• The Wall Street Journal

Commerzbank macht mit massivem Stellenabbau ernst

    Von MADELEINE NISSEN, MARKUS KLAUSEN und ULRIKE DAUER
Reuters

Die Commerzbank ist eine Baustelle. Weitere bis zu 6.000 Stellen sollen im gesamten Konzern wegfallen, um Kosten zu sparen. Wie genau der Abbau geschieht, darüber verhandelt die Bank in Kürze mit der Arbeitnehmerseite.

Die Mitarbeiter der Commerzbank müssen zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre um ihren Arbeitsplatz bangen. Nach der Streichung von 9.000 Stellen im Zuge der Dresdner-Übernahme will die Bank nun zusätzlich bis zu 12 Prozent aller Vollzeitstellen abbauen.

Weltweit gibt es 49.215 solche Stellen bei der Commerzbank. Davon sollen 4.000 bis 6.000 bis 2016 wegfallen, wie die Bank am Donnerstag bestätigte. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat laufen im Februar an, und sie werden nicht einfach werden. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bezeichnete einen solchen "Kahlschlag" als nicht verhandelbar.

Doch selbst wenn sich die Commerzbank-Führung durchsetzt, ist beim Thema Stellenabbau das Ende der Fahnenstange möglicherweise noch nicht erreicht, wird in der Branche spekuliert. "Wenn es die Bank nicht schafft, die Erträge anzukurbeln, könnte schon in den nächsten zwei Jahren ein weiterer Stellenabbau erforderlich sein", sagte etwa Equinet-Analyst Philipp Häßler.

Alle Banken haben derzeit ein Problem

Wichtiger als Stellenstreichungen sind nach Ansicht des Bankanalysten allerdings kreative Geschäftsideen - wie flexiblere Öffnungszeiten, ein größerer Schwerpunkt im Online-Banking oder eine bessere Beratung. Bei diesen Themen hat Commerzbank-Vorstandschef Martin Blessing schon einiges angestoßen.

Analyst Häßler umreißt das Problem, das nicht nur die Commerzbank, sondern die gesamte Branche betrifft: Das insgesamt niedrige Zinsniveau und die konjunkturellen Unwägbarkeiten bedeuten für die Finanzbranche, dass die Erlöse bei weitem nicht mehr so üppig ausfallen wie in früheren Jahren.

Seit Beginn der Finanzkrise ist die Bereitschaft der Bankkunden zu Geldanlagen gering geworden. Gerade im Privatkundengeschäft ist der Markt außerdem stark umkämpft. Das gilt in besonderem Maße in Deutschland, wo neben den Privatbanken auch die Sparkassen und genossenschaftliche Institute um Marktanteile kämpfen. Die Commerzbank reagiert und verkleinert ihr Filialnetz.

Ein Teil des geplanten Stellenabbaus wird auch die Auslandsabteilungen treffen. Wie viele Mitarbeiter dort gehen müssen, ist aber noch unklar. Glimpflich kommt noch die Mittelstandsbank des Frankfurter Instituts mit "maximal 100 Stellen" davon, wie informierte Personen dem Wall Street Journal Deutschland sagten. Die Online-Bank Comdirect und die polnische Tochter BRE sollen sogar ganz ungeschoren bleiben, heißt es aus den Kreisen.

Gewerkschaften planen massive Gegenwehr

Konzernweit könnte der Stellenabbau etwas niedriger ausfallen als zuletzt erwartet. Vergangene Woche hatten Informanten noch von einem Abbau von 6.000 Stellen allein in Deutschland gesprochen. Nach Gewerkschaftsangaben sollen in Deutschland 4.600 Stellen wegfallen.

Die Arbeitnehmerseite will die geplanten Einschnitte nicht hinnehmen. "Beschäftigte, Betriebsräte und Gewerkschaft werden im Schulterschluss diesen Kahlschlag bekämpfen", sagte Verdi-Vorstandsmitglied Beate Mensch. Ein solcher "Frontalangriff auf die Arbeitsbedingungen" sei mit dem Ziel nicht vereinbar, "gute Bankdienstleistungen vor allem im Kundengeschäft zu bieten". Auch der Gesamtbetriebsrat lehne die Vorschläge ab.

Vorstandschef Martin Blessing hatte bereits im November eine weitgehende Straffung des Filialnetzes angekündigt und die Online-Tochter comdirect in weiten Strecken als Vorbild genommen. Dass nun aber tatsächlich viele Mitarbeiter gehen müssen, ist für viele ein Schock. Bislang waren es in erster Linie die Investmentbanken, die einen Jobabbau in einer solchen Größenordnung planten.

Die Commerzbank ist angesichts des schwierigen Umfelds mit ihren Plänen nicht allein. Auch die Hypo-Vereinsbank will rund 600 Stellen streichen, wie am Mittwochabend durchsickerte. Die UniCredit -Tochter beschäftigt insgesamt rund 19.000 Mitarbeiter in Deutschland. Auch hier gibt es Spekulationen über zusätzliche Streichungen, so dass sogar 1.000 Stellen wegfallen könnten.

Keine weiteren Stellen will die Postbank streichen, wie deren Vorstandschef Frank Strauß am Donnerstag sagte.

Allianz schließt ihre Bank - OLB bleibt

Zu mau ist das Geschäft für die Allianz Bank. Die zu Deutschlands größtem Versicherungskonzern gehörende Bank schließt gleich ganz. 450 Arbeitsplätze fallen dem Schritt bis zur Jahresmitte zum Opfer. Für die Muttergesellschaft Allianz haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt, im hart umkämpften Privatkundengeschäft profitabel wachsen zu können. Eine Trendwende sieht der Konzern nicht. Nicht betroffen von der Schließung ist die Allianz-Tochter Oldenburgische Landesbank .

Auch für die Commerzbank ist Stellenabbau derzeit unumgänglich. In einem bankinternen Papier verteidigt Personalvorstand Ulrich Sieber den Stellenabbau als notwendigen Schritt, um sich in dem schwierigen Umfeld behaupten zu können. "Wenn wir uns die ökonomische Situation der Bank anschauen, die nachhaltig veränderten Marktbedingungen und das veränderte Kundenverhalten, dann ist eine Anpassung unserer Personalstruktur notwendig, und zwar konzernweit in allen Bereichen der Bank", erklärte Sieber.

So habe die Commerzbank im Privatkundengeschäft gemessen an den Aktivitäten und Erträgen deutliche Überkapazitäten. "Die aktuelle Ausstattung basiert auf Annahmen aus den Jahren 2008 und 2009, die sich leider so nicht bewahrheitet haben", sagte Sieber.

—Mitarbeit: Olaf Ridder

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com, markus.klausen@dowjones.com und ulrike.dauer@dowjones.com

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