• The Wall Street Journal

Microsofts Hoffnungsträger lahmt

    Von SHIRA OVIDE

Softwarekonzern Microsoft wollte mit einem neuen Betriebssystem sein PC-Geschäft für die Ära der Smartphones und Tabletcomputer wappnen. Aber die jüngsten Quartalsergebnisse des Technologieriesen deuten darauf hin, dass es mit der erhofften Anpassung eher schleppend vorangeht.

Am Donnerstag meldete Microsoft einen Nettogewinnrückgang um 3,7 Prozent auf 6,38 Milliarden US-Dollar oder 76 Cents je Aktie im Weihnachtsquartal, dem zweiten seines Geschäftsjahres. Im Vorjahr hatte das Unternehmen noch 6,62 Milliarden oder 78 Cents je Aktie erwirtschaftet. Der Umsatz stieg um 2,7 Prozent auf 21,5 Milliarden Dollar, nach 20,9 Milliarden Dollar im Vorjahr.

Reuters

Microsoft knüpft große Hoffnungen auf seine Windows-Betriebssysteme, die sowohl auf PCs, Tablets und auch Smartphones laufen.

Die Zahlen spiegeln vor allem eines wider: Windows 8, das im Oktober eingeführte neue Betriebssystem und der Hoffnungsträger des Konzerns, hat den Markt nicht wie geplant im Sturm erobert. Windows 8 ist eine stark erneuerte Fassung des Microsoft-Klassikers Windows. Es kann per Fingerzeig auf Touch-Screen-Geräten genutzt werden – ein Schachzug, mit dem Microsoft auf die wachsende Beliebtheit von Tabletcomputern und Smartphones reagiert.

Beim Siegeszug der Smartphones im Abseits

Der Konzern steht vor dem Dilemma, dass sein Betriebssystem zwar in den meisten der überall auf der Welt verkauften PCs steckt. Beim Siegeszug der Smartphones und Tablets, die ohne Windows auskommen, sieht sich Microsoft aber im Abseits. Mit Windows 8 will Microsoft nun gegen das Betriebssystem Android von Google und iOS von Apple antreten. Fortschritte hat er allerdings bislang kaum vorweisen.

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In seiner Windows-Software-Sparte steigerte Microsoft den Umsatz um 24 Prozent auf 5,88 Milliarden Dollar. Das Umsatzwachstum in dem Bereich schrumpft auf 11 Prozent, wenn man die Erlöse um die Einnahmen aus Frühverkäufen von Windows 8 bereinigt. Einige Analysten hatten mit mehr gerechnet. Auch gegenüber jenem Quartal des Jahres 2009, in dem Microsoft die Vorgängerversion Windows 7 einführte, fielen die Umsätze um satte 70 Prozent geringer aus.

„Es ist noch früh, und ein ehrgeiziges Unterfangen wie dieses erfordert Zeit", sagte Microsofts Finanzchef Peter Klein mit Blick auf Windows 8 in einem Analystentelefonat am Donnerstag.

Einmal mehr aber zeigt das jüngste Ergebnis, welches Microsofts Aktienkurs nach Börsenschluss um 1,45 Prozent auf 27,23 Dollar abrutschen ließ, dass die Computerindustrie mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen hat. Die gesamte PC-Branche schwächelt zurzeit und die Nachfrage nach klassischen PCs ist verhalten. Im Jahr 2012 verkaufte die Branche laut Marktforschungsfirma IDC insgesamt 3,2 Prozent weniger herkömmliche Computer.

Reuters

Microsoft-Chef Steve Ballmer mit dem neuen Surface-Tablet des Unternehmens. Absatzzahlen für das Gerät veröffentlichte Microsoft für das jüngste Quartal seltsamerweise nicht.

Dies hat auch der Microsoft-Chip-Partner Intel zu spüren bekommen. Bereits im vergangenen Jahr schrumpfte der Markt für Intel-basierte PCs, und auch im laufenden Jahr sehen Beobachter hier weitere Einbußen. Dem Rückgang bei PCs steht nun aber ein weiterhin dynamisches Wachstum bei den Tablets gegenüber. Nach Einschätzung von Beobachtern wird deren Marktanteil bis 2016 auf über 55 Prozent steigen.

Wohl nur halb so viele Tablets verkauft wie geplant

Auch Dell, einer der größten Computerhersteller weltweit, strauchelt und überlegt deshalb sogar, sich aus dem Aktienmarkt zurückzuziehen. Microsoft nahm jüngst an entsprechenden Verhandlungen teil. Im Gespräch war, dass Microsoft 2 Milliarden Dollar oder mehr beisteuern sollte, um eine wohl 22 Milliarden Dollar teure Privatisierung von Dell zu unterstützen. Finanzchef Klein wollte sich zu der Sache in einem Interview nicht äußern.

Für Surface, den neuen Tabletcomputer des Unternehmens, veröffentlichte Microsoft keine gesonderten Absatzzahlen. Ende Oktober war das Gerät auf den Markt gekommen, und einige Konzernpartner hatten sich darüber beschwert, dass Microsoft das Surface anfänglich nur online und in ein paar Dutzend eigenen Microsoft-Geschäften verkauft hatte. Analysten der Investmentbank UBS halbierten jüngst ihre Schätzung der im Dezemberquartal verkauften Surface-Tablets auf eine Million.

Nach Auskunft eines Insiders, der neulich erst mit gut unterrichteten Microsoft-Leuten gesprochen hat, geben diese inzwischen selbst zu, dass sich das Tablet wegen der anfänglich nur eingeschränkten Verfügbarkeit wohl schlechter verkauft hat.

Andererseits verkündete Microsoft, dass sein Quartalsergebnis von neuen Erfolgen beim Knüpfen langfristiger Verträge mit Unternehmenskunden profitiert habe. Denen verkauft Microsoft etwa Software für Videokonferenzen und dazugehörige Dienstleistungen. Die Einnahmen aus solchen mehrjährigen Kundenverträgen stiegen im Berichtsquartal um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch in der Serversparte stiegen die Umsätze um 9,5 Prozent.

„Unternehmen bekennen sich weiterhin langfristig zu unserer Plattform", sagte Klein und fügte hinzu, dass die PC-Verkäufe an Unternehmen nach wie vor besser ausfallen als jene an individuelle Endverbraucher.

Deutlich schlechter steht die Sparte für Geschäftskunden da, die vor allem vom Office-Programmpaket abhängt. Dort sank der Umsatz im Jahresvergleich um knapp 10 Prozent auf 5,69 Milliarden Dollar. Microsoft will bald eine neue Version seiner Office-Programme herausbringen, die dann erstmals im monatlichen Abo bezogen werden kann. Analysten fürchten aber, dass der stockende Verkauf von Windows-Computern auch die Office-Einnahmen beeinträchtigen wird. Diese ist Microsofts wichtigster Gewinnbringer.

—Mitarbeit: Nathalie Tadena

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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