• The Wall Street Journal

Sony setzt mit der Playstation auf eine Wolken-Vision

    Von IAN SHERR und DAISUKE WAKABAYASHI

Vor mehr als einem Jahrzehnt stellte der „Vater der Playstation" seine Vision vor: Eines Tages, sagte Ken Kutaragi, brauche der Spieler gar keine Konsole mehr. Die Hardware werde in einem Netzwerk verschmelzen, das alle Spieler verbindet. Alles, was man dann noch brauche, erklärte der Sony -Manager, sein ein Bildschirm und ein Gamepad.

Mit der neuen Konsole, die Sony am Mittwoch in New York vorstellt, nähert sich das Unternehmen dieser Vision nun einen großen Schritt. Die nächste Generation der Playstation erlaubt es den Nutzern, Spiele via Internet-Stream zu nutzen, berichten mit den Plänen vertraute Personen. Die klassische Verwendung mit DVDs ist jedoch auch weiterhin möglich. Der Dienst ist nur eine von vielen Neuerungen, die Sony seinem Konsolen-Zugpferd verpasst hat. Er verdeutlicht aber, wie die Branche auf die dramatischen Veränderungen in Technologie und Nutzerverhalten reagiert.

Videospiel-Unternehmen wie Sony, Nintendo und Microsoft verließen sich lange Zeit darauf, etwa alle fünf Jahre eine neue Konsole für das Wohnzimmer anzubieten. Das löste jedesmal eine Kauflawine aus, denn die Geräte kosten üblicherweise mehrere hundert Euro, die Spiele schlagen mit mindestens 50 Euro zu Buche. Aber Internet, Smartphones und Tablets bieten neue, bequemere Wege, um gratis oder für kleines Geld zu spielen. Das Ergebnis ist dramatisch: In den USA gehen seit mehr als einem Jahr die monatlichen Absätze von Spielen, Konsolen und Zubehör zurück, berichtet der Branchendienst NPD Group.

Nintendos Neuheiten erweisen sich als Flop

Sowohl Sony als auch Microsoft wollen in diesem Jahr neue Konsolen auf den Markt bringen. Trotzdem rechnet die Beraterfirma Pricewaterhouse Coopers damit, dass die weltweiten Ausgaben für Videospiele 2013 um ein Prozent zurückgehen und auch im kommenden Jahr nur um drei Prozent steigen. 2007, als zum bisher letzten Mal ein großer Generationswechsel bei den Konsolen anstand, wuchs der Markt noch um 28 Prozent.

Währenddessen boomen Smartphones und andere Mobilgeräte und haben einen riesigen Markt für billige Spiele-Apps geschaffen. Apple erklärte im Januar, dass man seit 2007 mehr als 500 Millionen Exemplare des iPhone, iPad und iPod Touch verkauft hat. Das ist mehr als alle drei wichtigen Spielekonsolen zusammen in diesem Zeitraum.

Opfer des Trends sind die Geräte, die nur auf Spiele ausgerichtete sind. Sowohl die Nintendo 3DS und die Wii U, die beide in den letzten zwei Jahren auf den Markt kamen, blieben hinter den Erwartungen zurück, obwohl sie Nachfolger extrem beliebter Geräte waren. „Die Lage ist ganz anders als noch vor fünf oder zehn Jahren", sagte Blake Jorgensen, Finanzvorstand des Spieleherstellers Electronic Arts kürzlich auf einer Anlegerkonferenz.

Die Konsolenhersteller haben versucht, sich den veränderten Marktbedingungen anzupassen. Sie führten Internetzugänge ein, damit die Nutzer sich online miteinander messen oder auf soziale Netzwerke zurückgreifen können. Aber für die hochentwickelten Actionspiele sind noch Datenträger wie DVDs notwendig. Zudem benötigen die Geräte immer ausgefeiltere Chips, um den Spielern beeindruckende Bilderwelten bieten zu können.

