• The Wall Street Journal

IKEA und der Kampf mit den Bürokraten

    Von ANNA MOLIN

MALMÖ – Eigentlich würde sich der Möbelkonzern IKEA gerne in einen Kaufrausch stürzen und neue Standorte kaufen. Aber der scheidende Unternehmenschef sagt, weltweit verhindere die Bürokratie, dass das Geld für Investitionen so schnell fließen kann, wie man es sich in der Konzernzentrale wünscht.

Am Mittwoch dürfte IKEA-Chef Mikael Ohlsson Rekordumsätze verkünden. Aber er klagt darüber, dass es inzwischen rund doppelt so lange brauche, bis ein neuer Standort eröffnet werden könne wie noch vor relativ kurzer Zeit.

„Was vor einigen Jahren noch zwei bis drei Jahre dauerte, braucht jetzt vier bis sechs Jahre. Und wir sehen auch, dass es in verschiedenen Märkten und auch in [der EU] versteckte Hindernisse gibt, die uns zurückhalten", sagte Ohlsson in einem Interview, das in einem IKEA-Warenhaus im schwedischen Malmö stattfand.

Jonathan Saruk for The Wall Street Journal

IKEA-Chef Mikael Ohlsson am Montag nach dem Interview im IKEA-Haus in Malmö. Die weltweit größte Möbelkette aus Schweden hat weltweit über 300 Standorte.

IKEA – bekannt für schlichtes Design, niedrige Preise sowie praktisch verpackte Möbel – will bis 2020 auf verschiedenen Kontinenten rasant wachsen und dafür ab dem nächsten Jahr bis zu 15 Milliarden Euro in die Hand nehmen. Während der vergangenen vier Jahre hat Ohlsson die Möbelkette erfolgreich durch wirtschaftlich schwere Zeiten gesteuert, vielen Wettbewerbern hat sie erheblich zu schaffen gemacht.

Im September geht der 55-jährige Manager in den Ruhestand und wird das Zepter an Peter Agnefjall weiterreichen. Der 41-Jährige hat zuletzt Verantwortung für das schwedische Geschäft von IKEA. Ohlsson dagegen will sich künftig mit Fotografie beschäftigen und hofft nach eigenen Worten auf einige Sitze in Aufsichtsräten von Unternehmen und gemeinnützigen Vereinen. Aber bevor er gehe, will er IKEA noch helfen herauszufinden, wie das Unternehmen bürokratische Hürden besser und schneller überwinden kann.

Gewinn und Umsatz steigen deutlich

„Wir wollen das Tempo erhöhen, mit dem neue Standorte aufgebaut werden, aber wir sehen, dass der Weg durch alle Verwaltungsprozesse immer länger dauert", sagt er. „Wir müssen lernen damit umzugehen, wenn wir immer mehr Projekte gleichzeitig laufen haben. Aber ich denke auch von Seiten der Behörden gibt es Verbesserungsmöglichkeiten."

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IKEA hat ambitionierte Ziele und will die Zahl seiner Einkaufshäuser bis zum Ende des Jahrzehnts auf 500 fast verdoppeln. Gegründet 1943 von einem Unternehmer, der damals im Teenager-Alter war, ist IKEA nach 70 Jahren in 40 Ländern präsent und verfügt über Barmittel und Wertpapiere im Wert von fast 18 Milliarden Euro.

Am Mittwoch dürfte das Unternehmen für das schon im August beendete Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 3,2 Milliarden Euro ausweisen, das wären 8 Prozent mehr als im Vorjahr. Grundlage dafür sind vor allem der um 9,5 Prozent gestiegene Umsatz und ein besseres Finanzergebnis. Die Erlöse sind auf einen Rekordstand von 27,63 Milliarden Euro geklettert, aber das operative Ergebnis wurde vom erhöhten Lagerbestand, gestiegenen Rohstoffkosten und Preissenkungen von fast 1 Prozent über die gesamte Produktpalette gedrückt.

