• The Wall Street Journal

Siemens ist von der Champions League noch weit entfernt

    Von ARCHIBALD PREUSCHAT
Getty Images

Stand auf der Hauptversammlung trotz markiger Worte im Feuer: Siemens-Chef Peter Löscher kann sein Versprechen, mehr als Mittelfeld zu bieten, derzeit nicht halten.

Auf der Hauptversammlung in München hat Siemens -Chef Peter Löscher die Latte noch einmal ordentlich hoch gelegt, doch der Beifall der Aktionäre ist ausgeblieben. Im Gegenteil: Viele Siemens-Eigner sind unzufrieden, wie sich auf dem Aktionärstreffen zeigte.

Weltklasse will Deutschlands größter Industriekonzern nach Löschers Worten sein. „Mit einer Platzierung im mittleren Tabellenfeld würde sich Siemens niemals zufrieden geben", rief er den Aktionären zu.

Das Problem ist allerdings: Derzeit müssen sich die Siemens-Aktionäre mit einem Platz im Mittelfeld zufrieden geben. General Electric, der amerikanische Siemens-Wettbewerber, wächst schneller, auch der auf Kraftwerke und Schienenfahrzeuge französische Alstom-Konzern schlägt Siemens beim Auftragseingang. In der nächsten Woche wird Philips offenlegen, ob der niederländische Elektronikkonzern das gute Tempo der vergangenen Quartale halten konnte.

Die Platzierung von Siemens im Industriegütermittelfeld schlägt sich auch im Aktienkurs nieder. Der hinkt nämlich sowohl dem Wachstum des Deutschen Aktienindex Dax hinterher wie auch der Börsenbewertung seiner Wettbewerber, und das macht Aktionäre sehr ärgerlich.

Heftige Kritik von Fondsmanagern

Die Entwicklung der vergangenen 18 Monate sei „einfach nur noch enttäuschend", kritisierte Henning Gebhardt von der Fondsgesellschaft DWS Investment in München die Siemens-Führung. „Krempeln Sie die Ärmel hoch", rief Daniela Bergdolt von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger Löscher sogar zu.

Bei Deutschlands größtem Industriekonzern zeichnet sich nach dem ersten Geschäftsquartal ein leichter Silberstreif am Horizont ab.

Auch Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment, einem der zehn größten Einzelaktionäre des Konzerns, macht den Siemens-Chef persönlich verantwortlich: „In der Champions League, Herr Löscher, hätten Sie noch nicht mal die Gruppenphase überstanden", bekommt der gebürtige Österreicher zu hören, der den Konzern seit nunmehr fünfeinhalb Jahren führt. Es scheint, als sei Siemens aus dem ersten Teil der Finanz- und Wirtschaftskrise zwar gestärkt hervorgegangen, schlittere aber jetzt dafür um so tiefer hinein.

Siemens-Aktionäre machen nicht zuletzt Fehler des Managements für die Entwicklung verantwortlich. Erstes Beispiel: Windkraft. Im zurückliegenden Geschäftsjahr summierten sich die Abschreibungen hier auf mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Zweites Beispiel: ICE-Züge. 116 Millionen Euro Belastung fielen im vergangenen Quartal für ihre verspätete Auslieferung an, und noch immer rollen die Züge nicht. Da kann noch mehr auf den Konzern zukommen; BahnCard-Rabatt wird bei diesem Thema nicht gewährt. Es gibt bereits Zweifel, ob Siemens derartige Großprojekte überhaupt stemmen kann.

Vom Ziel der Weltklasse noch sehr weit entfernt

Löschers Erklärung für das Problem klingt im Fall der ICE-Züge ebenso hilflos, wie manche Verspätungsansage auf deutschen Bahnhöfen. Der Zulassungsprozess für Züge in Deutschland sei sehr kompliziert, sagt der Spitzenmanager, in Russland sei das alles viel schneller gegangen.

Auch bei Akquisitionen zeigte Siemens zuletzt kein glückliches Händchen: Erst vor wenigen Jahren hat man hunderte Millionen für Zukäufe im Solarbereich gezahlt und damit in eine Branche investiert, deren Zukunftsfähigkeit hierzulande inzwischen massiv in Frage steht. In dem am Donnerstag veröffentlichten jüngsten Quartalsausweis sind Kosten von 150 Millionen Euro vermerkt, für notwendige Abschreibungen und Verluste im operativen Geschäft.

Nicht nur Anleger, auch renommierte Analysten wie Martin Prozesky von Sanford C. Bernstein schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. „Siemens hat einige ernsthafte Probleme insbesondere beim Risikomanagement und in der Portfolio-Politik", formulierte er.

Sicherlich, der Zug ist für Siemens noch nicht abgefahren, aber angesichts der hausgemachten Probleme am Wittelsbacher Platz in München, dem Sitz der Gesellschaft, ist der Konzern vom Ziel der Weltklasse noch sehr weit entfernt. Natürlich bietet die weltwirtschaftliche Lage dem Unternehmen nicht gerade Rückenwind, da hat Konzernchef Löscher schon recht, aber auf Rückenwind müssen die Wettbewerber von Siemens auch verzichten, und sie kommen auf dem Wachstumspfad schneller voran.

Kontakt zum Autor: archibald.preuschat@dowjones.com

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