• The Wall Street Journal

DIRK, der Chaos-Kommunikator

    Von ILKA KOPPLIN

Wie geht man als Investor Relations Manager mit kritischen Aktionären auf einer Hauptversammlung um, wie wirkt die eigene Körpersprache und welche sprachlichen Tücken des Finanzjargons gilt es in der Ansprache der Investoren zu beachten? All das sind Themen auf der ersten Konferenz des Investor Relations Clubs, die am Donnerstag in Frankfurt stattfindet. Auch Kay Bommer, frisch gebackener Geschäftsführer des Deutschen Investor Relations Verbands (DIRK), wird dort moderieren. Auf ihn werden einige gespannt sein.

Denn der DIRK hat in letzter Zeit so ziemlich jede Informationspanne mitgenommen. Dazu muss man wissen, wer der DIRK eigentlich ist. Der Verband bezeichnet sich als „Sprachrohr der IR-Professionals". Er vereint Investor Relations Manager, die sich in börsennotierten Unternehmen um die Ansprache der Investoren kümmern. Es geht darum, das jeweilige Unternehmen gut dastehen zu lassen, damit die Aktie gekauft wird und der Kurs an der Börse steigt. Im 1994 gegründeten Verband sind die Investor-Relations-Manager vieler bekannter Unternehmen vertreten, darunter BASF, Deutsche Telekom, Commerzbank, RWE oder SAP . In heiklen Situationen die richtigen Worte zu finden, sollte ihnen im Blut liegen – denkt man.

Doch was die Leiter der Investor Relations in ihren Unternehmen beherzigen, vergessen sie offenbar in ihrer Tätigkeit im Verband. Jüngstes Beispiel: Eine Pressemitteilung des DIRK, datiert vom 14. Januar. Der Verband habe Christa Scholl „mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben als Geschäftsführerin entbunden". Erst einmal nicht spektakulär, wenn nicht die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits zuvor die Personalie bekannt gegeben hätte – in einem langen Artikel über die internen Querelen im Verband.

[image] DIRK

Magdalena Moll ist Präsidentin des DIRK: "Stets um eine positive Darstellung des Verbandes in der Öffentlichkeit bemüht."

Kommunikativ ist das in vielerlei Hinsicht miserabel gelaufen. Zum einen wird in dem Artikel DIRK-Präsidentin Magdalena Moll zitiert, sie muss also von der Berichterstattung gewusst und bewusst nicht reagiert haben. Moll argumentiert: „Als Vorstand sind wir stets um eine positive Darstellung des Verbandes in der Öffentlichkeit bemüht." Man habe zuerst die Situation analysieren und die richtige Entscheidung treffen wollen. Zum anderen dauerte es vier Tage, eine Pressemitteilung zu verfassen, die nur zwei Seiten umfasste. In den börsennotierten Unternehmen, für die diese Kommunikationsexperten arbeiten, sind Personalwechsel Adhoc-pflichtig.

Fünf Geschäftsführer in zwei Jahren

Ausschlaggebender ist jedoch die Wortwahl. Und die lässt kein gutes Haar an Scholl, die erst seit rund einem Jahr als Geschäftsführerin tätig war. „Mit dieser Entscheidung trägt der Vorstand des DIRK seiner Verantwortung für die Geschäfte des Verbandes und der Interessenvertretung der Mitglieder Rechnung", heißt es in der Mitteilung. Und: „Als Vorstand […] ist es unsere Pflicht dafür zu sorgen, dass die Geschäftsführung den langfristigen Erfolg des Verbandes im Sinne der Mitglieder sicherstelle."

Im Klartext: „Frau Scholl wurde offenkundig rausgeschmissen", sagt ein Vertrauter. Dass der Vorstand bei der Verkündung ihres Abgangs derart nachtritt, ist zumindest schlechter Stil.

Wie es um den DIRK selbst bestellt ist, machen die Hintergründe der Meldung deutlich: Denn der Neue ist eigentlich der Alte. Nachfolger Kay Bommer ist der fünfte Geschäftsführer in nur rund zwei Jahren, er hatte diesen Posten gerade erst Ende 2010 aufgegeben.

[image] Pictum

Kay Bommer hat den Investor-Relations-Verband neun Jahre geführt. Nun ist er zurück.

Auf Bommer folgte Anfang 2011 für sechs Monate interimsmäßig der Jurist Peter List. Dann sollte eigentlich Torsten Tragl kommen. Doch er trat den Job gar nicht erst an – aus „persönlichen Gründen", wie Verbandschefin Moll erklärt. Stattdessen übernahm kommissarisch der Vorstand selbst die Geschäftsführung – bis dann schließlich Mitte Oktober 2011 Christa Scholl kam. Von Kontinuität kann da keine Rede sein. Die Mitglieder fühlten sich schlecht vertreten. Scholl habe deshalb auch „nicht die besten Startbedingungen gehabt", heißt es.

