• The Wall Street Journal

In Mali versagt die Strategie des Westens

    Von ADAM ENTOUS, JULIAN E. BARNES und DREW HINSHAW

Wenn es um militärische Einsätze geht, sind die westlichen Staaten derzeit zurückhaltend: Entweder ihnen fehlen die Mittel – oder der Wille. Das offenbart die Beteiligung Frankreich am Kampf gegen Islamisten in Mali.

Nachdem der Einsatz in dem westafrikanischen Land begonnen hatte, suchte Frankreich Hilfe bei seinen Verbündeten – und stellte fest, dass die USA und andere Nato-Staaten nicht bereit waren oder kaum Unterstützung anzubieten hatten. Kanada und Großbritannien schickten schnell drei Frachtflugzeuge los, zwei von ihnen fielen unterwegs aus. Das größte Problem spielte sich aber zwischen den USA und Frankreich ab. Für Paris gab es keine Klarheit, wie sehr sich Washington im Kampf gegen al-Qaida in Mali engagieren würde.

Fred Dufour/Agence France-Presse/Getty Images

Französische Soldaten beim Einsatz in Mali: Frankreich bekommt von seinen Verbündeten nicht die erhoffte Unterstützung.

Die Franzosen hätten erwartet, dass die USA ihnen gleich mit militärischer Unterstützung zur Seite springen, sagten Regierungsvertreter, die den Einsatz in Mali geplant haben. Vertreter des amerikanischen Verteidigungsministeriums hätten bei einer Reihe von Treffen entsprechende Andeutungen gemacht. Bei einem Gespräch im vergangenen Oktober in Paris wurde darüber diskutiert, wie man die Gewalt in Nord- und Westafrika in den Griff bekommen könnte. Dabei habe Michael Sheehan, der im Pentagon für besondere Militäreinsätze zuständig ist , seine Position deutlich gemacht: Haltet die Gruppe, die als Aqim bekannt ist – al-Qaida im Maghreb – und ihre Verbündeten davon ab, eine Basis für ihr Netzwerk zu errichten.

Der amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta habe am Rande eines Nato-Gipfel im vergangenen Herbst gesagt, dass das Pentagon alles Nötige tun werde, um bei einem Eingriff in Mali gegen die al-Qaida-Gruppe zu helfen, berichteten Nato-Vertreter bei den Treffen.

Hochrangige Vertreter des US-Verteidigungsministeriums streiten das ab. Es sei wohl zu Missverständnissen gekommen, sagen sie. Weder Panetta noch Sheehan habe Frankreich dazu aufgefordert, seine Truppen einzusetzen. Auch hätten sie keine Unterstützung versprochen.

US-Außenministerin Hillary Clinton sagte am Mittwoch bei einer Anhörung im Kongress: „Uns steht ein Kampf bevor, aber der ist notwendig. Wir können nicht zulassen, dass der nördliche Teil Malis zu einem sicheren Ort für al-Qaida wird." Was das konkret bedeutet, sagte sie aber nicht.

Das Weiße Haus wolle dazu beitragen, dass afrikanische Truppen die Leitung des Einsatzes schnell von den Franzosen übernehmen, sagt ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates. Darauf hätten Vertreter des amerikanischen Verteidigungsministeriums auch in Gesprächen mit den Franzosen gedrängt.

Ein hochrangiger US-Vertreter verteidigte die Linie der USA. Die Botschaft an Frankreich und andere europäische Verbündete sei klar: Washington wolle nicht die Rolle der Weltpolizei übernehmen, während in Europa die Militärausgaben heruntergeschraubt werden. Frankreich sollte nicht von der Reaktion der USA überrascht sein, schließlich handele es sich um eine unilaterale Aktion. „Wir wurden nicht zurate gezogen. Wir wurden nicht darüber informiert, dass sie intervenieren. Dies ist kein gemeinsamer Einsatz", sagte er.

Man habe mit den Amerikanern gesprochen, heißt es von französischer Seite. Als Frankreich um Tankflugzeuge bat, um seine Kampfflugzeuge in Mali betanken zu können, zögerte das Weiße Haus. Es sagte aber zu, mehrere Frachtflugzeuge für ein paar Wochen zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich sollte Frankreich die Kosten dafür übernehmen, diese Forderung zog das Weiße Haus aber zurück. Die amerikanische Regierung habe sich noch nicht entschieden, ob sie Tank- und Überwachungsflugzeige bereitstellen werde, sagen Regierungsvertreter.

