mehr zeigen unsere Bilder des Tages.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städte die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 27. Juli

    Ein Roboter will per Anhalter in ein Museum reisen, ein Kind leidet unter dem Krieg in Gaza, ein Ire schnorchelt im Schlamm und die Tour de France ist zu Ende - schauen Sie sich unsere Fotos des Tages an!

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.

Erwähnte Unternehmen