• The Wall Street Journal

Optionshandel steht nach Heinz-Übernahme unter Insiderverdacht

    Von MICHAEL ROTHFELD und KAITLYN KIERNAN
Getty Images

Bei dem großen Ketchup-Deal der vergangenen Woche sahnten einige Anleger mit Optionen kräftig ab.

Das Timing erscheint zu gut, um reiner Zufall zu sein. Einen Tag, bevor die Übernahme des Ketchup-Herstellers Heinz durch Warren Buffett und die Beteiligungsgesellschaft 3G Capital am Donnerstag bekannt wurde, gab es auf dem Markt ungewöhnlich hohe Wetten auf das Unternehmen. Eines dieser Geschäfte hätte einen Gewinn von 1,7 Millionen US-Dollar abgeworfen. Die Börsenaufsicht SEC hatte die verdächtigen Vermögenswerte sofort eingefroren, das FBI ermittelt. Aber es ist nicht das erste mal, dass der Markt für Optionen bei großen Deals im Zwielicht steht.

Im vergangenen Jahres wurden mehrfach kurz vor kursbewegenden Nachrichten ungewöhnlich hohe Positionen aufgebaut, etwa bei Nexen, Youku, Human Genome Sciences, Constellation Brands und CBS . Alle diese Transaktionen erwiesen sich als gewinnbringend. Die SEC, die sowohl für den Aktien- als auch den Optionshandel zuständig ist, wollte nicht kommentieren, ob es in diesen Fällen Untersuchungen gibt.

Die Aufseher der SEC handelten schnell. Sie froren Ende vergangener Woche bereits ein fragwürdiges Schweizer Konto ein, das die Investoren für das Optionsscheingeschäft genutzt hatten. Die SEC nennt den Deal „höchst verdächtig". „Das FBI ist sich der Handelsanomalien am Tag vor der Heinz-Übernahme bewusst", sagte der Sprecher der US-Bundespolizei, Martin Feely. „Das FBI berät sich mit der SEC, um herauszubekommen, ob ein Verbrechen begangen wurde."

Die verdächtigten Anleger waren sich ihrer Sache am vergangenen Mittwoch offensichtlich sehr sicher. Sie gingen eine ungewöhnlich hohe Finanzwette auf Heinz-Optionsscheine ein und spekulierten auf einen Kursgewinn der Aktie um mindestens 8,1 Prozent bis Mitte Juni. Einen Tag später schoss der Wert des Derivats um mehr als das 18-fache empor. Die SEC verwundert Zeitpunkt und Größe des Handelsgeschäfts mit Heinz-Optionen. Über das fragwürdige Konto lief in den sechs Monaten davor kein einziger Deal mit Wertpapieren von Heinz.

Die Händler müssten jetzt vor Gericht erscheinen und ihre Handelsgeschäfte erläutern, sofern sie an die eingefrorenen Gelder herankommen wollten, sagte der stellvertretende SEC-Direktor Sanjay Wadhwa in der vergangenen Woche. Der für das Zivilverfahren der SEC zuständige Richter hat eine Anhörung für Freitag angesetzt. Vor dem Bundesgericht in Manhattan wird dann entschieden, ob das beanstandete Konto wieder freigegeben wird.

Ein Blick in die Küche von Warren Buffett

Agence France-Presse/Getty Images

Durch den mutmaßlichen Insiderhandel gerät auch das Wertpapierhaus Goldman Sachs ins Fadenkreuz. Die GS Bank – eine Sparte der Goldman Sachs Group – hatte das beanstandete Konto verwaltet. Bisher wird die Bank aber offiziell keines Fehlverhaltens beschuldigt. „Wir arbeiten mit der SEC in ihrer Ermittlung zusammen", stellte ein Goldman-Sachs-Sprecher am Freitag klar.

Sofern die Insider über die Übernahme genau informiert waren, investierten sie in ein sicheres Geschäft. Sie erwarben laut der SEC 2.533 Call-Optionen. Jeder einzelne Kontrakt ermöglicht den Anlegern bis Mitte Juni den Kauf von 100 Heinz-Aktien für jeweils 65 Dollar je Papier. Investorenguru Buffett und 3G blättern für das Lebensmittelunternehmen 72,50 Dollar je Aktie hin. Aktuell kostet das Papier 72,20 Dollar, vor dem angekündigten Deal war es gerade einmal rund 60 Dollar wert.

Insgesamt waren die Juni-Call-Optionen am vergangenen Mittwoch sehr gefragt. Das Handelsvolumen schnellte laut dem Datendienstleister Trade Alert um das Dreifache des täglichen Durchschnitts empor. Innerhalb des vergangenen Monats wechselten im Schnitt lediglich 1.304 Kontrakte täglich den Besitzer.

