• The Wall Street Journal

Die Afrika-Träume der Anleger zerplatzen

    Von PATRICK MCGROARTY

JOHANNESBURG – Die Kakophonie afrikanischer Krisen im vergangenen Jahr hat die Hoffnungen vieler Anleger auf eine Ära des Wachstums und der Chancen auf dem Kontinent stark gedämpft.

Es ist noch nicht lange her, dass die Weltbank und andere internationale Organisationen Afrika mit seiner zunehmenden Stabilität und dem robusten Wachstum als möglichen Gegenpol zu der Dauer-Malaise sahen, die die westlichen Volkswirtschaften überkommen hat. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft des Kontinents laut Daten der Afrikanischen Entwicklungsbank um 4,5 Prozent. Zu den tragenden Säulen gehört eine aufstrebende Verbraucherschicht, die nach Einschätzung der Bank bereits ein Drittel der eine Milliarde Afrikaner umfasst. Das sei vergleichbar mit China und Indien.

Nur wenige Wochen nach dem Jahreswechsel sieht der Ausblick jedoch weit weniger rosig aus. Afrikas Volkswirtschaften, ob groß oder klein, kämpfen mit sozialen und politischen Konflikten. Lange Zeit hat der Rohstoffreichtum des Kontinents risikofreudige Investoren angezogen. Doch die jüngste Terrorattacke auf eine Erdgas-Anlage in Algerien hat ein Schlaglicht auf die Gefahren für die Ölindustrie geworfen. Rebellen drohen die Regierungen in Mali und der Zentralafrikanischen Republik zu stürzen. Und am Montag versuchten Soldaten in Eritrea offenbar einen Putsch und besetzten vorübergehend das Informationsministerium des Landes.

Investoren schauen sehr genau auf die Vorgänge in Ländern wie Mali, das große Goldvorkommen hat und riesige Vorräte an Phosphaten. Der italienische Öl- und Gasriese Eni erklärte am vergangenen Donnerstag, dass er fünf Förderlizenzen in Mali zurückgegeben habe und sagte zur Begründung, das Gebiet sei nicht viel versprechend genug. Das Unternehmen betonte, dass die Entscheidung bereits gefallen sei, ehe Frankreich am 11. Januar seinen militärischen Einsatz gegen islamische Rebellen in dem Land startete.

Afrika ist kein Ort der Verheißungen mehr

Diejenigen, die bereit sind zu bleiben, sähen Afrika eher als eine Mischung aus Chancen und Risiken denn als Ort der Verheißungen, sagt Simon Freemantle, Afrika-Analyst bei der Standard Bank in Johannesburg. „Es gab einen riesigen Hype um Afrikas Potenzial und das Wachstum, der sicherlich übers Ziel hinaus geschossen ist", meint er. "Jetzt nehmen die Investoren allmählich die Schattierungen und Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften wahr."

Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds wird die Region südlich der Sahara in diesem Jahr um bis zu sechs Prozent wachsen. Doch nicht alle der mehr als 50 afrikanischen Staaten florieren gleichermaßen.

Südafrika, das wirtschaftliche Zugpferd des Kontinents, wird nach wie vor von Arbeiter-Unruhen durchgeschüttelt. Am 15. Januar kündigte der weltgrößte Platinhersteller Anglo American Platinum an, 14.000 Stellen in den Minen zu streichen, die im vergangenen Jahr wegen der Streiks stillgelegt werden mussten. Die südafrikanische Regierung warnte daraufhin, sie werde die Förderlizenzen des Unternehmens überdenken.

Die Ratingagentur Fitch stufte die Bonität Südafrikas am 10. Januar ab. Damit haben seit August vergangenen Jahres, als Polizisten 34 streikende Arbeiter einer Platinmine außerhalb Johannesburgs töteten, alle drei großen Ratingagenturen den Daumen über dem Land gesenkt. Nach Meinung von Fitch haben die Arbeitskämpfe und soziale Spannungen die Wachstumsaussichten Südafrikas ausgehöhlt.

Wie verunsichert die Investoren sind, zeigt ein Blick auf den Rand: Südafrikas Landeswährung hat seit Jahresbeginn so stark an Wert verloren wie keine andere Schwellenländer-Devise. Im Vergleich zum US-Dollar ist der Rand um mehr als vier Prozent gefallen, für einen Dollar müssen wieder fast neun Rand gezahlt werden.

In Nigeria, das viele neue Investoren angelockt hat, versucht die Regierung einen Aufstand von Islamisten zu kontrollieren, der zur Gefahr für eine der größten afrikanischen Volkswirtschaften wird. Nachdem die Gruppierung Boko Haram jahrelang Anschläge auf Kirchen und Marktplätze verübt hat, soll sie nun auch Mobilfunktürme und Fabriken der nigerianischen Tochter der in Südafrika ansässigen MTN Group und Bharti Airtel angegriffen haben.

Im September zwangen Aufstände in der Demokratischen Republik Kongo den britischen Energiekonzern Soco International, die Ölförderung in dem Land zu stoppen und nach Uganda auszuweichen.

Experten sehen genügend Möglichkeiten für Anleger

„Die Wachstumsrate liegt auf dem Kontinent bei sechs Prozent, aber das heißt nicht, dass man überall viel Geld machen kann", sagt Sola Mahoney, Leiter der Afrika-Abteilung bei der Barclays-Tochter Absa Capital. Doch es gebe genügend Möglichkeiten für Investoren, ihr Geld in vielversprechenden Märkten anzulegen, sagt Peter Baird von der Bank Standard Chartered. „Die kurzfristigen politischen Herausforderungen dämpfen unseren Enthusiasmus für Afrika nicht und halten uns nicht davon ab, gute Investitionen für unsere Kunden zu tätigen."

Antoon de Klerk, der für Investec Asset Management einen 300 Millionen Dollar schweren Afrika-Fonds managt, stieß im vergangenen Jahr Uganda-Schilling ab, nachdem die Regierung beschuldigt worden war, ausländische Hilfsgelder veruntreut zu haben.

Aber in Ghana sehe es besser aus, sagt de Klerk. Dort gab es im Dezember friedliche Präsidentschaftswahlen und die Wirtschaft wird nach Schätzungen in diesem Jahr um acht Prozent wachsen. Vergangene Woche kauften ausländische Investoren bei einer Auktion 99 Prozent der Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren, die die Regierung ausgegeben hatte.

„Ich habe nie an ein einfaches Rezept für Afrika geglaubt. Der Kontinent ist einfach zu komplex", sagt Simon Harford, Partner bei der Private-Equity-Firma Actis, die Vermögenswerte in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar in Afrika verwaltet. „Man muss die Entwicklungen verfolgen und seine Strategie den lokalen Märkten anpassen."

—Mitarbeit: Jenny Gross und Nicholas Bariyo

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

Berichtigung
In Eritrea besetzten Soldaten zeitweise das Informationsministerium. In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es am Ende des dritten Absatzes irrtümlich, Soldaten hätten den Informationsminister des Landes vorübergehend gefangen genommen.

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