Monatelang schmiedeten mehrere Länder Pläne zum Eingriff gegen Terroristen in Afrika. Als bei einem Angriff in Algerien vor wenigen Tagen 37 Geiseln getötet wurden, wuchsen die Sorgen. Aber die westlichen Militärmächte sind angeschlagen. Die USA sind kriegsmüde und zögern, einzugreifen. Andere Länder, vor allem im schuldengeplagten Europa, haben nicht die nötigen Mittel.

dapd

Französische Soldaten steigen an Bord einer Maschine der amerikanischen Air Force. Die USA haben zugesagt, 800 Soldaten nach Bamako zu bringen.

Das transatlantische Verhältnis ist angespannt. Die USA beschweren sich darüber, dass die europäischen Verbündeten zu wenig Geld fürs Militär ausgeben. Weil Munition, Drohnen und Panzer fehlten, suchten sie 2011 beim Einsatz in Libyen die Unterstützung der USA. Einige europäische Staaten werfen den USA derweil vor, dass ihre Einsätze in Afghanistan und Pakistan nur von eigenen Interessen geleitet seien.

Am 11. Januar begann Frankreich den Einsatz in Mali, innerhalb einer Woche waren 2.000 Soldaten in der ehemaligen französischen Kolonie angekommen. Ihr Ziel: zwei kleine Bauerndörfer zurückerobern, die al-Qaida und andere Gruppen Tage zuvor besetzt hatten. Nach zehn Tagen weitete Frankreich die Mission auf von Islamisten besetzte Wüstenstädte aus.

Logistische Probleme erschweren den Einsatz

Schnell offenbarten sich logistische Probleme. Frankreich bat um Fracht- und Tankflugzeuge sowie amerikanische Überwachungsmaschinen, um die Bewegungen der Rebellen zu verfolgen. Großbritannien reagierte schneller als die USA und bot zwei Transporter an. Eines fiel wegen technischer Probleme aus. So erging es den Franzosen auch mit einem Flugzeug, das Kanada beigesteuert hatte. Doch die beiden Länder fanden schnell Ersatz. Hilfe gab es auch aus Dänemark und Belgien.

Das Weiße Haus hält sich bisher mit Hilfe zurück. Bisher hat es nur die Luftwaffe dazu ermächtigt, 800 französische Soldaten in die malische Hauptstadt Bamako zu bringen. Frankreich und die USA tauschen seit Langem Informationen aus. Beide Seiten sagen, dass sie seit einigen Wochen noch enger zusammenarbeiten. Amerikanische Überwachungsflugzeuge fliegen seit Monaten über Mali, um Informationen zu sammeln.

Die Amerikaner sind sich aber nicht einig darüber, wie groß die Bedrohung durch al-Qaida im Mahgreb wirklich ist und wie die USA reagieren sollten. Der scheidende Verteidigungsminister Leon Panetta und andere Pentagon-Vertreter seien für einen Einsatz gegen die Anführer der Gruppe, heißt es aus dem Ministerium. Im Weißen Haus ist man vorsichtiger. Dort sieht man eine größere Bedrohung durch al-Qaida im Jemen.

Die Aussicht auf einen weiteren Krieg in Afrika würde zudem einem Schlüsselsatz aus der Antrittsrede von US-Präsident Barack Obama in dieser Woche widersprechen: Ein Jahrzehnt voller militärischer Konflikte gehe zu Ende, sagt er – und „dauerhafte Sicherheit und Frieden erfordern keinen ewigen Krieg."

Frankreich bleiben nicht viele Optionen

Obama hat die Drohnen-Einsätze gegen al-Qaida in Pakistan und im Jemen ausgeweitet. Aber viele seiner Berater sähen es lieber, wenn die USA nur al-Qaida-Führer ins Visier nehmen, die direkte Angriffe gegen die USA planen und keinen breit angelegten Einsatz starten wie die Franzosen, sagen Regierungsvertreter. Die Haltung könne sich allerdings ändern, wenn es zu weiteren Angriffen käme – so wie die Geiselnahme auf dem Erdgasfeld in Algerien, bei der drei Amerikaner starben.

Aqim könne keine direkten Angriffe gegen die USA starten, sagen amerikanische Verteidigungsvertreter. Aber das könne sich schnell ändern. „Sie sind eine direkte Bedrohung für Frankreich, Spanien, Westeuropa und Großbritannien. Es wird nicht lange dauern, bis sie für weitere Länder zur Bedrohung werden", sagt er. „Der Krieg geht weiter. Und wir müssen ihn gewinnen."

