• The Wall Street Journal

US-Militär setzt Drogenflieger auf schwarze Liste

    Von MARIA ABI-HABIB
Associated Press

Soldaten der afghanischen Armee verbrennen im Dezember 61 Tonnen an beschlagnahmten Drogen.

KABUL – Die amerikanischen Streitkräfte haben die größte private Fluggesellschaft Afghanistans auf die schwarze Liste gesetzt. Das US-Militär wirft Kam Air vor, auf zivilen Flügen nach Tadschikistan „große Mengen" an Opium geschmuggelt haben. Über das zentralasiatische Land im Norden Afghanistans erreicht das Rauschgift den Rest der Welt.

Kam Air wurde in diesem Monat von General James Mattis, dem Kommandeur des US-Zentralkommandos, von der Vergabe amerikanischer Militäraufträge ausgeschlossen, berichten US-Armeeangehörige. „Die USA schließen mit niemandem Geschäfte ab, der illegale Aktivitäten finanziert und unterstützt", sagt US-Generalmajor Richard Longo, der Kommandeur der Antikorruptionseinheit Task Force 2010. „Kam Air ist als Unternehmen zu groß, um nicht zu wissen, was sich innerhalb ihrer Organisation abspielt."

Kam Air streitet die Anschuldigungen ab. Die Fluglinie ist das erste Großunternehmen Afghanistans, das vom US-Militär wegen Vorwürfen des Drogenschmuggels abgestraft wird. Wie umfangreich die Armee-Aufträge sind, die Kam verliert, ließ sich nicht genau feststellen. Die Vorgänge geben der wachsenden Besorgnis westlicher Regierungsbeobachter neue Nahrung. Der Drogenhandel in Afghanistan sei nicht nur wieder auf dem Vormarsch, sondern werde außerdem immer unverhohlener als Teil der afghanischen Wirtschaft betrieben, stellen sie fest.

Im vergangenen Monat sind Kam Air und die staatliche afghanische Fluggesellschaft Ariana Afghan Airlines in Fusionsverhandlungen eingetreten, hatten beide Firmen mitgeteilt. Dabei sei diskutiert worden, dass die nationale Vorzeige-Fluglinie Ariana die Schulden von Kam Air schlucken könnte, berichten mit den Unterredungen Vertraute.

Generalmajor Longo bestätigt, dass seine Antikorruptionseinheit gegen Kam Air ermittelt hat. Einzelheiten zu der Untersuchung unterlägen jedoch der Geheimhaltung. Die Entscheidung, Kam Air von US-Militäraufträgen auszuschließen, sei aufgrund von Beweisen ergangen, dass die Gesellschaft tief in den Drogenhandel verstrickt ist, sagen andere US-Regierungsvertreter.

90 Prozent aller illegalen Opiate kommen aus Afghanistan

„Ich weise diese Anschuldigungen energisch zurück", sagte Zamari Kamgar, der Gründer und Präsident der Fluggesellschaft, nachdem er von der Entscheidung der US-Armee unterrichtet worden war. Es sei unmöglich, Drogen per Flugzeug außer Landes zu bringen, da die Fluglinie den akribischen Sicherheitskontrollen an den afghanischen Flughäfen unterliege, betonte er. Bei den Vorwürfen handele es sich wahrscheinlich um eine Verschwörung, die seine Konkurrenten angezettelt hätten.

Oliver Lang/dapd

Eine Maschine von Kam Air steht am Flughafen von Kabul.

Er gehe davon aus, dass der Zusammenschluss von Kam Air mit Ariana zustande kommt. In diesem Fall werde sein Führungsteam die Leitung der fusionierten Gesellschaft übernehmen, führte Kamgar aus. Geplant seien Direktflüge in die USA und nach Europa.

Für den Betrieb der Staatslinie Ariana ist das afghanische Verkehrsministerium zuständig. Ein Ministeriumssprecher teilte mit, „keine Kenntnis davon zu haben, dass Kam Air Drogen schmuggelt." Auch über die Ermittlungen der amerikanischen Armee wisse er nichts.

Die Schritte der US-Armee machen einmal mehr deutlich, wie tief der Drogenhandel in Afghanistan verwurzelt ist. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen kommen mehr als 90 Prozent aller illegalen Opiate der Welt von dort. Und obwohl die USA und ihre Nato-Verbündeten sich in dem Land seit elf Jahren heftige Kämpfe mit den Taliban liefern, ist es der Koalition nicht gelungen, den Opiumhandel zu unterbinden, der die Aufständischen mitfinanziert.

Stabilität gefährdet

In den vergangenen Jahren hat sich der Opiumanbau selbst auf die Provinzen ausgedehnt, die zuvor als „frei von Mohn" gegolten hatten. Während Fäule und ungünstige Witterung in den vorherigen Jahren die afghanischen Opium- und Heroinausfuhren beeinträchtigt hatten, stieg der Mohnanbau im Jahr 2012 um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr, berichtete das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). „Die Exporterlöse aus afghanischen Opiaten dürften einen Wert von 2,4 Milliarden Dollar erreichen. Das entspricht 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts", schrieb das UNODC im vergangenen Jahr in einem Bericht.

