• The Wall Street Journal

Preisblasen sind die wahre Bedrohung für die Welt

    Von SIMON NIXON

Wenn es schlecht läuft mit der Wirtschaft, suchen wir historische Vergleiche. Welcher Vergleich passt am besten für die Zeit, die uns bevorsteht? Nach den Ereignissen der vergangenen Woche heißt die vordergründige Antwort: die 1970er. Vieles erinnert heute an die instabilen Währungen, die steigende Inflation, zunehmende Arbeitslosigkeit und politische Unsicherheit, die in diesem unruhigen Jahrzehnt vorherrschten.

Am Wochenende haben die Wirtschaftsminister und Notenbankchefs der G-20 versucht, die Märkte zu besänftigen. Anlass waren die Ängste vor einem neuen Währungskrieg. Diese plagen die Wirtschaft weltweit, seit in Japan im vergangenen Monat eine neue Regierung gewählt wurde, die aggressiv den Yen schwächt.

Zuletzt hat die britische Notenbank ihren Teil zu den Befürchtungen einer weltweiten Inflation beigetragen: Die Bank of England hat ihr Ziel aufgegeben, die Inflation in zwei Jahren auf 2 Prozent zu drücken. Gleichzeitig ist das Bruttoinlandsprodukt in Europa im vierten Quartal stärker gesunken, als vorausgesagt worden war – und befeuerte damit die Unsicherheit darüber, wann die Rezession vorbei ist.

dapd

Nicht nur bei Immobilien drohen durch das billige Geld Preisblasen - hier Wolkenkratzer in New York.

Denkt man aber ein Stück weiter, erscheinen die Parallelen zum vergangenen Jahrzehnt stärker als zu den 70ern: Wie in den frühen Nullerjahren ist der wichtigste Faktor an den Märkten heute eine verzweifelte Suche nach Renditen, die weltweit potenzielle Blasen wachsen lässt. So wie die US-Notenbank Federal Reserve die Geldpolitik nach dem Dotcom-Crash lockerte, haben die Zentralbanken jetzt die Welt mit billigem Geld geflutet, um die Wirtschaft aus dem Tief zu holen.

Und wie im vergangenen Jahrzehnt gibt es Hinweise darauf, dass die Geldschwemme zu einer Inflation der Vermögenswerte führt, während die Inflation bei den Verbrauchsgütern niedrig bleibt. Anlass zur Sorge gibt es etwa im Schweizer, im kanadischen und Londoner Immobiliensektor, auf den Kapitalmärkten der Schwellenländer und auf dem europäischen Markt für Unternehmenskredite.

Obendrein halten manche das Übernahmeangebot von Starinvestor Warren Buffett für die US-Nahrungsmittelfirma Heinz für einen Vorboten eines neuen Booms der so genannten Leveraged Buyouts – Unternehmenskäufe, die mit Schulden finanziert werden. Das könnte bedeuten, dass die Grundlage für die nächste Finanzkrise gelegt wird, bevor die jetzige zu Ende ist.

Die Erklärung der G-20 am Samstag in Moskau mit dem Ziel, die weltweit beliebte Schwächung der eigenen Währung aufzuhalten, war nichtssagend und wenig überzeugend. Die Einigung der Gruppe lässt den Ländern nach wie vor viel Spielraum, die eigene Währung abzuwerten – solange es sich, so die Erklärung, um einen Nebeneffekt inländischer Währungspolitik handelt und nicht um den Versuch, die eigene Währung aus Wettbewerbsgründen abzuwerten.

Doch genau das tun die Notenbanken weltweit – was Beobachter auf das Schlagwort des Währungskrieges kommen ließ. Zuerst brachte Brasilien den Begriff gegenüber den USA ins Spiel, als sich das lateinamerikanische Land gegen die zweite Runde geldpolitischer Lockerungen der Fed aussprach. Jetzt behaupten die Japaner, dass ihre Geldspritzen nur dazu da sind, die eigene Wirtschaft anzukurbeln – aber es ist klar, dass das Land den Yen drücken will, um mehr an den Exporten zu verdienen.

