• The Wall Street Journal

Polens Zentralbank-Chef sucht die große Bühne

    Von PATRYK WASILEWSKI und GORDON FAIRCLOUGH

Zentralbanker waren lange Zeit die letzten, die man in den Klatschspalten der Revolverblätter vermutete. Doch jetzt rücken sie in die Öffentlichkeit. Denn die Wirtschaft in Europa bleibt unruhig – so interessieren sich Wähler und auch Politiker mehr als je zuvor für das trockene Thema Geldpolitik.

Besonders in Polen. Im Oktober tagte das Komitee der Notenbank, das die Zinsen festlegt. Danach bedruckte ein dortiges Boulevardblatt eine komplette Seite mit Paparazzifotos, die den Gouverneur der Bank, Marek Belka, beim Einkauf im Lebensmittelgeschäft zeigten. Belka hatte sich der Forderung widersetzt, den Leitzins zu kürzen. „Wahrscheinlich hat er ein kühles Bier für die Champions League am Abend gekauft", spekulierte die Zeitung.

Reuters

Polens Zentralbank-Gouverneur Marek Belka sucht das Rampenlicht.

„Es sind harte Zeiten für Zentralbanker – besonders, wenn sie dachten, sie könnten reine Technokraten bleiben", sagte Belka im Interview mit den Wall Street Journal in der Warschauer Zentrale der Notenbank. Einfach „die Straßen entlanglaufen und nicht erkannt werden" – das funktioniere nicht mehr. Stattdessen werden die Vertreter von Zentralbanken überall in Europa zunehmend in politisch heikle Debatten darüber verstrickt, wie kränkelnde Volkswirtschaften zu retten und die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen sind.

Anders als seine Amtskollegen in vielen Ländern Europas weicht Marek Belka der Aufmerksam nicht aus. Im Gegenteil: Er nutzt seine Stellung, um seiner Regierung Haushaltsdisziplin zu predigen und Vorsicht bei der Einführung des Euro anzumahnen.

Ein Zwischenspiel als Ministerpräsident in den Jahren 2004 und 2005 und zwei Amtszeiten als Finanzminister haben Belka – von Haus aus Professor für Volkswirtschaft – politische Erfahrung für sein Amt gegeben, das er seit Juni 2010 besetzt. Die Zeit als Politiker habe ihm zu einer „philosophischeren" Haltung zum Druck der Regierung auf die Zentralbank kommen lassen, sagt er.

Das Kabinett will billige Kredite, um Polens Wirtschaft in Zeiten eines sich verlangsamenden Wachstums anzukurbeln. Dass die Zentralbank nicht die Zinsen senkt, sei der Grund für die schwächelnde Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit, haben Regierungschef Donald Tusk und Finanzminister Jan Vincent-Rostowski schon öfters betont.

Kritik lässt ihn ungerührt

Belka gibt sich gelassen. „Die Kritik an der Geldpolitik in Polen ist nicht ungewöhnlich", sagt der oberste Notenbanker. Er selbst habe die Notenbanker kritisiert, als er „auf der anderen Seite" war. „Ich bin ungerührt".

Belka nennt den politischen Druck auf Zentralbanken „ein weltweites Problem". Die Notenbanken träfen Entscheidungen, „die nicht nur technisch sind, sondern auch eine politische Komponente haben. Also gibt es die Versuchung, dass Banken als Teil der Regierung behandelt werden sollten."

Belka und seine Behörde dürften sich noch lautstärker in die Diskussion einmischen, weil in dem größten EU-Mitglied aus Osteuropa die Debatte darüber neu aufflammt, ob das Land tatsächlich Mitglied der Währungsgemeinschaft sein will. Belka – der die europäische Spalte des Internationalen Währungsfonds leitete, bevor er Gouverneur wurde – gibt sich grundsätzlich als Euro-Freund. Was die schnelle Einführung der Währung angeht, sei er aber „weniger enthusiastisch", sagt er.

Kein übereilter Euro-Beitritt

Das Ziel sei nicht nur, den Euro einzuführen. Sondern in der Eurozone zu bleiben, „als Kernland, nicht an der Peripherie", so Belka. Dafür müsste Polen zunächst die eigene Wirtschaft reformieren. „Wir holen immer noch auf. Wir sind ein Schwellenland, mit all seinen Stärken und Schwächen", sagt er. „Eine Stärke ist unser dynamisches Wachstum. Die Schwäche ist, dass unsere Strukturen manchmal fragiler sind, dünner."

Polen ist das einzige EU-Mitglied, das seit der Finanzkrise im Jahr 2008 nicht durch eine Rezession gehen musste. Ein wichtiger Faktor für die Widerstandsfähigkeit des Landes ist eine Wirtschaft, die sich auf mehrere Säulen stützt: Heimische Nachfrage, Exporte und Investitionen haben in den vergangenen Jahren alle zum Wachstum beigetragen.

Belka stellt vor allem den hohen Anteil der Exporte heraus, die von polnischen Firmen hergestellt werden – nicht von Filialen multinationaler Konzerne, wie in manch anderem osteuropäischen Staat. „Auch wenn es nicht alles High-Tech-Exporte sind – es sind unsere", sagt der oberste Notenbanker Polens. „Das ist unsere Stärke."

Er vergleicht die Lage seines Landes mit der Spaniens vor einigen Jahren. „Wir hoffen, die spanischen Fehler Spaniens vermeiden zu können, wenn wir den Euro einführen." Das heißt, den durch Kredite angefeuerten Überschwang zu vermeiden, der eine Blase in Spanien verursachte, nachdem das Land dem Euro beitrat. Auch sollte Polen – das wie Deutschland eine alternde Bevölkerung hat – sich nach Belkas Meinung für Immigranten aus Europa wie aus der ganzen Welt öffnen. Ebenfalls sei es wichtig, die Kapitalmärkte zu liberalisieren und Kleinbauern zu produktiveren Jobs zu verhelfen. „Wir müssen Entscheidungen treffen. Manche sind schwierig, politisch wie gesellschaftlich. Aber nicht alle - manchmal braucht es einfach die richtige Führung."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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