• The Wall Street Journal

Britischen Exporteuren stinkt die Idee vom EU-Ausstieg

    Von CHARLES FORELLE
dapd

Heikles Manöver: Der britische Premierminister David Cameron nach seiner umstrittenen Europa-Rede, in der er ein Referendum über Großbritanniens EU-Mitgliedschaft in Aussicht gestellt hat.

Britische Unternehmerverbände und Wirtschaftsgrößen haben eine klare Meinung zum jüngsten Vorschlag von Premierminister David Cameron, das Volk über Großbritanniens Verbleib in der Europäischen Union abstimmen zu lassen: Sich aus Europas regulatorischen Fesseln zu lösen, ist gut. Aber Großbritannien solle doch bitte auf jeden Fall innerhalb des europäischen Binnenmarktes bleiben!

Großbritannien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der EU, und die EU ist der größte Handelspartner für das Land: etwa die Hälfte aller britischen Ausfuhren landen in anderen EU-Ländern. Zwar reiben sich britische Unternehmen seit Jahren an den Richtlinien, die aus Brüssel kommen. Aber vielen wäre es weniger geheuer, wenn das Land den uneingeschränkten Zugang zum größten Wirtschaftsblock der Welt verlieren würde.

Das treibt Cameron in die Enge: Er kann zwar eine Lockerung der europäischen Aufsicht fordern, die so viele Briten frustriert. Aber er muss das Anliegen der Industrie beherzigen, Teil des europäischen Binnenmarktes zu bleiben.

„Der Binnenmarkt ist enorm wichtig für britische Unternehmen, das ist eine Tatsache. Und ich glaube nicht, dass sich das ändern wird", sagt John Cridland, Chef des Interessenverbands Confederation of British Industry.

„Ich bin hocherfreut, dass der Premierminister bestätigt hat, wie wichtig es ist, dass Großbritannien innerhalb einer neu belebten EU bleibt", sagt Michael Rake, Aufsichtsrat des britischen Telekommunikationskonzerns BT Group .

"Die EU braucht Großbritannien"

Und Martin Sorrell, Vorstandschef der weltgrößten Werbeagentur WPP, warnt, dass schon die leiseste Ankündigung eines britischen Ausstiegs die ohnehin schon wackelige Wirtschaft erschüttern könnte. Zwei Rezessionen hat Großbritannien gerade überstanden, und das Land steht am Rande einer dritten.

Per Email teilt Sorrell mit, dass er „die politischen Beweggründe für das Referendum und die Neuverhandlung" verstehe und die „öffentliche Debatte begrüßt". Die Unsicherheit werde dadurch aber nicht sinken und das dürfte der Zuversicht in der Wirtschaft eine Delle verpassen.

Der deutsche Industriekonzern Siemens erklärt, er werde sich vollends dafür einsetzen, „dass Großbritannien in der EU bleibt". Das Unternehmen beschäftigt auf der Insel 13.520 Mitarbeiter und findet: „Die EU braucht Großbritannien."

Mit der Europäischen Union bekommen britische Unternehmen Zugang zu 500 Millionen Verbrauchern. Die Standards sind weitgehend gleich und es fallen für sie keine Zölle oder Handelssteuern an.

SANG TAN/AP/dapd

Sammelsurium britischer Käse für eine Werbeveranstaltung: Westeuropäer haben an den Sorten wie Cheddar und Stilton Geschmack gefunden. Ein Ausstieg Großbritanniens aus dem Binnenmarkt würde entsprechenden Exporteuren schaden.

Für Combe Castle International etwa, ein Exporteur von Molkereiprodukten aus dem Südwesten Englands, ist es fast genauso einfach, einen Schimmelkäse aus Großbritannien nach Deutschland zu verschicken wie ein paar Straßen weiter.