Während sich die USA und ihre Verbündeten darauf vorbereiten, ihre Streitkräfte im Jahr 2014 aus Afghanistan abzuziehen, sind Vertreter der Bündnisländer besorgt, das Land könne sich in einen so genannten „Narko-Staat" verwandeln, in dem legale Geschäftsaktivitäten und staatliche Institutionen eng mit dem Drogenhandel verflochten sind. Einige Regierungsvertreter aus dem Westen befürchten sogar, dass der Opiumhandel und die damit einhergehende Korruption die Stabilität des Staats nach 2014 stärker in Gefahr bringen als die Taliban, die ebenfalls einen großen Teil ihrer Einnahmen aus dem Rauschgifthandel beziehen.

„Die Korruption, die Verbrechen und die Straffreiheit, die das Rauschgiftproblem für die Gesellschaft, die Regierungsführung und im Besonderen für die Familien und den Einzelnen mit sich bringt, wirken sich nicht nur verheerend auf Afghanistan, sondern auch gleichermaßen auf viele Länder in der nächsten Nachbarschaft aus", sagt Jean-Luc Lemahieu, der UNODC-Repräsentant in Afghanistan.

Nach UN-Schätzungen sterben in den USA und anderen Nato-Ländern jährlich 10.000 Menschen an den Folgen der Einnahme afghanischer Opiate, während in den direkten Kämpfen mit den Taliban im vergangenen Jahr etwa 400 Soldaten des Bündnisses umgekommen waren.

Die US-Ermittlungen gegen Kam Air sind nicht die ersten ihrer Art. Wie das Wall Street berichtet hatte, hatten die amerikanische Drogenbehörde DEA und Vertreter des Militärbündnisses im vergangenen Jahr in zwei getrennten Verfahren untersucht, ob die von den USA finanzierte afghanische Luftwaffe im Land mit Drogen und Waffen schmuggelte. Die Regierung in Kabul hatte die Vorwürfe abgestritten. Die Ermittlungen seien in die Sackgasse geraten, weil die afghanischen Behörden nicht kooperierten, berichten amerikanische Regierungsangehörige. Die Regierung des Landes hält dagegen, die afghanische Luftwaffe sei sauber. Außerdem würde die Regierung bei Untersuchungen ihrer Streitkräfte jederzeit mit den amerikanischen Drogenfahndern zusammenarbeiten, wenn man ihr genügend Beweise vorlege.

Kam Air schafft Opium en gros außer Landes"

Die Ermittlungen der Antikorruptionseinheit Task Force 2010 dürften wahrscheinlich im vergangenen Herbst ins Rollen gekommen sein, sagt Generalmajor Longo. Damals hatte Kam Air für einen Auftrag mitgeboten, den das internationale Militärbündnis in Kabul ausgeschrieben hatte. „Eine Organisation wie Kam Air exponiert sich, wenn sie sich um einen US-Auftrag bewirbt", erklärt Longo. „Dann werden sie genau geprüft."

Kam Air betreibt eine Flotte von etwa 16 Flugzeugen, die Modelle des Typs Boeing 767 und 747 und Antonow-Frachtmaschinen umfasst. Die Korruptionsfahnder sind überzeugt, dass Inlandspassagierflüge dazu genutzt wurden, um Opium quer durch das Land zu schmuggeln, berichtet ein US-Beamter in Kabul. Allerdings konzentrierten sich die Ermittlungen auf ganz Zentralasien, fügt er hinzu. „Kam Air schafft Opium en gros außer Landes."

Fracht befördert Kam Air an alle möglichen Bestimmungsorte. Doch die einzige planmäßige Passagierroute in Zentralasien führt die Fluggesellschaft von Kabul nach Duschanbe, in die Hauptstadt von Tadschikistan.

Tadschikistan gehört zu den ärmsten ehemaligen Sowjetrepubliken. Das Land leidet unter politischer Instabilität, seine Grenzen sind durchlässig. Drogenschmuggler genießen Schutz bis in höchste Regierungskreise. Und so fungiert Tadschikistan als Einlasspforte für Opium aus Afghanistan, das sich von dort aus über die ganze Welt ergießt, berichten westliche Strafverfolgungsbeamte.

Ein Sprecher des nationalen Sicherheitsausschusses von Tadschikistan lehnte eine Stellungnahme ab. Auch vom Außenministerium in Duschanbe war kein Kommentar zu erhalten.

Seine Fluggesellschaft habe für das Militärbündnis unter der Führung der USA in Afghanistan logistische Dienstleistungen erbracht, erklärt Kam-Air-Chef Kamgar. Er könne den Umfang des Geschäfts aber aus dem Stand heraus nicht beziffern. Auch Angehörige des US-Militärs waren nicht in der Lage, Einzelheiten zu Aufträgen zu nennen, die an Kam Air vergeben worden waren. Die US-Botschaft in Afghanistan hat derzeit keine Aufträge an die Fluglinie erteilt. Allerdings stand die Firma auf ihrer Liste autorisierter Frachtunternehmen, berichtet ein Botschaftsbeamter.

Nach der Anordnung von General Mattis ist es allen Abteilungen und Firmen des US-Verteidigungsministeriums untersagt, in Geschäftsbeziehungen mit der afghanischen Fluglinie zu treten. Zivile US-Behörden sind von dem Erlass allerdings nicht direkt betroffen. Die Bündnispartner Amerikas in Afghanistan sind in der Vergangenheit dem US-Beispiel meist gefolgt und haben ihrerseits Unternehmen gemieden, die unter Korruptionsverdacht geraten waren.

—Mitarbeit: Ziaulhaq Sultani

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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