• The Wall Street Journal

Wer traut sich gegen Japans Schulden zu wetten?

    Von RICHARD BARLEY

Wer gegen japanische Staatsanleihen wettet, dem sagt man schon seit langem nach, dass er sich damit ruiniert. Anleger haben solchen Japan-Spekulationen deshalb schon einen viel sagenden Namen gegeben: Witwenmacher.

Japans Staatsschulden sind auf mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsproduktes angewachsen, und trotzdem werden die Anleihen des Landes noch gekauft. Jetzt verspricht Ministerpräsident Shinzo Abe ein großes fiskalisches und geldpolitisches Anreizprogramm, um Japan aus dem Tal der Deflation zu holen. Die Notenbank Bank of Japan (BOJ) hat ein Inflationsziel von 2 Prozent aufgestellt, nachdem es zuvor nur bei einem Prozent lag. Aber wird das den japanischen Staatsanleihen neues Übel bringen?

Reuters

Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe (links) und Finanzminister Taro Aso sorgen für immer höhere Staatsschulden. Aber die Anleihen werden weiter fleißig gekauft.

Bisher lautet die Antwort: Nein. Abe hat eine Falltür unter dem Yen geöffnet und ein Feuer unter dem Aktienmarkt entfacht. In den vergangenen drei Monaten ist der japanische Leitindex Nikkei um 26 Prozent gestiegen. Aber die Rendite auf zehnjährige japanische Staatsanleihen liegt bei 0,74 Prozent. Das ist zwar weniger als zu Beginn des Jahres, liegt aber ungefähr in der Mitte der Spanne, in der sich die Anleiherendite schon seit Juni bewegt.

Ungeachtet dessen preisen Investoren auf den Futures-Märkten schon höhere Werte ein: In zehn Jahren, spekulieren sie, werde die Rendite auf zehnjährige japanische Anleihen 2,82 Prozent betragen. Nach Angaben des Finanzkonzerns Nomura lag diese Renditeerwartung im Oktober noch bei 2,37 Prozent. Kurz- und mittelfristig zeigt die japanische Renditekurve aber keinerlei Ausschläge.

Japaner kaufen eigene Staatsanleihen

Wie lässt sich das erklären? Zum einen lebt eine überwältigende Mehrheit der japanischen Anleihegläubiger in Japan selbst. Japanische Anleger sind ihrem Heimatland stark verbunden, und es gibt einfach keine vertrauenswürdige, leicht zugängliche und auf Yen lautende Alternative zu japanischen Anleihen. Das führt dazu, dass immer weiter Kapital in den Anleihemarkt fließt – vor allem von Konzernen mit viel Geld auf der hohen Kante. Diese Zuflüsse aus dem Inland haben japanische Staatsanleihen gestützt, obwohl der Schuldenberg der Regierung gewachsen ist.

Zum zweiten sind sich Anleger bewusst, wieviel Gewicht die japanische Notenbank auf den Märkten hat. Leitzinsen bei Null wirken auf kurzfristige Anleiherenditen wie ein Anker und verhindern einen Anstieg. Und eine radikalere Geldpolitik bedeutet auch neue Anleihekäufe, vermutlich dann solche mit längeren Laufzeiten, was auch langfristigere Renditen im Zaum halten dürfte. Zudem dürfte der neue weltweite Fokus auf die Währungspolitik in Japan die Diskussion über ausländische Anleihekäufe im Keim ersticken. Das würde japanische Staatsanleihen noch stärker in den Blick rücken.

Zum dritten könnten die Märkte skeptisch sein, ob Abe die Inflationsrate tatsächlich erfolgreich nach oben zu treiben vermag. Japans grundlegendes Problem ist, dass trotz der niedrigen Nominalzinsen die realen Zinsen wegen der herrschenden Deflation relativ hoch sind. Die Zentralbank kann die realen Renditen aber nicht mittels Zinssenkungen mindern, denn der Leitzins liegt schon bei Null. Stattdessen muss sie versuchen, die Inflationserwartungen zu erhöhen.

Ein schwerer Weg zur Inflation

Aber es braucht Zeit, bis die Inflation steigt. Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass sie zum Ende des Haushaltsjahres 2013 nur 0,5 Prozent betragen wird. Und selbst wenn die realen Anleiherenditen fallen, schreckt das Investoren vielleicht gar nicht ab. In den USA, Großbritannien, Deutschland und anderen Ländern liegen die realen Renditen – also abzüglich der Inflation – auch schon deutlich im negativen Bereich.

Was könnte den Markt dann durcheinanderbringen? Zum Beispiel ein verändertes Verhalten der Unternehmen. Wenn Abe tatsächlich Mut und Gier bei den Unternehmen wecken kann, werden diese vielleicht ihr erspartes Geld ausgeben. Aber ihre Strategie orientiert sich auch an Japans problematischer Demographie: der alternden und schrumpfenden Bevölkerung. Und die gibt Unternehmen einen Anreiz zum Sparen. Ohne strukturelle Änderungen zusätzlich zu den fiskalischen und geldpolitischen Anstrengungen dürfte Abe mit seiner Politik nur schwer vorankommen.

Nach wie vor sieht der japanische Anleihenmarkt so aus, als könne dort jederzeit etwas Schlimmes passieren. Aber die Kräfte, die ihn antreiben, sind tief verwurzelt. Momentan bleibt es wohl eher dabei: Wer versucht, gegen japanische Staatsanleihen zu wetten, könnte als Witwenmacher enden.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Australische Villa im Zeichen des Drachens

    Feurig kommt dieses Luxusanwesen im australischen Melbourne daher: Auf dem Dach wacht ein mächtiger Terrakotta-Drache und im Haus lodern Dutzende Kaminfeuer. Die Ausstattung mit Tennisplatz, Pool und ausgiebigen Ländereien lässt es jedem Australien-Fan warm ums Herz werden.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Alt, neu, kurios und nicht chancenlos – Parteien zur Europawahl

    In Deutschland sind 25 Parteien zur Europawahl zugelassen. Neben den etablierten Bundestagsparteien können sich die Wähler für eine Menge kurioser Alternativen entscheiden – von der Christlichen Mitte bis zur Bayernpartei. Da die 3-Prozent-Hürde gefallen ist, haben die Kleinen sogar eine Chance.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 15. April

    Wilde Tulpen in Afghanistan, Wasserfontänen in China, der Vollmond über Schanghai und Ordensbrüder mit wunden Füßen in Spanien. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Die furchterregendste Gondelfahrt der Welt

    Was Besuchern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für die Einwohner der georgischen Stadt Tschiatura Alltag. Die Seilbahnen aus der Stalin-Zeit an den Hängen des Kaukasus fahren trotz Rost noch immer.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.