Wenn aus den USA nicht mehr Unterstützung kommt, bleiben Frankreich nicht viele Optionen. Von den europäischen Verbündeten und der Nato kann das Land nicht viel Hilfe erwarten, weil es überall an Geld fehlt. „Die Verbündeten werden ihr Bestes tun, aber sie werden ihre Unterstützung nur ungern ausweiten. Es ist nicht klar, wie lange der Einsatz dauern wird und wie umfangreich er wird", sagt Heather Conley vom Thinktank Zentrum für internationale und strategische Studien in Washington. Die Nato unterstütze den Einsatz wegen des „Afghanistan-Traumas" nur begrenzt, fügt sie hinzu. „Es gibt Widerstand dagegen, ohne eine klare Exit-Strategie in einen Krieg zu gehen."

Seitdem die Finanzkrise 2009 zuschlug, haben Regierungen in Europa ihre Militärausgaben jährlich um etwa zehn Prozent gesenkt. In Frankreich waren es mit sieben Prozent zwischen 2009 und 2011 laut dem Internationalen Friedensforschungsinstitut in Stockholm etwas weniger.

Der französischen Armee mangelt es an einigem

Doch die Ausstattung der französischen Armee ist nicht in allen Bereichen gut. Zwar hat das Land moderne Kampfflugzeuge. Aber die Tankflugzeuge sind alt, einige sind kaputt – deshalb bat das Land die USA um Hilfe. Außerdem fehlen Frankreich Transportflugzeuge, weshalb das Land bei Unternehmen in Russland und der Ukraine Maschinen leihen musst. Dass die Verbündeten bisher so wenig Unterstützung angeboten hätten, liege daran, dass der Einsatz so schnell in die Wege geleitet wurde, sagen französische Regierungsvertreter. Es brauche mehr Zeit, bis die Regierungen zustimmten.

Beim Nato-Einsatz 2011 in Libyen, bei dem Muammar al-Gaddafi aus dem Amt gedrängt wurde, verließ sich das Bündnis auf die Hilfe der USA. Sie betankten Flugzeuge und lieferten bewaffnete Drohnen. Unterstützung gab es auch von europäischen Staaten, darunter Frankreich. Aber der Einsatz in Libyen war im Vergleich zu dem in Mali ein einfaches Unterfangen. Das Kampfgebiet lag nur einen kurzen Flug von Stützpunkten in Italien, Deutschland und Spanien entfernt.

Es ist nicht leicht, Mali zu erreichen

Nach Mali zu kommen ist komplizierter. Das Land ist riesig, um von der Hauptstadt zum nächstgelegenen Hafen in der Elfenbeinküste zu kommen, benötigt man drei Tage. In das von al-Qaida beherrschte Timbuktu zu gelangen, ist schwierig. Die Stadt liegt in der Wüste – umschlossen von Sand und Felsen.

Die Franzosen denken sogar darüber nach, die Eisenbahnschienen zu erneuern, die sie 1924 gebaut haben. Es gibt auch einen schlammigen Fluss, auf dem die Franzosen schon vor 130 Jahren entlangfuhren, um Mali einzunehmen.

Nun bereiten sich afrikanische Truppen darauf vor, 5.000 Soldaten unter dem Mandat der Vereinten Nationen in das Land zu schicken, um die Franzosen zu unterstützen. Das verstärkt auch die logistischen Probleme. In der vergangenen Woche entsandte das winzige Togo 145 Soldaten. Es dauert zwei Tage, bis sie ankamen. Sie reisten mit der Maschine des Präsidenten, in der nur 45 Personen Platz haben – weshalb sie viermal eingesetzt werden musste.

Es fehlt auch an Nahrungsmitteln und Ausstattung. „Es lohnt sich nicht, Flugzeuge voll mit Soldaten hierher zu bringen, wenn sie kein Essen, kein Wasser und keine Moskitonetze haben", sagt ein französischer Soldat. Vergangene Woche seinen 400 Soldaten am Flughafen eingetroffen, aber es habe lediglich 100 Betten gegeben, berichtet ein anderer. Also sei eine Delegation mit Geld nach Bamako geschickt worden, um 300 Matratzen zu kaufen.

—Mitarbeit: Daniel Michaels, Alistair MacDonald, Cassell Bryan-Low

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