• The Wall Street Journal

Indien macht Tech-Firmen das Leben schwer

    Von AMOL SHARMA

India has proposed sweeping curbs on the import of technology products ranging from laptops to computer-network equipment. The WSJ's Amol Sharma talks about what this means for foreign technology companies.

NEU-DELHI - Indien gilt bei den westlichen Technologiefirmen als boomender Markt. Das weiß auch die indische Regierung. Ob Laptops, Drucker oder Netzwerktechnik: Delhi will den Import von Technologieprodukten massiv einschränken. Das geht aus einem dem Wall Street Journal vorliegenden Gesetzesentwurf hervor. Die Konzerne sollen dazu verpflichtet werden, einen Großteil ihrer in Indien verkauften Erzeugnisse auch in dem schnell wachsenden Schwellenland zu produzieren. Für viele der weltweit operierenden Technologiefirmen wie Cisco Systems, Dell, IBM, Ericsson oder Nokia Siemens Networks würde dies eine dramatische Umstellung bedeuten.

Um sich an die neuen Regulierungen anzupassen, müssten die Konzerne so schnell wie möglich Fabriken auf dem Subkontinent hochziehen - möglicherweise schon bis April - oder bestehende Fertigungskapazitäten ausbauen. Und das in einem Land mit dünner Infrastruktur, in dem der Bau von Fabriken wegen der überbordenden Bürokratie und anderer Schwierigkeiten mitunter Jahre dauern kann. Sonst könnten ihnen die Verkäufe in Indien wegbrechen.

Die betroffenen Branchen erzielen in dem Land Milliardenerlöse. Außerdem würden ihnen die zukünftigen Umsätze in einem boomenden Technologiemarkt durch die Lappen gehen. Es wird erwartet, dass der indische Technologiemarkt 2020 etwa 400 Milliarden US-Dollar schwer sein wird. Das wäre fast zehn Mal so viel wie noch 2009.

Indien will Industrieproduktion ankurbeln

Die neuen Gesetze, die sich derzeit noch im Stadium des Entwurfs befinden, sind ein Stück waghalsige Politik der indischen Regierung, um die Industrieproduktion anzukurbeln. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass dieser Plan abgespeckt oder verschoben wird.

Dennoch, Lobbyisten aus den USA und die betroffenen Unternehmen machen mächtig Front gegen die Vorschläge. Sie haben bei den Handelsbeziehungen zwischen den USA und Indien bereits für Spannungen gesorgt. Das Vorhaben ist aber nicht die einzige Sorge der US-Regierung. Sie fordert von Indien außerdem, die im April in Kraft tretenden Gesetze zur Bekämpfung von Steuervermeidung einzukassieren. Es könnten nämlich enorme Forderungen auf die ausländischen Investoren zukommen.

"Indien ist die größte Demokratie der Welt mit einem freien Markt", stellt Ron Somers fest. Er ist Präsident des amerikanischen-indischen Wirtschaftsrates, einer Lobbygruppe für US-Firmen in Indien. "Die Unternehmen zur lokalen Produktion zu verpflichten, ist ein Widerspruch zu dem ganzen Konzept des freien Marktes", so Somers.

Vertreter von Cisco, IBM, Nokia Siemens Networks und Ericsson in Indien wollten die Vorgänge nicht kommentieren. Eine Sprecherin von Dell hat eine Anfrage für einen Kommentar bislang nicht beantwortet.

Import von Elektroartikeln Hauptgrund für wachsendes Handelsdfizit

Indische Regierungsvertreter sind der Ansicht, dass die Importe von Elektronikartikeln gedrosselt werden müssen. Sie sind der Hauptgrund für das wachsende Handelsdefizit des Landes, welches Prognosen zufolge bis 2020 etwa 300 Milliarden Dollar groß sein wird. Bis dahin wird die Einfuhr von Technologie den Import von Öl weit übertroffen haben, lange der gewichtigste Grund für das Handelsdefizit. Außerdem bereiten der Regierung wachsende Cyber-Angriffe aus dem Ausland Sorge. "Einige Länder haben die Fähigkeit, die Gelegenheit und das Motiv, ihre Telekom-Unternehmen für böswillige Zwecke zu benutzen", heißt es in dem Gesetzesentwurf.

