• The Wall Street Journal

Dem Solarpionier droht der Untergang

    Von HENDRIK VARNHOLT

Frank Asbeck kämpft für die Energiewende. Trotzdem schwärmt er in Interviews schon mal von den 400 PS seines Maserati. Der Mann war einer der ersten Mitglieder der nordrhein-westfälischen Grünen. Trotzdem geht er gern auf Wildschweinjagd. Asbeck, der Gründer, Chef und größte Aktionär von Solarworld, hat sich jahrelang nur in eine Schublade stecken lassen: in die des Aufsteigers. Doch diese Charakterisierung ist inzwischen fraglich. Asbecks Solarkonzern droht das Aus.

dapd

Journalisten nannten ihn einen Sonnenkönig: Nun droht Frank Asbecks Solarunternehmen das Aus.

Es ging eilig bergauf in der Zeit, in der Journalisten Asbeck den Sonnenkönig nannten. Nach dem Börsengang im Jahr 1999 wuchs Asbecks Solarworld scheinbar ohne Grenzen. Das Unternehmen kaufte einen Solarhersteller in Schweden, übernahm die Sonnenenergiesparte von Bayer, baute dann eigene Fabrikhallen. Die Firma wuchs. Die Nachfrage stieg. Die Hoffnung explodierte.

Die Deutschen wollten damals Asbecks Solarmodule auf dem Dach und seine Aktien im Depot. Die Zeitungen umjubelten Asbeck, und sie beschrieben ihn bis ins Detail: als witzig, als wortgewandt, als bekennenden Legastheniker außerdem. Das mit der Solarenergie, das habe sich einfach so ergeben, ließ sich Asbeck zitieren. Er hatte einst Agrarwissenschaften studiert. Asbeck kokettierte und lieferte nebenbei Argumente: Sein Geschäftsmodell, gab Asbeck zu verstehen, habe eine Restlaufzeit von mehreren Milliarden Jahren. So lange schließlich werde die Sonne noch leuchten.

Der Aufstieg ist abzulesen am Kurschart der Solarworld-Aktie. Doch die Kurve zeigt auch: Die Euphorie hatte eine Laufzeit von kaum mehr als fünf Jahren. Solarworlds Konkurrenz aus China produzierte immer mehr. Sie produzierte auch immer billiger. Es sprachen deutsche Politiker zugleich immer lauter über Änderungen bei der Solarförderung. Das trieb mehrere deutsche Solarunternehmen in die Insolvenz, auch den einstigen Dax-Kandidaten Q-Cells .

Auch Solarworld verbuchte Verluste, operativ allein zwischen Januar und September des vergangenen Jahres rund 190 Millionen Euro. Erst vor zwei Wochen schickte das Bonner Unternehmen 350 Mitarbeiter in die Kurzarbeit. Weltweit beschäftigt Solarworld nach eigenen Angaben rund 3.000 Menschen.

Am Donnerstagabend schließ gab Asbecks Unternehmen zu: Es wird seine Schulden nicht wie vorgesehen zurückzahlen können.

Vom Sonnenkönig kann keine Rede mehr sein. Solarworld schreibt in einer Pflichtmitteilung, dass wohl "gravierende Einschnitte bei den Verbindlichkeiten der Gesellschaft" nötig seien. Das Unternehmen will mit den Gläubigern zweier Anleihen verhandeln. Sie haben Solarworld insgesamt 550 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Ende September hatte das Unternehmen Schulden von insgesamt 1,04 Milliarden Euro.

Wie genau die Einschnitte aussehen könnten, dazu sagt Solarworld nichts. Eine Interviewanfrage lehnte Asbeck ab.

Das Unternehmen will nun mit den Gläubigern verhandeln. Der LBBW-Analyst Erkan Aycicek hält einen sogenannten Debt-to-Equity-Swap für möglich: Anleihegläubiger verzichten in dem Fall auf einen Teil ihrer Forderung und erhalten zum Ausgleich Aktien. Das wiederum träfe auch die Aktionäre: Analyst Aycicek warnt vor der Verwässerung ihrer Anteile.

