• The Wall Street Journal

Wie die Briten eine Million Ratten töten wollen

    Von CASSELL BRYAN-LOW

Die britische Regierung sendet ein Boot von mit tödlichen Waffen versehenen Spezialkräften auf eine kleine Insel vor der Küste Argentiniens. Aber keine Angst, es ist keine Wiederholung des Falklandkrieges, den beide Länder im Jahr 1982 so erbittert geführt haben. Dieses Mal geht es um einen ganz anderes, 200 Jahre altes Problem: Um eine Rattenplage auf den britischen Überseegebieten.

Experten sprechen von der weltgrößten Rattenjagd. Der Ort des Geschehens ist die frostige Insel Südgeorgien im Südatlantik, etwa 1.400 Kilometer östlich von der Spitze Südamerikas. Im 18. Jahrhundert brachten Schiffe die Ratten auf die Insel. Jetzt sind sie zur Plage geworden.

Tony Martin

Ein Helikopter trägt Rattengift über Südgeorgien.

Zwar leben keine Menschen auf der Insel. Aber die Ratten essen die Eier und Küken von vielen Vögeln auf der Insel. Auch von solchen, die es nur auf der Insel gibt. Manche von denen stehen durch die Nager kurz vor der Ausrottung – so wie der braun gesprenkelte Südgeorgien-Pieper, der einzige Singvogel in der Antarktis.

Anthony Martin wird von seinem Team gerne „Rattenfänger" genannt. Der 58-jährige Zoologe mit dem weißen Bart führt die Jagd auf die Tiere an. 200.000 Kilo vergiftetes Futter will seine Mannschaft per Helikopter auf der Insel verteilen. Das Rattengift Brodifacoum soll die Tiere innerhalb von Tagen ausrotten.

Der Professor mit der sanften Stimme will sich mit weniger nicht zufrieden geben. „Wenn wir 99,9 Prozent entfernen, haben wir versagt", sagt er. „Jedes einzelne Tier" wollen sie. Laut Schätzungen sind Millionen Ratten auf der 160 Kilometer langen Insel. Und wenn man sie unterschätzt, ist man in Schwierigkeiten, sagt Anthony Martin.

Die Briten wollen sie loswerden: Eine Ratte.

Anthony Martin sitzt vor seiner Abreise in seinem Haus am See nahe dem englischen Universitätsstädtchen Cambridge und philosophiert über seine Rolle als Rattentöter: „Man spielt Gott", sagt er. „Es ist ein unvermeidlicher Teil des Naturschutzes. Man muss töten." Aber die Alternative ist in seinen Augen noch unerträglicher: „Wenn man die Ratten in Ruhe lässt, verdammt man Millionen von Meeresvögeln, einen grausamen Tod zu sterben – die Ratten essen ihnen auf ewig die Gehirne heraus."

Die 25 Männer und Frauen in seiner Mannschaft müssen monatelang das raue, kalte Klima auf der Insel ertragen. Sie leben in Zelten, die sie verlassen, um aus den Helikoptern die vergiftete Nahrung abzuwerfen. „Dafür braucht man einen guten Piloten", sagt Martin. Die schwere Ladung und die starken Winde machen das Fliegen nicht einfacher. „Es ist nichts für Zartbesaitete."

Ein Risiko: Das Gift könnte manche der Vögel töten, die Martin schützen will. Die meisten ernähren sich auf See – die sind außer Gefahr. Aber die Enten und Möwen, die ihre Nahrung an Land suchen, könnte es treffen. Auch darum wollen die Tierschützer der Organisation WSPA von den Forschern wissen, ob auch andere Methoden – ohne Zuhilfenahme von Gift – ausprobiert wurden, und wie die geschätzte Wirkung auf die Vögel ist.

Ein Schiff vor Südgeorgien.

Martin verspricht, die genau zu beobachten. Es nicht nur darum „die Bösen loszuwerden, sondern auch aufzupassen, dass keiner von den Guten, den Vögeln die wir schützen wollen, länger als vorübergehend geschädigt wird." Er rechnet damit, dass viele Vögel mit der Zeit auf die Insel zurückkehren, wenn die Ratten weg sind. Dass vorher einige von ihnen umkommen, sei ein „akzeptabler Preis".

Nach Südgeorgien ist Martin zuerst Ende der 1990er Jahre gekommen, als er Wale erforschte. Im Jahr 2009 bot ihm die Naturschutzorganisation South Georgia Heritage Trust, die das Projekt koordiniert, den Posten des obersten Rattenbekämpfers an. Eine „Nanosekunde" überlegte er, bevor er den Job begeistert annahm, sagt er.

Am bekanntesten ist die Insel für ihre Königspinguine. Aber auch Albatrosse, Sturmvögel und Enten hausen dort. All die Vogelarten zu schützen, soll 7,5 Millionen Pfund, oder 8,9 Millionen Euro, kosten. Der South Georgia Heritage Trust hat bisher die Hälfte davon eingetrieben, vor allem von Stiftungen und wohlhabenden Einzelpersonen. Auch die britische Regierung hat sich beteiligt.

2011 ließen Martin und sein Team einen ersten Testballon steigen. Sie entfernten die Ratten von einem etwa 80 Quadratkilometer großen Landstrich auf der Insel – etwa ein Zehntel so groß wie ganz Südgeorgien. Für jede Ladung gelegter Köder gab es Champagner fürs Team. Jetzt ist der Rest der Insel dran, etwa 60 Prozent der Fläche will Martin in diesem Jahr von den Ratten befreien.

Zunächst hat sich Martin auf den Falkland-Inseln mit dem Großteil seines Teams getroffen – Piloten, Ingenieuren und Köchen. Bald wollen sie auf einer viertägigen Bootsfahrt nach Südgeorgien übersetzen. Die Köder will Martin ab März auslegen.

Herausforderungen gibt es schon vorher einige: Auf den Booten müssen drei Helikopter untergebracht werden, die früher dem Rettungsdienst gehörten. Dazu 800 Tonnen Treibstoff, 17 Container mit den Ködern, sieben Tonnen getrocknetes Dosenfutter, 8.000 Teebeutel. „Und einige Kisten Champagner", sagt Martin.

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