• The Wall Street Journal

Märkte rüsten sich für Überraschungspaket aus Rom

    Von FLORIAN FAUST

In Italien ist seit Kriegsende gern und oft gewählt worden. Denn Legislaturperioden wurden dort selten voll ausgeschöpft. Neuwahlen waren und sind in Italien eher die Regel denn die Ausnahme. Doch selten hat eine italienische Wahl derart viel Aufmerksamkeit an den Märkten erhalten wie die am Wochenende anstehende. Denn die aktuelle Technokratenregierung unter Ministerpräsident Mario Monti, die zum Meistern der schweren Schuldenkrise ins Amt gehievt worden war, hat keine ausreichende Unterstützung mehr. Jetzt müssen die Wähler entscheiden, wie es weitergeht. Und das könnte die politischen Verhältnisse im Rom auf den Kopf stellen. Letztlich steht der unter Monti eingeleitete Konsolidierungskurs der Staatsfinanzen auf dem Spiel.

Reuters

Der lange Schatten des Silvio Berlusconi: Die Aussicht auf eine Rückkehr des Ex-Regierungschefs sorgt an den Märkten für Unruhe.

Die Verunsicherung der Anleger über den Wahlausgang lässt sich auch am Montag an den Märkten ablesen. Während die Renditen auf italienische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit steigen, geht es an der Mailänder Börse mit den Aktienkursen abwärts. Analysten zeigen durchaus Verständnis für die Reaktionen an den Märkten. Die Experten von Morgan Stanley und Credit Suisse sprechen von einem Risikoereignis und auch die Citigroup betont den ungewissen Ausgang der Wahlen.

Die letzten Umfragen sehen zwar Pier Luigi Bersani und sein Mitte-Links-Bündnis vorn, doch mit Argusaugen beobachten die Analysten, wie der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit seiner Mitte-Rechts-Koalition stark aufgeholt hat. Während Bersani einen europafreundlichen Kurs fährt, punktet Berlusconi mit populistischen und europafeindlichen Parolen. Berlusconi verkörpert eine Art Schreckgespenst für die Märkte.

"Die leicht gestiegene Wahrscheinlichkeit, dass die Italiener eine konservative Regierung und mit ihr Silvio Berlusconi an die Schalthebel der Macht wählen könnten, hat ausgereicht, um die Märkte in Aufregung zu versetzen und die Renditen italienischer Staatsanleihen deutlich nach oben zu treiben. Auch die Aktienmärkte haben daraufhin einen guten Teil der Gewinne des vergangenen Monats wieder abgegeben", beschreibt Alberto Chiandetti, Manager des Fidelity Italy Fund, den Berlusconi-Effekt.

Aus Marktsicht am Besten: Bersani mit Monti

Neben dem in Umfragen zulegenden Berlusconi sehen die Analysten der Credit Suisse aber auch im wachsenden Potenzial der Protestwähler einen schwer zu kalkulierenden Unsicherheitsfaktor.

Aber selbst wenn die Mitte-Links-Parteien die Nase vorn haben sollten, bleibe die Frage vorläufig unbeantwortet, ob ein solches Regierungsbündnis die nötigen Sitze für eine stabile Mehrheit zusammenbekommt. Denn eine Verständigung mit der politischen Mitte um die Unterstützer von Monti sei keineswegs ausgemacht, so die Credit Suisse. Sollte es doch zu einer Zusammenarbeit der beiden politischen Gruppierungen kommen, bleibt nach Auffassung der Citigroup die Frage, wie lange ein solch breit aufgestelltes Bündnis durchhält. Die Experten glauben bei einer solchen Konstellation nicht an die volle fünfjährige Legislaturperiode.

Die Citigroup sieht auch bei einem wahrscheinlichen Sieg des Mitte-Links-Bündnisses in der Abgeordnetenkammer ein weiteres Problem heraufziehen. Die politischen Verhältnisse in der zweiten Parlamentskammer - dem Senat - seien wesentlich schwerer vorherzusehen. Schon kleine Wählerwanderungen könnten im Senat große Auswirkungen bei der Mandatsverteilung nach sich ziehen. Für die Sitze im Senat sind die Wahlresultate der Regionen maßgeblich. Morgan Stanley betont, dass in den meisten Regionen Italiens kaum verlässliche Prognosen über den Wahlausgang möglich seien.

Eine Hängepartie ohne klare Mehrheitsverhältnisse im Senat halten die Experten von Morgan Stanley aber für ziemlich unwahrscheinlich. Sie glauben an das Zustandekommen einer Koalition, die letztlich eine Mehrheit der Sitze garantiert. Dabei falle dem Monti-Lager eine Schlüsselposition zu.

Märkte würden jede falsche Politik sanktionieren

Die Citigroup warnt vor einer wachsenden Wahrscheinlichkeit für Wahlausgänge, die die Finanzmärkte belasten dürften: Sollte eine Koalition aus Bersanis Mitte-Links-Bündnis und der Monti-Fraktion im Senat keine Mehrheit finden, drohten Neuwahlen und eine womöglich monatelange Hängepartie. Auch ein Erdrutschsieg Berlusconis dürfte die Märkte in die Knie zwingen.

[image] dapd

Etwas gelassener sieht Chiandetti die Wahl in Italien. Die Aussicht auf eine negative Wachstumsentwicklung in Italien hätten die Märkte schon voll eingepreist. Insofern lohne es sich, darauf zu schauen, wieviel Potenzial für eine positive Überraschung in der Italien-Wahl stecke. Es sei wenig sinnvoll, sich ausschließlich defensiv aufzustellen. Das gelte umso mehr, als Italien das dritthöchste Bruttoinlandsprodukt in Kontinentaleuropa erwirtschafte. Zudem erwirtschafte Italien trotz der tiefen Rezession wieder einen primären Haushaltsüberschuss.

Und ein weiteres Argument macht an den Märkten die Runde: Letztlich dürften die Rentenmärkte jede neue Regierung im Rom zu Raison bringen, sollte der Konsolidierungskurs verlassen werden. Denn steigende Renditen für italienische Staatsanleihen kann sich keine italienische Regierung - ganz gleich welcher politischen Farbenlehre sie angehört - erlauben.

Kontakt zum Autor: florian.faust@dowjones.com

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