Irrwitzig lange Antwortzeiten auf Email-Anfragen

So häufige Personalwechsel sind ein kommunikatives Desaster. Irgendwas läuft ganz offensichtlich intern falsch. Darüber verliert der DIRK-Vorstand aber kein Wort, gesteht auch keine eigenen Fehler ein. Der verbucht die Rückkehr Bommers im Gegenteil als großen Erfolg. In der Pressemitteilung heißt es „DIRK-Urgestein" und „zurückgewinnen". Bommer als eine Art Ass im Ärmel, „der mit seinem leidenschaftlichen Engagement für den DIRK den Verband und die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern voranbringen wird."

Bommer, berichten IR-Manager, habe in seiner neunjährigen Amtszeit stark geführt und geprägt. Mit ihm soll nun Ruhe einkehren. Die Machtverhältnisse schienen zuletzt nicht mehr im Gleichgewicht zu sein, beurteilt ein IR-Manager Scholls Abgang. Es handle sich bei den Entscheidern im DIRK eben auch um „starke Charaktere". Laut Präsidentin Moll ist es Aufgabe des Vorstands, die Arbeit der Geschäftsführung im Interesse der Mitglieder zu überprüfen. Doch wie gut hat der Vorstand zuvor seine Geschäftsführer ausgewählt, wenn nun nach nur zwei Jahren der fünfte Geschäftsführer antritt? Ein weiterer IR-Manager urteilt: „Der Vorstand erweckt nicht gerade den Eindruck, als ob er an einem Strang zieht". Jeder prügele jetzt auf Frau Scholl ein. „Aber die Treppe fegt man von oben."

IR-Manager bemängeln insgesamt das Kommunikationsverhalten des Verbands. Das sei einfach nicht professionell. Ein IR-Manager spricht von „irrwitzig langen Antwortzeiten auf Email-Anfragen." So brauche der DIRK für Antworten per Mail mitunter eine Woche. „Wenn ein Privataktionär mir eine Mail schreibt, dann antworte ich in der Regel sofort." Der Verband sei nicht präsent, nicht öffentlichkeitswirksam, ergänzt der IR-Manager. Abgesehen davon gebe es für die Mitglieder keinen Austausch über das Tagesgeschäft. Fazit: Die komplette Onlinekommunikation des DIRK sei steckengeblieben.

Online-Kommunikator gründet Alternativ-Plattform

Genau daran wollte Ex-DIRKler Patrick Kiss schon vor Jahren etwas ändern. Er hatte Ideen, um die verstaubte Online-Kommunikation auf Vordermann zu bringen. Doch beim DIRK lief er damit vor eine Wand. „Ich habe meine Ideen damals auch im DIRK vorgeschlagen. Aber so etwas ist immer eine Sache der handelnden Personen. Und das klappt nicht immer perfekt", sagt Kiss vage. Im September 2011, als er noch Verbandsmitglied war, gründete er als Hobby schließlich den IR-Club. Mittlerweile tummeln sich dort 740 Mitglieder, mehr als doppelt so viele wie im DIRK.

[image] Promo

Patrick Kiss hat den IR-Club gegründet. Als Alternative zum DIRK war er nicht gedacht - ist er aber geworden.

Kein Wunder, wenn man die beiden Internetseiten vergleicht. Beim IR-Club kann sich jeder kostenlos anmelden, wie bei Facebook ein Profil erstellen, mit anderen Mitgliedern chatten, an Umfragen teilnehmen, sieht aktuelle Tweets – kurzum, es ist ein Diskussionsforum für IR-Manager. Auf der Internetseite des DIRK steckt dagegen selbst die Historie noch im Jahr 2011 fest. Und auch das Twitter-Vögelchen fristet ein einsames Dasein. Abgesehen von der Pressemitteilung zu Scholls Abgang hat es seit dem 30. Juli vergangenen Jahres keinen Tweet mehr gegeben. Von reger Diskussion kann da keine Rede sein.

Als Konkurrenz zum DIRK habe er den IR-Club nie gesehen, sagt Kiss. Zu der ist die Plattform allerdings geworden. Im Nachhinein hat der DIRK wohl erkannt, dass Kiss Recht hatte. „Der Erfolg des IR-Club ist sicher ein Zeichen an den DIRK. Er muss sich an die eigene Nase fassen, weil er den Bedarf nicht erkannt hat", gibt Wieder-Geschäftsführer Bommer zu bedenken.

Damit scheint er einen Nerv zu treffen: „Das Ganze ist eine Salat-Soße, die seit Jahren nicht umgerührt wurde", sagt ein IR-Manager, der beide Seiten kennt. „Vielleicht zerschlägt sich nun endlich der gordische Knoten, sodass manche ihre egoistische Sicht aufgeben."

Kontakt zum Autor: ilka.kopplin@dowjones.com

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