• The Wall Street Journal

Liegt Genie in den Genen?

    Von GAUTAM NAIK

Zhao Bowen hat noch viel vor. Das 20-jährige Wunderkind will herausfinden, wie Intelligenz in den Genen verankert ist. Und zwar in einer früheren Druckerei in Hongkong.

Zhao ist der Schulabbrecher, der schon als Chinas Bill Gates bezeichnet wurde. Er leitet das Labor für kognitive Genomforschung bei BGI, einem Unternehmen, das zum Teil von Chinas Regierung bezahlt wird.

[image] Alex Nabaum

Mindestens zur Hälfte ist die Intelligenz von Menschen wie Albert Einstein geerbt.

In dem Labor in Hongkong stehen mehr als 100 Gensequenzierungsmaschinen. Sie lesen mehr als 2.200 DNS-Proben aus. So werden die insgesamt 3,2 Milliarden Basenpaare untersucht – Buchstabe per Buchstabe. Doch es sind besondere Proben. Die meisten kommen von Menschen, die zu den intelligentesten der USA gehören – Ausreißer in der genetischen Lotterie der Natur.

Die Mehrheit der Proben stammt von Menschen mit einem IQ von 160 oder mehr – der Durchschnittsmensch kommt auf 100, der durchschnittliche Nobelpreisträger auf rund 145. Nur einer von rund 30.000 Menschen ist so schlau wie die Teilnehmer des Hongkonger Projekts. Sie zu finden war eine Aufgabe für sich.

„Der Zusammenhang zwischen Genen und Intelligenz wurde lange Zeit ignoriert", sagt Zhao, der erste Ergebnisse der Studie im Sommer veröffentlichen will. Im Westen halte man das Thema für heikel. „Das ist in China anders", meint Zhao – dort nehmen öffentliche Stellen gerne Geld für IQ-Studien in die Hand.

100

IQ des Durchschnittsmenschen

Die Wurzeln der Intelligenz sind ein Mysterium. Studien zeigen, dass mindestens die Hälfte der Unterschiede im Intelligenzquotienten vererbt ist. Gene, die den IQ drücken – wie etwa bei geistig zurückgebliebenen Menschen – wurden längst von Wissenschaftlern entdeckt. Aber diejenigen, die für die normalen Unterschiede im Intelligenzquotienten verantwortlich sind – die müssen erst noch ausgemacht werden.

Die Wissenschaftler aus Hongkong wollen weiterkommen, indem sie die Genome von extrem intelligenten Menschen mit denen von ganz normalen Leuten vergleichen. Indem sie die Variation in den zwei Gruppen untersuchen, hoffen sie, manche erbliche Faktoren zu isolieren, die den IQ bestimmen. Ihre Ergebnisse könnten das Fundament für einen Gentest legen, der die ererbte Intelligenz eines Menschen bestimmt. Das könnte nützlich sein – ist aber auch umstritten.

„Wenn wir Kinder identifizieren, die Lernprobleme haben, können wir früh eingreifen, etwa durch Sonderunterricht", sagt Robert Plomin, Professor für Verhaltensgenetik am Londoner King's College, der an dem BGI-Projekt mitarbeitet.

Vom Praktikanten zum CO-Autor

Kritiker dagegen fürchten, dass genetische Daten mit Bezug zum IQ falsch verstanden und missbraucht werden könnten. In der Vergangenheit wurden Erkenntnisse über die menschliche Intelligenz benutzt, „um bestimmte Rassen oder Individuen anzugreifen", sagt Jeremy Gruper, Präsident der Überwachungsorganisation Council for Responsible Genetics aus Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts. „Ich fürchte, dass durch ein solches Projekt der Trend zu einer reduzierenden und deterministischen Sicht, den es in der Genetik ohnehin gibt, noch weiter bestärkt wird".