Mervyn King, Chef der Bank of England, ist da noch offener: Er betont immer wieder, dass eine weitere Schwächung des Pfund nötig ist, um die Wirtschaft wieder ins Lot zu bringen. Und das obwohl die Währung seit dem Anfang der Finanzkrise schon um ein Fünftel gefallen ist, und dies auch andere Staaten dazu bringen könnte, ihrerseits die Landeswährung abzuwerten.

Trotzdem: Zunächst scheinen die Warnungen vor einem Währungskrieg übertrieben. Für den Yen ging es in diesem Jahr um fast ein Fünftel bergab – aber er bleibt immer noch innerhalb seiner langfristigen Spanne, denn in den vergangenen Jahren ging es für ihn kräftig bergauf, weil Anleger nach einem sicheren Hafen in Krisenzeiten suchten. Der Euro ist stark gestiegen, was das Wachstum nicht eben fördert und manch einen Politiker auf dem Kontinent nervös macht. Aber zum Dollar liegt die Gemeinschaftswährung immer noch innerhalb der langfristigen Spanne.

Die einzige Ausnahme ist Großbritannien: Das Land hat es bisher geschafft, internationalem Druck zu entgehen, obwohl es das Pfund massiv abgewertet hat. Wahrscheinlich, weil es bisher so wenig aus diesem Vorteil gemacht hat.

Wie reagieren Politiker auf Preisblasen?

Abgesehen davon ist es heute schwer, einen Währungskrieg zu gewinnen. Solange weltweit die Verbraucherpreise nur moderat steigen, die Unternehmen viel freie Kapazität haben und die Zentralbanken bereit sind, kurze Inflationsspitzen zu ignorieren, hat jedes Land Zugriff zur gleichen Waffe: Eine extrem freigiebige Geldpolitik.

Doch die Reaktionen auf solche Politiken sind weltweit unterschiedlich: Länder, die die eigene Währung daran hindern, weiter zu steigen – wie die Schweiz –, kommen weitgehend unbehelligt davon. Die Volkswirte von Goldman Sachs nennen die jetzige Situation deshalb einen inoffiziellen globalen Wechselkursmechanismus.

Die Frage ist, wie die Politiker mit möglichen neuen Blasen von Vermögenswerten umgehen, die durch das Absenken der Landeswährungen entstehen. Die Reaktionen aus den Hauptstädten werden darüber entscheiden, ob wir die 70er oder die Nullerjahre neu durchspielen – oder die Sache vielleicht doch harmloser endet.

Die vielleicht interessanteste Entwicklung in diesem Zusammenhang war die Entscheidung der Schweizer Nationalbank in der vergangenen Woche, von Banken höhere Kapitaleinlagen für Engagements im eigenen Hypothekenmarkt zu verlangen. Das war einer der ersten Versuche einer Zentralbank, die neue, große Idee der Wirtschaftswelt nach der Krise auszuprobieren: Regulierung, die sich auf den gesamten Markt bezieht – in Volkswirtschaftssprech makroprudenziell. Ob das hilft, einen überhitzten Markt abzukühlen, werden wir sehen.

Ebenso im Unklaren bleibt zunächst, wie andere Zentralbanken ihre neue Macht benutzen. Bisher haben die Zentralbanken steigende Preise auf Vermögenswerte im Großen und Ganzen als ein Zeichen von wiederhergestelltem Vertrauen begrüßt. Niedrige Zinsen waren ihnen als Motoren für Investments ebenso willkommen.

Das liegt auch am Druck der Wähler. So braucht es einen mutigen Politiker, der davor warnt, dass steigende Anlagepreise auch das Risiko einer neuen, von Schulden angefeuerten falschen Steuerung von Kapital bedeuten. Das wiederum könnte das Wachstum abwürgen. Aber vielleicht hat die Krise unsere Politiker und Notenbanker ja doch härter gemacht.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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