Einihe Anleger hatten verdächtig viel Glück

Optionen können ein überaus lukrativer Weg sein, um auf Aktien zu spekulieren. Jeder Kontrakt enthält das Recht, 100 Aktien zu einem bestimmten Zeitpunkt und zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Üblicherweise sind sie deutlich billiger als der direkte Aktienkauf.

Marktteilnehmer sagen, dass es die Konstruktion der Optionen einfacher macht, die Absichten der Anleger zu erkennen: „Die Welt der Optionen ist viel transparenter als bei Aktien. Denn man kann die Kalkulation aus der Art erkennen, wie sie konstruiert ist", sagt Brian Overby, Analyst für Optionen beim Online-Broker Tradeking. „Wenn man ein großes ‚Lotterielos' sieht, das unter normalen Marktbedingungen wohl keinen Gewinn abwerfen würde, dann ist das sehr verdächtig."

Reuters

Kurz bevor die Übernahme des kanadischen Öl- und Gaskonzerns Nexen bekannt wurde, platzierten Händler hohe Wetten auf einen steilen Kursanstieg der Nexen-Aktie.

In den vergangenen sieben Monaten hat die SEC in sieben Fällen ermittelt, bei denen Optionen unrechtmäßig verwendet worden sein sollen. Es geht dabei laut der Webseite der Behörde um Geschäfte, die kurz vor der Ankündigung von Übernahmen oder von Ergebnissen von Labortests in den Jahren 2009 bis 2011 getätigt wurden.

Nicht jeder zeitlich gut abgepasste Handel muss gleich ein Insidergeschäft sein. Für jede ungewöhnliche Position, die Gewinn abwirft, gibt es mehr ähnliche Wetten, die floppen, sagt Overby. „Es ist nicht immer jemand, der auch etwas weiß."

Aber eine ganze Reihe von Anlegern scheint im vergangenen Jahr ungewöhnliches Glück beim Zeitpunkt ihrer Geschäfte gehabt zu haben, wie Daten von Trade Alert zeigen. Im Januar gab es bei Optionen auf Aktien des Medienkonzerns CBS sechs Handelstage lang eine ungewöhnlich hohe Aktivität. Dann erklärte CBS, dass man einige Geschäftsbereiche ausgliedern wolle. Nach dieser Nachricht stiegen die Aktien, und auch die Optionen gewannen bis zu 1.650 Prozent an Wert.

Im Juni gewann ein Optionshändler rund 365 Prozent mit Optionen auf Constellation Brands, nachdem Anheuser-Busch Inbev erklärt hatte, man wolle den Anteil von Constellation am gemeinsamen Joint Venture Grupo Modelo übernehmen. Im April wurde eine riskante Wette auf einen starken Kursanstieg von Human Genome Science abgeschlossen. Kurz darauf wurde bekannt, dass GlaxoSmithKline das Biotechunternehmen übernehmen wollte. Das Optionsgeschäft warf so über Nacht fast 3,5 Millionen Dollar ab – ein Gewinn von 925 Prozent.

Investmentfirma aus Hongkong musste Milliardenstrafe zahlen

Am 12. März 2012 sprangen die Aktien des chinesischen Videoportals Youku um 27 Prozent, weil das Unternehmen den Rivalen Tudou Holdings übernehmen wollte. Ein Anleger machte damit einen Profit von 300 Prozent, weil er am Freitag zuvor ein Optionsgeschäft abgeschlossen hatte, dass auf einen Kursanstieg um mehr als 12 Prozent in der kommenden Woche setzte.

Jeder dieser Fälle sorgte nicht nur für Aufmerksamkeit, weil er kurz vor einer Übernahme abgeschlossen wurde, sondern auch, weil das Volumen deutlich höher war als auf dem Markt üblich. Vertreter von Youku, GlaxoSmithKline und Heinz reagierten nicht auf Kommentaranfragen. Sprecher von CBS, Constellation Brands und den Heinz-Käufern Berkshire Hathaway und 3G Capital lehnten einen Kommentar ab.

Wegen verdächtigem Handel mit Aktien von Nexen fror die SEC im vergangenen Juli Vermögenswerte von mutmaßlichen Insiderhändlern ein. Zuvor hatte es ein Übernahmeangebot durch den chinesischen Ölriesen Cnooc für den kanadischen Energieförderer gegeben. Die Investmentfirma Well Advantage aus Hongkong zahlte später in einem Vergleich mit der SEC 14 Millionen Dollar – das doppelte des verdächtigen Gewinns. Eine Schuld hat sie weder bestritten noch eingestanden.

Aber die zwielichtigen Aktivitäten bei Nexen auf dem Optionsmarkt sind bisher nicht so rigoros untersucht worden. Die drei größten Positionen, die vor dem Deal aufgebaut wurden, brachten im Nachhinein zusammen 39,5 Millionen Dollar auf die Waage. Die SEC hat sich bisher noch nicht dazu geäußert, ob sie in diesem Fall ermittelt.

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