Der Kurs der Solarworld-Aktie gab am Donnerstag um fast ein Drittel nach. Das kostete Asbeck, der direkt und indirekt 27,84 Prozent an Solarworld hält, an einem einzigen Tag rechnerisch rund 15 Millionen Euro seines Vermögens. Er selbst aber gibt noch immer den Optimisten. Er spricht von einem Plan, den Solarworld "Schritt für Schritt" umsetze. Das Unternehmen werde seine Kosten reduzieren. Es unterstütze das "EU-Verfahren zur Wiederherstellung von fairen Wettbewerbsbedingungen auf dem Solarmarkt". Ein Sprecher verweist auf die Liquidität von Solarworld und zitiert Asbeck mit dem Satz: "Eine Insolvenz droht nicht."

Analyst Aycicek sagt dagegen, es dominierten Unsicherheiten. "Selbst die Gefahr einer Insolvenz ist im Blick zu behalten."

Asbeck hat einst stolz darauf hingewiesen, dass sein Unternehmen praktisch die ganze Wertschöpfungskette bis zum fertigen Solarmodul abdecke. Heute könnte das das Problem des Unternehmens sein: Als deutscher Hersteller profitabel auf dem Solarmarkt zu sein, das könne nur noch mit Konzentration gelingen, sagt Wolfgang Hummel, Chefanalyst beim Berliner Zentrum für Solarmarktforschung. Solarworld solle sich auf seine Kernkompetenz besinnen, rät er im Gespräch mit dem Wall Street Journal Deutschland. Ob das etwa die Herstellung einzelner Solarzellen oder der Zusammenbau der Module sei, müsse das Unternehmen für sich selbst herausfinden.

Premiumpreise jedenfalls ließen sich auf dem Solarmarkt nicht durchsetzen, sagt Hummel. "Solarmodule sind keine Autos." Die Kunden hätten zu ihnen keine emotionale Bindung. Zudem liefere die vermeintliche Billigkonkurrenz durchaus vernünftige Qualität. Solarmodule seien längst keine Ingenieurprodukte mehr. "Sie sind Handelsware."

Die Solarbranche hofft derzeit vor allem auf ein neues Geschäft in den USA, in China und in Japan. Dort entstehen große Solarparks. Doch Solarworld konzentriert sich weitgehend auf Privatkunden. Zwar ist das Unternehmen mit einer eigenen Produktion in den USA vertreten, bislang aber mit wenig Erfolg. "Solarworld ist seit Jahren in den USA verlustreich", sagte vor einigen Wochen schon Alexander Drews vom Analysehaus Montega im Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland.

Für die beiden Solarworld-Anleihen zahlten Käufer am Donnerstag nur noch rund ein Fünftel des Nennwerts: Die Hoffnungen auf eine Rückzahlung sind offenbar gering. Kommt es zum Schlimmsten, ist bei Solarworld etwa nach Ansicht von Equinet-Analyst Stefan Freudenreich nicht viel zu holen. Zwar verfüge Solarworld über Anlagevermögen, vor allem Produktionsanlagen, sagt er. Deren Wert allerdings liege "nahe bei null". Denn angesichts des Preisdrucks auf Solarmodule und der weltweiten Überkapazitäten in der Branche dürfte es hierfür kaum Interessenten geben.

Es sei schon erstaunlich, sagt Freudenreich, dass Anleger für die Solarworld-Aktie noch mehr als einen Euro bezahlten. Die Anteilseigner seien wohl vor allem "Überzeugungsaktionäre", vermutet er.

Auch Solarworld-Chef Asbeck scheint die Überzeugung noch nicht verloren zu haben.

—Mitarbeit: Hans Bielefeld und Benjamin Krieger

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com

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