145

IQ des durchschnittlichen Nobelpreisträgers

Diese Bedenken dürften Zhao Bowen wenig beschäftigen. Dessen Karriere als Genetiker begann einfach – mit Gurken. Im Jahr 2007 ließ er nachmittägliche Stunden an seiner Schule in Peking ausfallen und begann ein Praktikum bei der Chinesischen Akademie für Agrarwissenschaften. Dort säuberte er Reagenzgläser und erledigte ähnliche einfache Aufgaben. Dafür durfte er sich von den Studenten Genetik-Bücher ausleihen und bei Experimenten mitmachen – so auch dem Auslesen des Genoms einer Gurke. Im Jahr 2009 wurden die Ergebnisse in der prestigereichen Zeitschrift Nature Genetics veröffentlicht. Mit 15 Jahren wurde Zhao als Co-Autor genannt.

Angepiekst von der Wissenschaft um das Genom brach Zhao die Schule ab, um eine Vollzeitstelle bei BGI anzutreten, eines der größten Unternehmen weltweit in der Genomrecherche. Die Firma sitzt in der chinesischen Stadt Shenzen, nahe Hongkong. Ein Jahr, nachdem Zhao gekommen war, gründete sie eine eigene Abteilung für kognitive Genforschung – Zhao wurde der Chef.

Sein erster Ausflug in die Genetik der Intelligenz: Er wollte die DNS von begabten Kindern an den örtlichen Schulen sammeln. Es hat nicht funktioniert: „Die Eltern hatten Angst, weil es bedeutet hätte, dass den Kindern Blut abgenommen wird."

160 und mehr

IQ der getesteten Hochbegabten in der BGI-Studie

Im Frühjahr 2010 besuchte ein theoretischer Physiker namens Stephen Hsu von der University of Oregon BGI. Er war auch an dem Zusammenhang zwischen Genetik und geistigen Fähigkeiten interessiert. Also tat sich das Paar mit anderen Kollegen zusammen, um das BGI-Projekt ins Leben zu rufen. Ein Teil des Plans war, von Blut- zu Speichelproben zu wechseln – Zhao hatte dazugelernt. Sie sammelten die DNS von mathematisch begabten, darunter auch Chinesen, die beim Training für Mathe- oder Wissenschaftsolympiaden teilgenommen hatten. Auch schlaue Amerikaner und andere Nationalitäten sollten untersucht werden – etwa die mit guten Noten im Uni-Qualifikationstest SAT oder die mit Doktortiteln in Physik oder Mathe von Eliteuniversitäten. Auch jeder andere, der die Kriterien erfüllte, konnte sich über die Website von BGI anmelden.

Die Regierung in Shenzen stimmte zu, die Hälfte der Kosten zu tragen. BGI übernahm die andere. Die meisten Proben kommen bisher nicht aus China, sondern aus dem Ausland. Die wichtigste Quelle ist Professor Robert Plomin vom Londoner King's College. Er hatte für seine eigenen Studien DNS-Proben von rund 1.600 Personen mit hohem IQ gesammelt.

Zehntausende weitere Proben könnten nötig sein

Doch Stephen HSU hatte der Ehrgeiz gepackt – er wollte mehr Proben. Immer, wenn er einen Vortrag irgendwo hielt – so etwa am California Institute of Technology, der Academy of Science in Waiwan oder beim Tech-Giganten Google – forderte er seine Zuhörer auf, sich für die Studie einzuschreiben. Bisher haben sich 500 Freiwillige bei BGI gemeldet.

Die beiden Forscher haben viel vor sich. Das weiß man – denn beim Merkmal Größe war der Prozess schon enorm zäh. Erst als 10.000 DNA-Proben gesammelt waren, wurden erste größenbezogene Gene gefunden. Mit mehr und mehr untersuchten Proben haben die Wissenschaftler jetzt rund 1.000 genetische Kombinationen gefunden, die zum Teil erklären, warum manche Menschen größer sind als andere.

Eine der größten Studien über den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Genom umfasst dagegen nur Proben von rund 5.000 Menschen – Experten schätzen, dass zehntausende Proben mehr nötig sind.

An dieser Stelle kommt BGI ins Spiel. Die Mannschaft des Unternehmens wird die Genome von 2.200 besonders intelligenten Menschen mit denen von mehreren Tausend zufällig ausgewählten Personen vergleichen. So hoffen sich die Wissenschaftler, herauszufinden, welche Faktoren in den Genomen für die Ausreißer verantwortlich sind. „Die genetische Basis der Intelligenz wurde sehr lange ignoriert"; sagt Zhao. „Unsere Daten werden in drei Monaten vorliegen."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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