• The Wall Street Journal

Familie Hess schlägt zurück

    Von ILKA KOPPLIN

Beim Lampenhersteller Hess aus Villingen-Schwenningen geht es hoch her. Am Montag schockierte der Börsenneuling seine Anleger mit einer Ad-hoc-Meldung: Es sei möglicherweise mit Kenntnis des Vorstands über längere Zeit zu Bilanzmanipulationen gekommen. Der Aufsichtsrat habe deshalb einstimmig beschlossen, Vorstandschef Christoph Hess und den Finanzchef umgehend von ihren Aufgaben zu entbinden. Das geschah: Noch am selben Tag wurde Till Becker, ein externer Manager mit langjähriger Konzernerfahrung, zum alleinigen Vorstand gemacht.

dapd

Christoph Hess, Vorstandschef des Lampenhersteller Hess, vor einem Turm in Doha. Dort installierte sein Unternehmen vor zwei Jahren die Lichttechnik.

Die Familie Hess, der rund 40 Prozent der Aktien gehören, will sich das nicht bieten lassen. Seit drei Generationen ist das Unternehmen in Familienhand, und das soll so bleiben, auch wenn durch den Börsengang im Oktober fremde Aktionäre ins Haus gekommen sind. Als größter Aktionär hat die Familie umgehend eine außerordentliche Hauptversammlung beantragt. Man wolle „den Vorstand neu besetzen" und auch „Teile des Aufsichtsrats" austauschen, sagte Uwe Wolff, Sprecher des gekündigten Chefs.

Doch der neue Vorstand lässt den alten warten. Auf das „Einberufungsverlangen", das Hess Junior der neuen Führung Anfang der Woche habe zukommen lassen, sei bisher keine Antwort eingetroffen, sagt sein Sprecher. Dabei war dem Schreiben eine Frist bis Freitagmittag gesetzt. Die sei damit nun verstrichen. Eigentlich wollte Hess die Versammlung bereits am Montag stattfinden lassen.

Doch daraus wird wohl nichts. Eine Sprecherin des Unternehmens bestätigte, dass das Schreiben vorliege, derzeit werde es aber noch vom neuen Vorstand Till Becker und den Anwälten geprüft. Zur Frage nach der Frist konnte sie nichts sagen. Auch Becker selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der Fall des Lampenherstellers hatte für Aufsehen gesorgt, auch weil Vater Jürgen Hess, selbst jahrzehntelang Vorstandschef, dem Rausschmiss seines eigenen Sohns als Mitglied des Aufsichtsrates zugestimmt hatte. Hess-Sprecher Wolff sagte, die Entscheidung sei einstimmig – also mit Billigung des Vaters - verlaufen, „aber unter seltsamen Umständen." Es habe wohl „Außeneinwirkungen" auf Hess Senior gegeben.

Erst im Oktober war der Mittelständler aus dem Schwarzwald an die Börse gegangen. Mit knapp 36 Millionen Euro Emissionsvolumen hätte Hess in normalen Börsenjahren kaum für Aufsehen auf dem Parkett gesorgt. Aber 2012 gab es kaum Börsengänge in Frankfurt. Kaum ein halbes Jahr später nun kommt der Verdacht auf, möglicherweise seien die Bilanzen 2011 und 2012 geschönt worden, also jene Zahlen, auf deren Basis die neuen Hess-Aktionäre ihre Entscheidung zur Zeichnung ihrer Aktien getroffen haben.

Christoph Hess, der davon angeblich gewusst haben soll, hatte die Firma übernommen, als sie 2007 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Bis dahin war das Unternehmen von seinem Vater in zweiter Generation geführt worden. Die Hess Gruppe mit ihren 360 Mitarbeitern hat sich auf Leuchten und Stadtmobiliar spezialisiert. Neben Außen- und Straßenlampen gehören auch Fahrradständer zum Programm.

Nachdem die Vorwürfe gegen den Junior öffentlich geworden waren, hatte sich der Senior Mitte der Woche bereit erklärt, „ins Unternehmen zurückkehren". So wolle er „Verantwortung für das Unternehmen übernehmen".

Der entlassene Junior meldete sich am Dienstag über seinen Sprecher zu Wort. Er sei vollkommen überrascht von den Vorwürfen, ließ Christoph Hess verlauten. Er habe davon auf einer Auslandsreise erfahren. „Ich muss jetzt erst einmal die Vorwürfe klären, werde dann aber die erforderlichen Schritte ergreifen, um mich dagegen zu wehren", hieß es in seiner Stellungnahme weiter.

Die Mannheimer Staatsanwaltschaft ermittelt

Der Aufsichtsrat nahm dazu nicht öffentlich Stellung. Dort sind neben Hess Senior noch Wolfgang Rombach, ehemaliger Banker, und Tim van Delden vertreten. Van Delden, der nach seinem Maschinenbaustudium jahrelang bei der Investmentbank Morgan Stanley tätig war, ist Vorsitzender des Aufsichtsgremiums. Er vertritt dort die Interessen des zweiten Hess-Großaktionärs, der Holland Private Equity (HPE). Der niederländische Investmentfonds aus Amsterdam hält rund 20 Prozent der Anteile. Auf eine E-Mail-Anfrage reagierte van Delden nicht.

Zwischen den Großaktionären, der Familie Hess und HPE, scheint etwas im Argen zu liegen. Auf die Frage, ob es sich bei den „Teilen des Aufsichtsrates", die auf der außerordentlichen Hauptversammlung neu besetzt werden sollen, um van Delden handele, antwortet Hess-Sprecher Wolff: „Das Vertrauen ist schon sehr erschüttert."

Die genauen Hintergründe bleiben erst einmal verborgen. Fest steht lediglich, dass Hess Junior und Finanzvorstand Peter Ziegler sich des Verdachts der Bilanzfälschung erwehren müssen. Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Mannheim hat ein Verfahren eingeleitet. Der Vorwurf: In den Geschäftsjahren 2011 und 2012 seien mit Wissen des Vorstands zu hohe Umsätze ausgewiesen worden.

Immerhin hat sich am Freitag der neue Chef Till Becker den Mitarbeitern vorgestellt, auch um die Situation zu beruhigen. Ob und wann es eine außerordentliche Hauptversammlung geben wird, ist noch offen.

Kontakt zum Autor: ilka.kopplin@dowjones.com

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