• The Wall Street Journal

100.000 Euro in 87 Minuten - die Crowd macht's möglich

Sie wollen Tampon-Schachteln mit Werbung bedrucken und üppigen Kurven ein Zuhause bieten: Start-ups sprießen wie Pilze aus dem Boden. Doch weil Banken und Risikokapitalgeber nicht von jeder Idee begeistert sind, setzen viele junge Unternehmen auf die Weisheit der Masse - die Crowd. Ganz ohne Risiko ist das aber nicht.

    Von MARCUS PFEIL
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Der Fernsehsender Pro Sieben Sat1 hat sich jetzt einen Brutkasten zugelegt. Unter der einprägsamen Adresse www.p7s1accelerator.com können sich seit dieser Woche junge Unternehmen bewerben, die unter der Obhut der Sendergruppe ausgebrütet werden möchten. Man wolle damit einen Beitrag leisten, damit die deutsche Medienbranche auch künftig Innovationstreiber bleibe, begründet Pro Sieben seinen Seitensprung in die Wagniskapitalfinanzierung.

Ob der TV-Sender mit seinem Programm das Wachstum junger Firmen tatsächlich zu beschleunigen vermag, war auf die Schnelle nicht seriös zu recherchieren. Auffällig aber ist, dass es für Unternehmen inzwischen zum guten Ton gehört, sich einen Brutkasten zuzulegen. War es einst nur Verlagen vorbehalten, gelangweilt vom eigenen, toten Geschäftsmodell dem Reiz neuer, lebendiger Geschäftsideen zu verfallen, trifft diese Entwicklung längst auch auf andere gesättigte Industrien zu. Bevor Telekom-Chef René Obermann die Schwerfälligkeit seines Konzern zum Rücktritt trieb, hat er mit dem „hub:raum" im vergangenen Jahr noch einen Inkubator eröffnet, ebenso Wettbewerber Telefonica mit seinem Programm Wayra.

Das mag an der eignen Verkrustung liegen oder auch daran, dass einige Unternehmen nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Damit befinden sie sich in guter Gesellschaft mit vielen Privatanlegern. Aus Mangel an Alternativen treiben sich neuerdings immer mehr Sparer auf den Portalen der Crowdinvesting-Anbieter herum. Schließlich kann ja nicht jeder noch eine Immobilie kaufen. Und was ist schon dagegen einzuwenden, es Peter Thiel gleichzutun und als einer der Ersten ins Facebook von morgen zu investieren?

Die Idee ist aber auch verlockend: Gemeinsam mit Anderen investiere ich kleine Beträge in eine gute Idee, die Banken nicht gut finden. Organisiert wird alles über das Internet, geschickt vermarktet unter dem Begriff der Schwarmintelligenz. Diese verheißt mir, dass sich aus vielen Entscheidungen einzelner eine profitable Weisheit der Masse (Crowd) schon ans Licht oder besser noch, irgendwann an die Börse kommt.

Damit hat allein Marktführer Seedmatch in den vergangenen Monaten 29 Start-ups mit drei Millionen Euro finanziert, ein Drittel davon im letzten Quartal 2012. Kleinanleger haben durchschnittlich 647 Euro in eine Firma investiert, die Tampon-Schachteln mit Werbung bedruckt. Oder in einen Hersteller für Miederwaren, der damit wirbt, üppigen Kurven „ein Zuhause" zu bieten. Nur 87 Minuten dauerte es, bis die Crowd die benötigten 100.000 Euro für die Firma Easycard beisammen hatte, einen Anbieter für webbasierte Smartphone-Versicherungen. Und gar nur 52 Minuten für das Berliner Start-up Refined Investment, das Privatanlegern Zugang zu professionellen Handelssystemen an der Börse verspricht.

Weil offenbar immer mehr Kleinanleger bereit sind, zu Wagnis-Kapitalgebern zu werden, drängen immer neue Plattformen auf den Markt. Neben Seedmatch, Innovestment und Companisto auch Mashup Finance, Deutsche Mikroinvest, Welcome Investment oder Bergfürst. Sechs weitere Crowdinvesting-Portale sollen demnächst an den Start gehen, fünf davon allein in Berlin. Und auch die Pioniere aus den USA - Kickstarter und Indiegogo - sind dabei, nach Europa zu expandieren.