Einige Unternehmen arbeiten schon länger am „Cloud Gaming", bei dem die Software auf Serversystem läuft und über das Internet in die Wohnzimmer der Kunden gestreamt wird. Eines davon ist Gaikai, das im vergangenen Juli von Sony für 380 Millionen US-Dollar gekauft wurde. Vorstandschef Kazuo Hirai hatte den Deal vorangetrieben. Hirai galt als Protegé von Kutaragi, der im Tagesgeschäft von Sony keine Rolle mehr spielt.

Streaming könnte bald noch weitere reichen

Seit der Übernahme hat Sony hohe Summen in die Technologie von Gaikai investiert, um sie fit für die neue Konsole zu machen, berichten die mit den Plänen vertrauten Personen. Auch aktuelle Spiele des Vorgängermodells Playstation 3 sollen so verfügbar sein, um den Kunden zum Start ein breites Angebot an Titeln bieten zu können.

Aber das Streaming könnte schon bald über die klassischen Spielkonsolen hinausgehen. So könnten die Smartphones und Fernseher bald auf grafisch anspruchsvolle Spiele zurückgreifen, für die ihnen derzeit die Rechenkraft fehlt. Andre House, bei Sony für die Videospielsparte verantwortlich, sagte im Juli, die Übernahme von Gaikai sei „eine Anerkennung, dass die Cloud- und Streaming-Technologien umfassende und möglicherweise sehr positive Auswirkungen haben werden".

Getty Images

Bei der Tokyo Game Show 2012 testet ein Besucher neue Playstation-Spiele.

Mit der neuen Playstation können die Spieler ihre Punktestände besser auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter teilen. Spielszenen lassen sich auf Youtube stellen, wie die eingeweihten Personen berichten. Mit der neuen Konsole kann man offenbar auch gegen Spieler antreten, die andere Geräte wie zum Beispiel Smartphones nutzen.

Unter der Haube hat sich ebenfalls einiges getan. Basierend auf Prototypen, die Mitarbeitern und Partnern gezeigt wurden, dürfte die neue Playstation mit Chips von Andvanced Micro Devices (AMD) ausgestattet werden. Das ist ein Schritt hin zu für den PC entwickelter Technologie und weg von den teuren Cell-Chips, die Sony mit IBM und Toshiba entwickelt hatte. Der Controller ist zudem mit einem Touchpad ausgestattet.

Microsoft baut eigenes TV-Studio

Die Zeiten, in denen die Präsentation einer neuen Konsole Massen begeisterte, sind wohl vorbei. Das musste Nintendo herausfinden, als man im vergangenen Jahr die Wii U vorstellte. Auch hier lässt sich der Controller per Touchscreen steuern, zudem werden hochauflösende Grafiken, Mehrspieler-Features und soziale Netzwerke unterstützt. Die Reaktion im Weihnachtsgeschäft war trotzdem eher mau. Nintendo musste daher seine Absatzerwartungen um 27 Prozent auf vier Millionen Geräte bis Ende März kürzen.

Auch bei Microsoft dürfte wohl noch in diesem Jahr der Nachfolger der Xbox 360 ins Haus stehen, wie mit den Plänen des Softwareriesen vertraute Personen sagen. Wie Sony hat auch Microsoft in seinen Prototypen Chips von AMD verwendet. Kameras und anderes Zubehör sollen für eine verbesserte Bewegungskontrolle sorgen.

Microsoft testet zwar auch Cloud-Gaming, das Hauptaugenmerk liegt aber auf Software, die mit Mobilgeräten wie dem iPad interagieren kann. Über die Konsole sollen auch interaktive Fernsehinhalte angeboten werden. Dafür errichtet Microsoft gerade ein Produktionsstudio in Kalifornien. Die Xbox solle mehr sein als nur eine Spielekonsole, sagte Studiochefin Nancy Tellem kürzlich bei einer Branchenkonferenz: „Unser Fokus liegt darauf, sie in ein Unterhaltungsgerät zu verwandeln."

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