In der EU zu sein, sei „lebenswichtig", sagt Peter Mitchell, Geschäftsführer von Coombe Castle. Westeuropa habe an den feinen britischen Käsesorten Gefallen gefunden – am bröckelig-sahnigen Stilton mit dem durchdringenden Geschmack genauso wie an den vielen verschiedenen Arten von Cheddar. Auch in Osteuropa, dessen Länder größtenteils erst im vergangenen Jahrzehnt zur EU stießen, wachse die Zahl der Käufer. Fazit: In Sachen Währung könne man durchaus geteilter Meinung sein, aber „wir wollen uns selbst keinesfalls außerhalb von Europa sehen. Wir sind nicht groß genug, um auf eigenen Füßen zu stehen", sagt Mitchell.

An den Finanzmärkten bewegte sich trotzdem nichts

Die meisten Volkswirte gehen davon aus, dass ein turbulenter Bruch mit der EU Großbritannien aus dem Binnenmarkt drängen würde. Das würde dem Außenhandel schaden und die wirtschaftlichen Aussichten des Landes verdüstern.

„Die wirtschaftlichen Folgen würden für das Pfund groß und negativ ausfallen", sagt Elsa Lignos, Währungsstrategin bei RBC Capital Markets.

Aber in Camerons Rede fanden sich auch jede Menge Gründe, warum die Briten Mitglied der Gemeinschaft aus 27 Staaten bleiben sollten. Und die Finanzmärkte bewegten sich am Mittwoch kaum. Viele Marktteilnehmer sahen in einem möglichen Referendum, das ohnehin erst in mehreren Jahren stattfinden würde und auch nur dann, wenn Camerons Partei die nächste Wahl gewinnt, wenig Anlass für einen Kurswechsel.

Die Rendite der Gilts, der britischen Staatsanleihen, lag am Mittwoch unverändert bei 1,99 Prozent. Am späten Mittwoch verlief der Kurs des britischen Pfunds gegenüber dem Euro und dem US-Dollar ebenfalls flach. Der Aktienindex FTSE 100 stieg um 0,3 Prozent.

Reuters

„Der Binnenmarkt ist enorm wichtig für britische Unternehmen, das ist eine Tatsache", sagt John Cridland, Chef des Verbands Confederation of British Industry.

Trotzdem bleibt festzustellen: So groß der Segen auch sein mag, den die EU den britischen Exporteuren beschert, so sehr galt sie Unternehmern auch stets als Quell peinigender Richtlinien. Eine davon – die Arbeitszeitrichtlinie – etwa schreibt Unternehmen die Arbeitszeiten vor und bringt Briten seit zwei Jahrzehnten auf die Palme. Auch Cameron ging in seiner Rede auf diese EU-Vorschrift ein.

Ärger über die Dominanz von Berlin und Paris

Wichtiger aber noch ist wohl, dass sich die 17 Staaten der Währungsunion nach der Eurozonenkrise intensiv daran gemacht haben, neue Institutionen zu schaffen. Und genau solche Bestrebungen hin zu einer zentralisierteren Kontrolle laufen Großbritannien zuwider.

„Europa verändert sich um uns herum aufgrund von Entscheidungen, die vor allem in Berlin und Paris getroffen werden", sagt CBI-Verbandschef Cridland.

Neuerungen wie die geplante „Bankenunion" innerhalb der Eurozone und eine geplante Steuer auf Börsengeschäfte in einer Reihe von EU-Mitgliedern (außer Großbritannien), haben die Briten skeptisch gemacht gegenüber Europas wachsendem Einfluss in Finanzsachen.

Nach Ansicht von Simon Walker, Chef des britischen Interessenverbandes Institute of Directors, erhält Großbritannien durch Camerons Vorstoß die Chance, EU-Regeln neu zu justieren, vor allem im Bereich Arbeitsmarkt. Er hofft, „dass es ein Referendum über eine reformierte Europäische Union geben wird, die sich weniger stark einmischt und wettbewerbsfähiger ist" und dass es „letztlich für den Verbleib in dieser Art von EU" ausfällt.

—Mitarbeit: Lilly Vitorovich und Marietta Cauchi

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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