Was die Kleininvestoren für ihr Geld bekommen, durchschauen allerdings die wenigsten. Innovestment und Companisto vermitteln stille Beteiligungen mit Mitspracherecht, Innovestment am Start-up selbst über mindestens drei Jahre, Companisto an einer Beteiligungsgesellschaft über mindestens zehn Jahre mit der einleuchtenden Begründung: „Es ist besser, zehn Jahre an Gewinnen teilzuhaben als fünf Jahre." Die Deutsche Mikroinvest vermittelt Genussrechte ohne Mitsprache, Seedmatch neuerdings partiarische Darlehen, also Kredite mit gewinnabhängiger Verzinsung, Bergfürst bietet echte Anteile am Eigenkapital.

Komplizierter wird es nur beim Blick in die Verträge, etwa wenn es um die Bewertung des Start-ups zum Zeitpunkt der Kündigung des Kleinanlegers geht – ganz unabhängig von der Frage, ob das Unternehmen überhaupt liquide genug ist, um gleichzeitig mehrere Kleinanleger nach Ablauf der Mindesthaltedauer auszuzahlen, falls sich dann immer noch kein Käufer für die ganze Firma gefunden hat. Lediglich Wachstumsfinanzierer Bergfürst überlässt es den Anlegern, den richtigen Preis bestimmen, weil sie die Anteile untereinander handeln können.

Markttransparenz sieht anders aus

Weil Bergfürst mindestens zwei Millionen pro Start-up einsammeln will, braucht die Firma eine Erlaubnis der Bafin. Die anderen Portale begrenzen das Finanzierungsvolumen auf 100.000 Euro, sie umgehen so den lästigen und teuren Emissionsprospekt und die Prüfung der Bafin. Seedmatch hat auch deshalb auf die Vermittlung von partiarischen Nachrangdarlehen umgestellt, weil die Dresdner Firma so die Grenze ohne Prospektpflicht auf 250.000 Euro in der ersten Finanzierungsrunde und bei Anschlussfinanzierungen auf eine Million Euro anheben kann. Markttransparenz sieht anders aus.

Die nette Idee, das Geld des kleinen Mannes für Großes zu bündeln, bleibt eine Illusion. Dass Crowdinvesting eine ernst zu nehmende Finanzierungsform sein kann, daran wollen sich zumindest die etablierten Venture-Capital-Firmen nicht gewöhnen. Wenn eine Geschäftsidee wirklich gut sei, gibt es ganz bestimmt immer jemanden, dem das vor der Crowd auffällt. Warum sonst ist die Zahl der geglückten Anschlussfinanzierungen crowdfinanzierter Firmen überschaubar? Warum sonst zögern professionelle Risikoinvestoren, Start-ups in der hochriskanten ersten Phase zu finanzieren und überlassen das lieber den Förderbanken von Bund und Ländern oder halbstaatlichen Gründerfonds. Doch selbst falls den Profis eine brillante Idee durch die Lappen ginge, warum sollten Gründer freiwillig eine Herde von Kleinanlegern mitreden lassen?

"Eine schweißtreibende Angelegenheit"

Doch wohl nur, weil Ihnen Crowdinvesting im Gegensatz zu konventionellen Finanzierungen die Chance auf Aufmerksamkeit bietet. So würden sich die Gründer von Smarchive sicher wieder für eine erste Finanzierungsrunde über Crowdfunding entscheiden, auch wenn es „eine schweißtreibende Angelegenheit" gewesen sei, jeden der 144 stillen Seedmatch-Beteiligungsgeber um Zustimmung zu bitten, als es um die zweite Finanzierungsrunde mit einer VC-Firma ging.

Doch je größer und undurchsichtiger der Markt, desto schwieriger wird es auch, herauszustechen. Unternehmen, in die es sich tatsächlich lohnen würde zu investieren, werden Anleger deshalb auf den unzähligen Portalen kaum finden.

Über den Autor

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Marcus Pfeil ist freier Journalist in Berlin. Für das Wall Street Journal Deutschland beobachtet er die Entwicklung der Startup-Szene in der Hauptstadt und berichtet darüber alle zwei Wochen in der Kolumne "Gründerjahre".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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