• The Wall Street Journal

Trauriger Rekord auf Spaniens Arbeitsmarkt

    Von DAVID ROMÁN und ILAN BRAT
Reuters

Der arbeitslose Spanier Juan Bayes, 60, bettelt in der andalusischen Hauptstadt Sevilla um Kleingeld. 26 Prozent der Erwerbspersonen in Spanien hatten zum Jahresende keinen Job - ein neuer Spitzenwert.

MADRID—Die Arbeitslosigkeit in Spanien hat ein neues Rekordniveau erreicht. Wie das spanische Statistikamt am Donnerstag mitteilte, waren im Schlussquartal des vergangenen Jahres 26 Prozent der spanischen Erwerbspersonen arbeitslos. Die Rezession dürfte sich damit verschärft haben, obwohl die Schuldenkrise in dem Land nachlässt, weil wieder mehr Anleger spanische Staatsanleihen kaufen.

Die kritischen Arbeitsmarktzahlen zeigen, wie sehr die laufenden Sparprogramme Spaniens Wirtschaft belasten. Um ihr Haushaltsdefizit von 9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Jahr 2011 auf 4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu senken, hat die Regierung die Einkommens- und Umsatzsteuern erhöht, die Arbeitslosenhilfe gekürzt und dafür gesorgt, dass Renten weniger stark steigen. Die öffentlichen Verwaltungen entlassen Mitarbeiter, halten sich mit Einkäufen zurück und investieren nicht mehr.

Banken und Behörden entlassen Tausende

Die Zahl der Erwerbslosen dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen, weil angeschlagene Banken Filialen schließen und Tausende von Angestellten auf die Straße setzen, um die nötigen Voraussetzungen für Finanzhilfe von der Europäischen Union zu erfüllen.

Weitere schlechte Nachrichten verbreitete diese Woche die spanische Notenbank: Sie meldete, dass die Wirtschaft des Landes im vierten Quartal um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr geschrumpft ist. So schlecht war die Lage seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Und der Internationale Währungsfonds senkte gerade seinen Ausblick für die spanische Wirtschaft um 0,3 Prozentpnkte. Das Gremium sagt jetzt einen Abschwung von 1,5 Prozent voraus. Die spanische Regierung rechnet mit einem Minus von 0,5 Prozent.

Trotz der trüben Lage zeigen Investoren wieder frisches Interesse an spanischen Staatsschulden. In diesem Monat gelang es dem Land bereits, rund 15 Prozent seiner für 2013 geplanten Anleihenverkäufe zu realisieren. Die Rendite auf zehnjährige spanische Staatsanleihen liegt nunmehr bei rund 5 Prozent. Das ist laut Marktforscher Tradeweb so niedrig wie seit März vergangenen Jahres nicht mehr.

Spanische Banken, die 2012 weitgehend von der Schuldenaufnahme auf dem Kapitalmarkt ausgeschlossen waren, haben in den vergangenen Wochen neue Anleihen in Milliardenhöhe absetzen können.

Obwohl sie gerade erst sinkende Gewinne für das vergangene Jahr meldeten, gaben die Banco de Sabadell und die Bankinter am Donnerstag bekannt, dass sie in diesem Jahr die ersten Liquiditäts-Nothilfen der Europäischen Zentralbank zurückzahlen würden.

Nach Ansicht von Analysten übertünchen die schlechten Arbeitslosenzahlen die guten Nachrichten aus der spanischen Wirtschaft. So habe sich das Lohnwachstum abgeschwächt, während die Produktivität und die Ausfuhren in Spanien zugenommen haben. Das Land ist insgesamt wieder für ausländische Investoren attraktiver geworden. Und die Leistungsbilanz, die Summe aller Handelsbewegungen in und aus dem Land, liegt fast wieder im Gleichgewicht.

„All das ist den Anpassungen geschuldet, die während der Krise vorgenommen wurden", sagt Gayle Allard, Volkswirtin an der IE Business School in Madrid. „Das sind Gründe für weiteren Optimismus. Ich glaube, man kann mit gutem Gewissen Spanien zum Kauf empfehlen", sagt sie.

Fast täglich ziehen Protestler durch die Straßen

Auf Spaniens Straßen aber ist vom Optimismus der Investoren noch nichts zu spüren. Fast täglich demonstrieren Bürger gegen die Sparprogramme und Kündigungen der Regierung. Tausende drängten sich am Mittwochabend bei Temperaturen um den Gefrierpunkt durch die Calle Alcalá im Zentrum Madrids, um gegen den geplanten Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen bei der Bankengruppe Bankia und drei anderer verstaatlichter Banken zu protestieren.

Vor allem ausländische Arbeitskräfte, die der Immobilienboom Mitte der 90er-Jahre ins Land lockte, finden kaum noch Jobs. Heute, fünf Jahre nach dem Platzen der Blase, liegt die Arbeitslosenrate unter den Ausländern bei mehr als 36 Prozent. Mehr als 300.000 Ausländer sind seit 2008 aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden. Der Anteil der gebürtigen Spanier an der Erwerbsbevölkerung dagegen blieb so gut wie gleich.

„Gerade im letzten Jahr hat man gemerkt, wie sich alles verschlechtert hat", sagt Jorge Jiménez, ein 39-jähriger Ecuadorianer, der am Donnerstag vor dem Arbeitsamt in der Madrider Innenstadt stand. „Auf jede inserierte Stelle bewerben sich etwa 20 Kandidaten." Jiménez hat früher als Kellner gearbeitet, aber seit fünf Monaten ist er arbeitslos. 500 Euro Arbeitslosenhilfe bekommt er im Monat. Aber diese Unterstützung läuft in diesem Sommer aus.

Er hofft, dass seine Frau – ebenfalls eine Ecuadorianerin – ihren Job als Haushaltshilfe behält, damit die beiden und ihre drei Kinder aus Spanien wegziehen müssen. Aber genau wird immer wahrscheinlicher. Viele Leidensgenossen haben längst das Land verlassen und damit einen Exodus in Gang gesetzt, der Spaniens Arbeitslosenrate zumindest vor einem noch schlimmerem Anstieg bewahrt.

„Wenn sich die Dinge nicht bald zum Besseren wenden, werden wir nach Ecuador zurückgehen müssen", sagt Jiménez.

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