• The Wall Street Journal

Neuer Gewaltausbruch in südafrikanischer Platinmine

    Von DEVON MAYLIE

Die Probleme bei der südafrikanischen Platinförderung von Anglo American reißen nicht ab: Erst demonstrierten Arbeiter gegen geplante Entlassungen und das Management, jetzt bekriegen sich erneut Mitglieder zweier Gewerkschaften. Bei einer Schlägerei wurden nach Angaben der Polizei 13 Menschen verletzt.

Agence France-Presse/Getty Images

Arbeiter demonstrierten im Oktober vor einer Mine von Anglo American.

Der Gewaltausbruch weckt neue Sorgen, nachdem im vergangenen Jahr schwere Unruhen unter den Arbeitern Dutzende Menschenleben gekostet hatten. Auch damals waren Positionskämpfe zwischen Gewerkschaften der Auslöser gewesen. Sie buhlen unter den Arbeitern intensiv um Mitglieder, um sich Macht und Einfluss gegenüber den Unternehmenschefs zu sichern.

Die Ausschreitungen im zweiten Halbjahr 2012 hatten dem Rohstoffkonzern Anglo American die Bilanz verhagelt und der südafrikanischen Wirtschaft einen schweren Dämpfer versetzt. Die Lage in den Platinminen gleicht bereits seit längerem einem Pulverfass. Anglo American hatte im vergangenen Monat das Aus für zwei Minen in Rustenburg angekündigt. 14.000 Arbeitsplätze sollen verloren gehen. Der Konzern hat aber mittlerweile Gesprächsbereitschaft angedeutet. Sollte die Regierung helfen, werden die geplanten Entlassungen überdacht, sagte der Chef von Anglo American Platinum, Chris Griffith.

Bei dem jüngsten Vorfall gingen in der Siphumelele-Mine nordwestlich von Johannesburg Hunderte von Minenarbeitern auf vier Mitglieder der eher gemäßigten Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) los, erklärte Polizeisprecher Thulani Ngubane. Sicherheitskräfte schossen mit Gummipatronen auf die aufgebrachten Arbeiter, um den Mob aufzulösen. Die Sicherheitskräfte seien von den Arbeitern mit Macheten attackiert worden, sagt Ngubane.

Nach Angaben von Anglo American Platinum wurden neun Arbeiter und drei Mitglieder des Sicherheitsdiensts verletzt. Die Polizei gibt die Zahl der Verletzten um einen Betroffenen höher an. Laut Polizei und Konzern kam niemand ums Leben. Ein Mensch sei gestorben, klagte hingegen NUM-Sprecher Lesiba Seshoka.

Anglo American schiebt die Schlägerei auf Machtkämpfe unter den Gewerkschaften. Minenarbeiter machten der NUM ihren Anspruch streitig, sie gegenüber dem Management zu vertreten. Die umstrittene Gewerkschaft solle ihre Büros räumen. "Sie waren richtiggehend blutdürstig", beschrieb Ngubane die Attacke der Minenarbeiter auf die NUM-Mitglieder. "Es gibt eine Pattsituation zwischen zwei Gewerkschaften, die miteinander um die Vorherrschaft streiten."

Die andere Gewerkschaft, die Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU) will vom jüngsten Übergriff zunächst nichts gewusst haben. AMCU-Schatzmeister Jimmy Gama konnte auf Nachfrage keine Details nennen. Nur so viel sei ihm bekannt: Arbeiter hätten die AMCU-Zentrale angerufen, um über die Schlägerei zu informieren.

Der NUM bewertet die Vorgänge völlig anders: Der AMCU greife zu Gewalt, um die NUM aus den Platinminen von Anglo American zu vertreiben. "Das ist äußerst beunruhigend", erklärte NUM-Sprecher Seshoka. "Dies könnte der Anfang einer neuen Gewaltwelle sein."

Machtkämpfe zwischen den Gewerkschaften

Für Anglo American sind das äußerst schlechte Nachrichten. Positionskämpfe zwischen der alteingesessenen NUM und der relativ neuen AMCU hatten in der zweiten Jahreshälfte 2012 gewalttätige Streiks in Platin-, Gold- und Eisenerzminen ausgelöst. Die Arbeitsniederlegungen begannen beim Platinproduzenten Lonmin im August und griffen schnell auf weitere Minen über. Die Polizei hatte bei Lonmin auf streikende Minenarbeiter geschossen und dabei 34 Menschen getötet. Die Ausschreitungen hatten die Produktion der Platinsparte um mehr als ein Drittel schrumpfen lassen. Eine Mine in Rustenburg musste sogar geschlossen werden.

Für NUM und AMCU geht es beim derzeitigen Machtkampf um viel. Das südafrikanische Arbeitsrecht räumt jener Gewerkschaft das Verhandlungsmandat gegenüber dem Unternehmen ein, die eine Mehrheit der Arbeiter vertritt. Ein wichtiges Thema der Verhandlungen sind naturgemäß die Löhne.

Die Minenunternehmen verlangen inzwischen angesichts der neuerlichen Gewalt eine Gesetzesänderung. Im vergangenen Monat hatte der AMCU bereits mit weiteren Streiks gedroht, nachdem immer mehr Arbeiter in diese Gewerkschaft gewechselt oder eingetreten waren. Anglo American, der weltgrößte Platinproduzent, ist gerade dabei, die Mitgliedschaft der Beschäftigten in den jeweiligen Gewerkschaften zu verifizieren.

Das Wiederaufflammen der Gewalt in Minen kommt zu einer Zeit, in der der Führungswechsel bei dem britisch-südafrikanischen Rohstoffkonzern in vollem Gange ist. Im April wird der bisherige Chef von Anglo Gold Ashanti, Mark Cutifani, das Unternehmensruder übernehmen. Er wird sich dann mit den Arbeitskämpfen und den Stellenstreichungen auseinandersetzen müssen. Eine schwierige Aufgabe, sagte Nomura-Analyst Peter Montalto, denn "der jüngste Gewaltausbruch verdeutlicht: Die Auseinandersetzungen im südafrikanischen Minensektor beginnen gerade erst".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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