• The Wall Street Journal

Comdirect nimmt mehr als 125.000 Neukunden ins Visier

    Von MADELEINE NISSEN

Die Online-Tochter der Commerzbank ist trotz des schwierigen Zins- und Konjunkturumfelds auf aggressivem Wachstumskurs. Comdirect-Vorstandschef Thorsten Reitmeyer sieht dabei nicht in erster Linie andere Onlinebanken als Konkurrenz, sondern die klassischen Filialbanken. Seine Vision für die comdirect in zehn Jahren: Das Online-Institut soll zu einer "ganz normalen Vollbank" werden.

Die Kanibalisierung mit dem Angebot der Commerzbank-Mutter scheint für ihn verkraftbar. "Wir gewinnen Kunden von anderen Banken proportional zu deren Marktanteil", sagte Reitmeyer im Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland. "Darunter sind auch Kunden der Commerzbank, aber der überwiegende Teil kommt eben von anderen Instituten."

comdirect

Comdirect-Chef Thorsten Reitmeyer am Dienstag im Gespräch mit unserer Reporterin Madeleine Nissen.

Im vergangenen Jahr kamen 125.000 neue Kunden hinzu. Laut Reitmeyer soll das Plus in diesem Jahr sogar noch höher ausfallen. Kundenabgänge sind dem Comdirect-Chef zufolge kein großes Problem mehr. Die Kündigungen seien "deutlich gesunken", seitdem vor drei Jahren die Strategie umgestellt worden sei. Früher typische Lockvogelangebote wie kurzfristig hohe Zinsen für Tagesgeldkonten mache die Comdirect gar nicht mehr, sagte Reitmeyer. "Wir wollen unsere bestehenden Kunden nicht schlechter stellen als Neukunden, die nur eine Kaffeemaschine haben wollen."

Guter Start ins neue Jahr

Seine Erwartungen für 2013 will Reitmeyer gleichwohl nicht zu hoch hängen. "Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass wir weiterhin mit dem niedrigen Zinsumfeld kämpfen müssen", sagte er. Ein warmer Regen dürfte indes von der wieder gestiegenen Handelsaktivität kommen. "Die Trades sind in diesem Jahr gut angelaufen", sagte der Vorstandschef. Der Start insgesamt war "gut".

Davon sollen auch die Aktionäre profitieren. "Unser Ziel ist, die Dividendenrendite attraktiv zu halten", sagte er. Für das abgelaufene Jahr können die Aktionäre mit einer Dividendenrendite von 5,6 Prozent rechnen.

Auch sonst ist von Bankenkrise bei der Comdirect wenig zu spüren. Im Gegensatz zur Mutter, die bis zu 6.000 Stellen abbaut, plant die Onlinebank keine Streichungen. "Im Gegenteil, wir stellen einige Dutzend Mitarbeiter im Jahr ein", sagte Reitmeyer. Zudem will die Bank "in den nächsten Jahren" über die geplanten Investitionen hinaus weitere 120 Millionen Euro in die Hand nehmen. Großes Potenzial sieht die Bank in der zunehmenden Technisierung der Welt: Immer mehr Kunden erledigen ihre Bankgeschäfte über Smartphones.

Vorsteuergewinn leicht rückläufig

Im vergangenen Jahr hat die Commerzbank-Tochter ihre eigenen Erwartungen übererfüllt. Zwar ging das Vorsteuerergebnis um 15 Prozent auf 92,3 zurück, ihr eigenes Ergebnisziel konnte die Onlinebank damit jedoch übertreffen. Grund für den Rückgang war vor allem der weniger rege Handel mit Wertpapieren. 2011 hatte die Unsicherheiten um Griechenland und den Euro zu mehr Kursschwankungen und damit zu mehr Handelsaktivität geführt.

Obwohl die Comdirect mit rund 1.150 Mitarbeitern vergleichsweise klein ist, trägt sie ein Drittel zum operativen Ergebnis im Privatkunden-Segment der Commerzbank bei. Die Gesamtkundenzahl der Comdirect-Gruppe lag zum Jahresende bei 2,76 Millionen.

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com

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