• The Wall Street Journal

In Tschechien steht ein Prinz zur Wahl

Bei der ersten Direktwahl könnte ein Adliger Staatspräsident in Prag werden

    Von LEOS ROUSEK

PRAG – Erstmals in der Geschichte Tschechiens bestimmen die Bürger ihren Staatspräsidenten direkt. Gute Chancen hat bei vielen einer, der für die alte Schule steht: Karel Fürst zu Schwarzenberg. Der amtierende Außenminister hat sich in der ersten Runde der Wahlen besser geschlagen als viele erwartet hatten und bekommt, obwohl selbst 75 Jahre alt, vor allem Unterstützung von jungen Tschechen.

Mit 23,4 Prozent der Stimmen landete er in der Vorrunde auf Platz zwei und muss nun gegen den früheren Premierminister Milos Zeman bestehen. Der 69-Jährige schaffte es mit 24,2 Prozent auf Platz eins.

Der auch äußerlich aristokratisch auftretende Schwarzenberg bringt bei den tschechischen Wählern eine Saite zum Klingen. Sie sehnen sich nach einer wieder optimistischeren politischen Ära, sie haben von der ungehobelten, verletzenden Sprache des Wahlkampfs ebenso genug wie von den dauernden Korruptionsvorwürfen, die gegen frühere Spitzenpolitiker laut werden.

Vor der Stichwahl am Freitag und Samstag lieferten sich die beiden Männer in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beide bemühen sich vornehmlich um jene Wähler, die sich noch nicht entschieden haben, nach Angaben von Meinungsforschern bisher noch jeder fünfte Erwachsene in Tschechien. Während Schwarzenberg vor allem bei den jungen, urbanen Wählern punktet, liegt Zeman in den ländlichen Gegenden vorn.

dapd

Zu einer Präsidentendirektwahl gehört auch eine Fernsehdebatte: Karl Schwarzenberg vor der Runde am 10. Januar.

Politisch streben beide Kandidaten eine tiefere europäische Verankerung ihres Landes an - anders als der scheidende Euroskeptiker im Präsidentenamt, Vaclav Klaus. Und beiden haben versprochen, in der Politik des Landes aufzuräumen. Für Schwarzenbergs Anhänger ist der „Herzog", wie er hier genannt wird, dabei ein echter Neuanfang. Zeman wird hingegen für seine Nähe zu Klaus kritisiert.

In den frühen 1990er Jahren diente Schwarzenberg als Kanzler und Berater für Vaclav Havel, den weithin verehrten Dissidenten und Schriftsteller, der nach dem Fall des Sozialismus der erste Präsident des Landes wurde. Von 1984 bis 1991 stand Schwarzenberg der Internationalen Helsinki-Föderation für Menschenrechte vor, die unter anderem Kritiker des repressiven Sowjetregimes verteidigte.

Reuters

Das Markenzeichen des Kandidaten Schwarzenberg: Eine Fliege. Kontrastprogramm ist ein Sticker, der den Adligen als Punker mit Irokesenschnitt zeigt.

„Für mich ist Schwarzenberg der einzige wählbare Kandidat, er ist moralisch glaubwürdig", gibt Jaroslav Gottwald, ein 39-jähriger Marketingmanager die Stimmung vieler seiner Landsleute wieder.

Noch entscheidender: Viele glauben, dass er ehrlicher ist als andere Politiker. Da er reich sei, müsse er aus einem Präsidentenamt keine finanziellen Vorteile ziehen. Kritiker von Karl zu Schwarzenberg sagen dagegen, er habe zu lange im Exil gelebt, als dass er wirklich die Seele des tschechischen Volkes verstehen kann.

Die adligen Wurzeln der Familie Schwarzenberg reichen bis in das 14. Jahrhundert zurück. Sie gehörte zur habsburgischen Elite in der Doppelmonarchie von Österreich-Ungarn, zu der bis zum Ende des Ersten Weltkrieges auch der überwiegende Teil des heutigen Tschechien als Königreich Böhmen gehörte.

Karel Schwarzenberg bewohnt mit seiner Familie die weitläufige oberste Etage eines Palastes aus dem 18. Jahrhundert in Prag. Seiner Familie gehört ferner ein mittelalterlicher Palast am Fuße der Moldau im Süden der Hauptstadt sowie weitere Vermögenswerte in ganz Europa, darunter auch der Palais Schwarzenberg am Schwarzenbergplatz in Wien.

Schwarzenberg, dessen voller Name in Tschechisch Karel Jan Nepomuk Josef Norbert Bedřich Antonín Vratislav Menas kníže ze Schwarzenbergu lautet, trägt außerdem den Titel des prinzlichen Landgrafen im Klettgau und den des Herzogs von Krummau.

Sein politischer Gegner Milos Zeman hat keinerlei adligen Familienhintergrund, sein Name steht auf tschechisch für Freisasse, einst ein bürgerlicher Landbesitzer ohne Abgabepflichten. Lokale Medien haben das Spiel mit den Namen aufgegriffen. Das Cover eines slowakischen Magazins aus dieser Woche fragt: „Ist ein Herzog besser als ein Freibauer? Wer wird tschechischer Präsident?"

Schwarzenbergs adlige Titel sind maximal noch symbolische Namenszusätze. 1918, als die Donaumonarchie unterging und die erste Tschechoslowakische Republik entstand, verlor die Familie wie alle Adligen ihre Titel. Karel zu Schwarzenberg spricht ein eloquentes, aber etwas antiquiertes Tschechisch, trägt bevorzugt Fliege zum Hemd und raucht Pfeife.

1948 floh seine Familie vor den Sowjets im Land. Der heutige Präsidentschaftskandidat kehrte erst 1989 nach dem Fall der Mauer zurück nach Prag und engagierte sich politisch. Nach seiner Tätigkeit für Vaclav Havel wurde er 2007 Außenminister. Seit Mitte 2010 ist er es erneut.

In seiner Wahlkampagne macht er sich über sein vornehmes Image lustig: Es gibt Anstecker und T-Shirts, da ist der 75-Jährige mit Photoshop verfremdet mit einem Irokesenschnitt als Punk zu sehen. Auch über sein Alter kann er Witze machen: Weil es Beobachtern schien, als döse er bisweilen in Parlamentsdebatten, hat er zu Protokoll gegeben: „Ich schlafe, wenn andere Unsinn daherplappern."

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