• The Wall Street Journal

Nokia müht sich zurück in die Gewinnzone

    Von SVEN GRUNDBERG und MATTHIAS GOLDSCHMIDT

Bei Nokia geht es langsam bergauf. Der tief gefallene einstige Handy-Marktführer hat sich nach sechs verlustreichen Quartalen in Folge zum Abschlussquartal 2012 überraschend in die Gewinnzone zurückgekämpft. Außerdem hält das Unternehmen sein Geld zusammen: Die Liquidität ist zum Vorquartal gestiegen, die Dividende wurde gestrichen.

Die Finnen haben einen langen Leidensweg hinter sich. Im lukrativen Smartphone-Markt hatte Nokia den Anschluss verpasst und war gegenüber Apple und Samsung immer weiter ins Hintertreffen geraten. Um nicht vollständig abgehängt zu werden und Zeit zu sparen, hatte Vorstandschef Stephen Elop kurz nach Amtsantritt 2010 einen radikalen Schnitt gewagt. Er stoppte die eigenen Entwicklungsprogramme zu Smartphone-Betriebssystemen und fädelte stattdessen eine Allianz mit Microsoft ein. Tatsächlich konnte er nach weniger als einem Jahr eine neue Smartphone-Serie präsentieren.

Reuters

Ein Lumia 800 Smartphone von Nokia. Die Finnen haben überraschend für das Schlussquartal überraschend einen Nettogewinn ausgewiesen.

Von einer Trendwende wollen Analysten im Moment noch nicht sprechen. "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", meint Analyst Peter Cunningham von Canalys. Denn es stehe ein schwieriges erstes Quartal vor der Tür. "2013 wird für Nokia ein entscheidendes Jahr", so der Analyst. Trotz der ermutigenden Zahlen sei der Absatz des Vorzeige-Smartphones Lumia noch nicht da wo er sein sollte, vor allem in Nordamerika.

Auch Analyst Ben Wood von CCS Insight ist zurückhaltend. Trotz der verbesserten Netto-Liquidität stehe das Unternehmen immer noch vor massiven Herausforderungen. "Der Erfolg 2013 hängt allein davon ab, ob Nokia in der Lage ist, mit guten Produkten bei den Kunden anzukommen", meint Wood.

Vielversprechend sind die guten Absatzzahlen des Lumia, die der Konzern zur Freude der Aktionäre bereits vor zwei Wochen verkündet hatte. Nokia verkaufte davon 4,4 Millionen Stück, insgesamt gingen 6,6 Millionen Nokia-Smartphones über den Ladentisch. Die Investoren schauen besonders auf das Lumia. Denn die große Frage ist, ob Nokia in der Lage ist, im Wettbewerb mit Herstellern wie Apple, Samsung und anderen zu bestehen. Zum Vergleich: Apple hat in seinem jüngsten Geschäftsquartal 47,8 Millionen iPhones abgesetzt, Branchenführer Samsung kam voraussichtlich gar auf über 60 Millionen Smartphones.

Aufstieg und Fall von Nokia

InvisionAssociated Press

In Reaktion auf den Quartalsausweis drehte die Aktie von Nokia nach anfänglichen Kursgewinnen ins Minus. Händler begründen dies mit der ausgefallenen Dividende sowie Gewinnmitnahmen, nachdem die Aktie zuletzt stark gestiegen war.

Analystenerwartungen deutlich übertroffen

Ein Analyst verweist auf zwei weitere Belastungsfaktoren. Zum Einen wolle sich Nokia auf der nächsten Hauptversammlung die Möglichkeit von Kapitalerhöhungen von bis zu 740 Millionen Aktien genehmigen lassen. Das bedeute zwar nicht, dass tatsächlich eine Kapitalmaßnahme bei den Finnen anstehe, werde von den Anlegern dennoch negativ gewertet. Zum Anderen verweist der Analyst auf die Lizenzzahlungen von Nokia an Microsoft für die Nutzung der Microsoft-Plattform. Diese könnten in Zukunft den Gewinn je Aktie um bis zu 0,20 Euro mindern.

Für den Weg aus der Talsohle hat sich Nokia mit seinen ordentlichen Zahlen etwas Zeit gekauft. Die Finanzlage hat sich im Vergleich zum Vorquartal wieder etwas verbessert. Der Liquiditätsbestand betrug zum Ende des Jahres 4,36 Milliarden Euro, das ist ein Fünftel mehr als noch Ende September. Um die Liquidität weiter zu verbessern, will Nokia dieses Jahr keine Dividende zahlen. Im Mai vergangenen Jahres waren trotz gewaltiger Verluste noch 742 Millionen Euro an die Anleger ausgeschüttet worden.

Dank der guten Smartphone- und Handyverkäufe ist die bereinigte Marge in der Kernsparte "Devices & Services" mit 1,3 Prozent wieder ins Plus gedreht. Der Konzernumsatz sank im Schlussquartal zum Vorjahr zwar um ein Fünftel, lag mit gut 8 Milliarden Euro aber elf Prozent höher als im dritten Quartal. Nokia erzielte einen Nettogewinn von 202 Millionen Euro, während Analysten mit einem Verlust gerechnet hatten. Wegen der außerordentlich schwachen Vorquartale lief im Gesamtjahr jedoch ein Nettoverlust von rund 3,1 Milliarden Euro auf.

Bei Apple wird sich das Wachstum verlangsamen, Konkurrent Nokia kommt langsam wieder auf Touren. Die Quartalszahlen der beiden Technologiekonzerne zeigen überraschend gegenläufige Entwicklungen.

Gut hat das gemeinsam mit Siemens betriebene Joint Venture Nokia Siemens Networks abgeschnitten. Der Netzwerkausrüster erzielte - wie bereits vor zwei Wochen angedeutet - eine operative Rendite von 14,4 Prozent. Grund dafür sind die Konzentration auf margenstarke Produkte sowie ein besseres Kostenmanagement. NSN ist derzeit dabei, weltweit 17.000 Stellen abzubauen.

Das traditionell schwache erste Quartal dürfte aber nicht leicht werden. Nokia hält sich beim Ausblick entsprechend alle Optionen offen. So gehen die Finnen bei der bereinigten Marge von Devices & Services von einer enormen Bandbreite von minus 6 bis plus 2 Prozent aus. Auch NSN dürfte die gute Leistung aus dem vierten Quartal mit einem Ausblick von minus 1 bis plus 7 Prozent nicht wiederholen.

Mitarbeit: Manuel Priego-Thimmel und Steffen Gosenheimer

Kontakt zum Autor: matthias.goldschmidt@dowjones.com

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