• The Wall Street Journal

Währungsrally macht Lateinamerika zu schaffen

    Von GRACIELA IBÁÑEZ und ANTHONY HARRUP

Seit die Währungen Lateinamerikas am Devisenmarkt erneut einen Sprung nach oben gemacht haben, wird der Ruf nach einem Eingreifen der Zentralbanken und der Regierungen immer lauter. Die Nachfrage nach Exportgütern aus dem Kontinent schwindet ohnehin schon – stärkere Währungen würden den Wettbewerbsvorteil der Industrie dort weiter untergraben.

US-Anleger investieren in letzter Zeit wieder verstärkt in Chile, Kolumbien und Peru, wo sie auf höhere Renditen hoffen. Doch für Exporteure entstehe durch höhere Lohn- und Energiekosten sowie die immer stärkeren Währungen eine Verkettung unglücklicher Umstände, sagt Wilfred Leigh, Chef des chilenischen Weinherstellers Bethwines. „Eine Lösung wäre, unsere Weinpreise zu erhöhen. Doch Europa ist unser wichtigster Abnehmer, und dort würde niemand mehr unseren Wein kaufen, wenn er teurer wäre", sagt Leigh. „Die Europäer machen selbst gerade eine Krise durch."

Brasilianische Exporteure glauben, dass der starke Real schuld daran ist, dass der Außenhandelsüberschuss im vergangenen Jahr gesunken ist. Die Exporte schrumpften um fünf Prozent, die Importe nur um ein Prozent. „Der Wettbewerb findet nicht nur in den Exportmärkten, sondern auch im Heimatmarkt statt", sagt Flavio Castelo Branco, Chefökonom des brasilianischen Industrieverbands.

Reuters

Frisch von der Druckpresse: brasilianische Exporteure halten den Real für zu stark.

In Chile wurden die Hilferufe der Exporteure lauter, als der Peso kürzlich ein Drei-Monatshoch zum US-Dollar erreichte. Zweimal schloss die Währung bei 470 Pesos zum Dollar – einer psychologisch wichtigen Marke, bei der Anleger mit einem Eingriff der Zentralbank rechnen. An diesem Punkt agierte sie auch schon im Januar 201.

Doch andere Beobachter halten einen erneuten Eingriff für unwahrscheinlich. Die derzeitige Aufwertung des chilenischen Pesos habe vor allem damit zu tun, dass die Federal Reserve Bank in den USA den Dollar aktiv schwächt. „Bei einem Stand von 470 kaufen Investoren lieber Dollar, und der Peso wertet wieder ab", sagt Sergio Tricio, Analysechef bei Forex Chile.

Bei einem Interview gab der chilenische Zentralbankchef Rodrigo Vergara keine Hinweise darauf, ob das Institut die Aufwertung des Pesos bekämpfen werde. „Einige Wirtschaftsbereiche haben davon profitiert, dass die Preise im Ausland so stark gestiegen sind", sagt er. „Für andere Bereiche ist die Situation komplizierter. Natürlich hat das einige Industrie- und Agrarbereiche stärker beeinflusst als andere, und diese beschweren sich jetzt."

Die Länder Lateinamerikas gehen mit den steigenden Kursen ganz unterschiedlich um. Brasilien etwa reagiert am aktivsten auf Schwankungen, Mexiko hingegen hält sich weitgehend heraus.

Laut Benito Berber, Stratege bei Nomura Lateinamerika, werde die Aufwertung der Währungen 2013 in der Region definitiv ein Thema sein. So haben zum Beispiel Politiker aus Kolumbien angedeutet, dass sie in Erwägung ziehen, den kolumbianischen Peso zu schwächen. Diese Strategie veranlasst Anleger oft dazu, ihr Geld lieber in anderen Ländern zu investieren, da die Abwertung einer Währung auch dazu führt, dass die Renditen von Währungsanleihen fallen. „Auch das muss man einkalkulieren", sagt Berber.

Der mexikanische Peso gehört zu den am meisten gehandelten Schwellenmarkt-Währungen und ist für die Stimmungsschwankungen der Anleger dadurch besonders anfällig.

Vergangene Woche erreichte der mexikanische Peso mit weniger als 12,60 Peso zum Dollar sein stärkstes Niveau seit September 2011. Finanzminister Luis Videgaray sagt, die Regierung und die Zentralbank würden weiterhin ihre Devisenreserven ausbauen, um sich vor der Volatilität am internationalen Markt zu schützen.

Der kolumbianische Finanzminister Mauricio Cardenas nahm die Forderungen, die Stärke des Pesos zu bekämpfen, gelassen hin. Die aktuelle Aufwertung sei nur „vorübergehend" und der Wechselkurs werde bald wieder bei etwa 1.800 kolumbianischen Pesos zum Dollar liegen.

Die kolumbianische Zentralbank kauft derzeit mindestens 20 Millionen US-Dollar am Tag, während das Finanzministerium je nach Situation außerdem ebenfalls Dollar kauft. „Das Problem geht über den Kauf von Dollar hinaus. Man muss aggressiver und mutiger vorgehen", sagt Augusto Solano, Leiter des Verbandes der kolumbianischen Blumenexporteure. Auch Kapitalverkehrskontrollen sollte die Regierung in Erwägung ziehen.

Genau diese will Costa Rica bald umsetzen. Die Regierung hat dem Kongress diese Woche hohe Steuern auf Kapitalerträge von ausländischen Investoren vorgeschlagen, wenn diese in andere Länder überwiesen werden. Präsidentin Laura Chinchilla nannte kurzfristige Kapitalzuflüsse „wahre Massenvernichtungswaffen" für die empfangenden Länder.

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