• The Wall Street Journal

Zeitung sorgt mit falschem Chávez-Bild für Wirbel

    Von RICHARD BOUDREAUX

MADRID – Die spanische Qualitätszeitung El País musste am Donnerstag ihre Druckerpressen außerplanmäßig stoppen und ihr Titelbild austauschen. Denn der Mann, der auf dem Foto in einem Krankenhausbett liegt und durch Schläuche atmet, war gar nicht der venezolanische Staatspräsident Hugo Chávez. Der Fehler hatte bereits einen Aufschrei der Regierung in Caracas ausgelöst. Die Zeitung, eine der wichtigsten Publikationen der spanischsprachigen Welt, entschuldigte sich für den Vorfall.

Andrea Comas/Reuters

Ein Mann in Madrid liest eine frühe Ausgabe von El País mit dem inzwischen zurückgezogenen Chávez-Bild auf dem Titel.

Chávez ist seit seiner Krebsoperation auf Kuba am 11. Dezember nicht mehr öffentlich aufgetreten. Seine lange Abwesenheit und sein ungewisser Gesundheitszustand sorgen für Unsicherheit in dem südamerikanischen Land. Die venezolanische Regierung witterte hinter dem Bild von El País gleich westliche Propaganda: „Das ist so geschmacklos wie falsch", schrieb Informationsminister Ernesto Villegas auf Twitter. Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner nannte das Bild auf Twitter einen „dreckigen Trick".

Das grobkörnige Foto, das einen auf dem Rücken liegenden Mann mit Atemschläuchen zeigt, stand etwa eine halbe Stunde auf der Webseite der Zeitung und erschien in frühen Druckausgaben. Aufgrund der Proteste im Netz tauschten die Redakteure das Bild danach aus. Ebenfalls entfernt wurde der Artikel mit dem Titel „Das Geheimnis um Chávez' Krankheit".

„El País entschuldigt sich bei den Lesern für den entstandenen Schaden", erklärte die Redaktion in einer Stellungnahme. Man untersuche, wie der Fehler zustande gekommen sei. Das Bild stammt von der wenig bekannten Agentur Gtres Online, die seit Jahren mit El País zusammenarbeitet.

Der venezolanische Informationsminister Villegas hatte schnell eine Erklärung bei der Hand. Er meint, das Bild stamme aus einem Youtube-Video von 2008, das einen nicht identifizierten 48-Jährigen zeigt, dem ein Gehirntumor operativ entfernt wird. Anfang der Woche hatte das Staatsfernsehen in Venezuela berichtet, das Video werde von Chávez-Gegnern unter falschen Angaben auf sozialen Netzwerken verbreitet.

Pedro J. Ramírez, Chefredakteur der konkurrierenden Tageszeitung El Mundo, berichtet, das Foto sei ihm vor einigen Tagen von Gtres für 30.000 Euro angeboten worden. Er habe jedoch abgelehnt, weil die Agentur keine Angaben zu Ort und Zeit der Aufnahme machen konnte. El País hatte auf einer Innenseite den Hinweis platziert, dass die Redaktion die näheren Umstände des Fotos nicht überprüfen konnte.

Im vergangenen Jahr musste El País aufgrund der Rezession in Spanien seine Redaktion um ein Drittel verkleinern. Trotzdem bleibt die Zeitung mit einer täglichen Auflage von 334.000 Exemplaren eine einflussreiche Macht in der spanischsprachigen Welt.

Internetnutzer äußerten schnell Zweifel an dem Bild. Auf der Webseite der Zeitung nannte ein Leser aus Argentinien das Foto einen „Trick" und erklärte, die Redakteure hätten keine moralische Autorität, um Chávez zu kritisieren. „Würde El País so ein Bild von einem europäischen Staatschef bringen?" fragte Informationsminister Villegas auf Twitter. „Boulevardjournalismus ist akzeptabel, wenn das Opfer ein verachteter Revolutionär aus Südamerika ist."

—Mitarbeit: David Román und Kejal Vyas

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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