Indien will das produzierende Gewerbe auch angesichts des Wirtschaftswachstums von 5,3 Prozent stützen, was nach indischen Maßstäben ein eher träges Wachstum ist. Die Mehrheit der indischen Bevölkerung arbeitet nach wie vor in der Landwirtschaft, allerdings tragen Dienstleistungen den größten Teil zum Wachstum bei. Das produzierende Gewerbe macht trotz der Bemühungen der Regierung nur 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Ein erster Gesetzesentwurf nahm sich noch relativ harmlos aus. So sollte die Vorschrift zum Kauf von heimischen Produkten nur für Regierungsstellen gelten. Ähnlich wie in den USA, auch dort sind einige Regierungsstellen gesetzlich dazu verpflichtet, in der Heimat produzierte Erzeugnisse zu kaufen, so lange die Kosten in einem vernünftigen Rahmen liegen und alles im öffentlichen Interesse ist. Aber die jüngsten Vorschläge in Indien beziehen sich auch auf private Unternehmen. Außerdem geht es nicht nur um Technologieprodukte sondern auch um -dienstleistungen, wie sie zum Beispiel IBM anbietet.

Ausländische Unternehmen sehen die Spannungen mit dem Entwurf eskalieren. In einem Brief hat sich die Association of Unified Telecom Service Providers of India, in der indische und ausländische Telekommunikationsfirmen organisiert sind, beim zuständigen Ministerium beschwert. Die vorgeschlagenen Beschaffungsregeln für private Firmen seien ein "nie dagewesener Eingriff und eine massive Störung des weltweiten Telekommunikationsmarktes", hieß es in dem Brief. Sie würden außerdem die Grundsätze der Welthandelsorganisation WTO unterminieren.

Die Liste der betroffenen Produkte wird länger und länger

Die Liste der betroffenen Produkte ist seit dem ersten Entwurf deutlich länger geworden. Alles fing an mit einer Senkung der Importe von Mobilfunk-Ausrüstungsgegenständen, die von chinesischen Firmen hergestellt werden. In den vergangenen Wochen sind aber weitere Produkte hinzugekommen. Es geht nun um Tablets, Laptops, Drucker, Digitalempfänger, Drahtlos-Netzwerke, Mobiltelefone sowie Verteiler und Router, zentrale Bausteine in von Unternehmen genutzten Netzwerken.

Eine festgelegter Anteil für jedes Produkt muss von einem in Indien beheimateten Hersteller produziert werden. Dieser Anteil reicht von 30 bis 100 Prozent. Der durchschnittliche Anteil soll nach und nach steigen.

Reuters

Dell hat bereits eine Fabrik in Indien, in Sriperumbudur Taluk im Süden des Schwellenlandes.

Viele ausländische Firmen haben eigentlich nichts dagegen, Fabriken in Indien zu bauen. Im Gegenzug fordern sie aber Steuererleichtungen und Investitionen in die Infrastruktur wie Straßen und Energieversorgung. Einige westlichen Technologiefirmen wie Nokia Siemens und Ericsson produzieren schon in dem Land und wären der Konkurrenz so voraus. Viele andere, wie Cisco und IBM, haben keine Werke auf dem Subkontinent.

Lobbyist Somers macht darauf aufmerksam, dass solche Bundestaaten, die Anreize schaffen, auch amerikanische Firmen angezogen haben. Zum Beispiel Gujarat: In dem Staat im Westen des Landes baut der Autohersteller Ford seine größte Fabrik außerhalb der USA. Auch der Pharmakonzern Abbott Laboratories errichtet dort eine Fertigungsstätte.

Unter den neuen Regeln müssten die Technologiefirmen nicht nur in Indien produzieren. Sie müssten sich auch einen Großteil der Komponenten wie beispielsweise Halbleiter lokal beschaffen, damit der Wertzuwachs in Indien stattfindet. Indien hat aber keinen gewachsenen Markt für Halbleiter, was den lokalen Einkauf sehr schwierig macht. "Man kann die Fertigung in Indien nicht erzwingen, wenn diese nicht unterstützt wird", meint der indische Telekom-Analyst Akshay Grover von der Beratungsfirma Ernst & Young.

Venu Reddy, Analyst bei IDC, zeigt Indiens Herausforderungen anhand von hochwertigen Switches auf, die jedes Netzwerk benötigt. Indiens Firmen seien derzeit von einer Handvoll ausländischer Unternehmen abhängig, die diese Verteiler herstellen können. "Wie viele von diesen haben eine Fertigungsniederlassung in Indien?" fragt er, und beantwortet seine Frage gleich selbst: "Null".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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