Für das laufende Geschäftsjahr hält Ohlsson wegen der gesunkenen Kosten für Baumwolle und Holz eine weitere Preissenkung um 1 Prozent für möglich. „Wir wollen die Preise immer weiter senken, besonders in Zeiten wie diesen", in denen die Kunden vorsichtiger würden und wegen der unsicheren Konjunktur auf Schnäppchen aus seien, sagte er. „Ich denke, die weltweite Konjunktur wird noch für lange Zeit, für viele Jahre schwierig sein."

Wachstum vor allem in den Schwellenländern

Ohlssons Strategie, vor allem über die Schwellenländer zu wachsen, ist bisher aufgegangen. Die größten Umsatzsteigerungen wurden im Geschäftsjahr 2011/12 aus China, Russland und Polen gemeldet. Aber auch die USA und Deutschland haben stark zum Wachstum beigetragen.

In diesem Jahr will IKEA 2 Milliarden Euro in neue Warenhäuser, Produktionsstätten, aber auch in Erneuerbare Energien investieren. Im vergangenen Jahr waren eigentlich Investitionen für 3 Milliarden Euro geplant. Am Ende seien es 1 Milliarde weniger gewesen, vor allem wegen bürokratischer Hindernisse, sagte Ohlsson. In Frankreich etwa versucht IKEA seit zehn Jahren vergeblich, ein Möbelhaus zu verlegen. In Deutschland kämpft es gegen Vorschriften, was wo verkauft werden darf, obwohl diese nicht mit EU-Recht vereinbar seien.

„Das ist schade, denn es würde helfen, zu investieren und Jobs zu schaffen – in einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit in vielen Ländern hoch ist", sagte Ohlsson. Ein neuer IKEA-Standort schaffe beim Bau und im Betrieb rund 1.000 Arbeitsplätze.

Bis 2020 will IKEA seinen Umsatz um mindestens 60 Prozent auf 45 bis 50 Milliarden Euro steigern. Man habe genug finanzielle Reserven, um die Expansion zu stemmen, selbst wenn andere Unternehmen sich wegen der globalen Wachstumsschwäche zurückhielten.

Expansion in Indien besonders schwierig

Die größten Kopfschmerzen bereitet dem Management derzeit Indien, wo IKEA bisher nicht vertreten ist, aber spätestens in fünf Jahren das erste Möbelhaus eröffnen möchte. Drei weitere sollen schnell folgen. Binnen zwanzig Jahren sind in Indien Investitionen von 1,5 Milliarden Euro geplant, um 25 Standorte aufzubauen.

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IKEA

Als die indische Regierung im vergangenen Jahr entschied, einigen Einzelhändlern zu erlauben, 100 Prozent ihres Geschäfts in Indien selbst zu besitzen, schien den Weg für die Pläne von IKEA frei zu sein. Aber jetzt verhandelt der Konzern bereits seit Monaten darüber, ob er auch Cafés und Restaurants betreiben darf, und auch Bekleidung, Spielwaren, gebrauchte Möbel und Konsumelektronik anbieten darf, die nicht unter der IKEA-Marke laufen.

IKEA überlegt ungeachtet dieser Hindernisse, seine Einkäufe aus Indien in den nächsten Jahren auf rund 1 Milliarde Euro zu verdreifachen. „Wir wären gern Teil des Übergangsprozesses in der indischen Industrie", sagte Ohlsson. Investitionen von IKEA könnten helfen, den zumeist unorganisierten, 500 Milliarden Dollar großen Einzelhandelssektor zu modernisieren und das Interesse anderer ausländischer Investoren zu wecken. Anders als die meisten Wettbewerber gehören IKEA die Standorte auch, wo das Unternehmen tätig ist.

Neben der Expansion will die Möbelkette auch die Eigenproduktion verbessern. Dazu will IKEA im laufenden Jahr eine Möbelfabrik in der Nähe von Schanghai eröffnen, es wäre die zweite in China. Zudem soll 2013 die Produktion im neu erworbenen Spanplattenwerk im russischen Nowgorod anlaufen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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