• The Wall Street Journal

Börsen-Chef Francioni blickt gen Osten

    Von MADELEINE NISSEN

Entmutigt von gescheiterten Fusionsversuchen in den USA und Europa sowie wachsendem Druck der Aufseher setzt der Chef der Deutschen Börse seine Hoffnungen nun auf Asien. Man wolle in Asien zunächst aus eigener Kraft wachsen und dies im Einzelfall durch Kooperationen ergänzen, sagte Reto Francioni auf der Bilanzpressekonferenz.

An Fusionen denke er derzeit nicht. Dafür sei der Markt noch zu fragmentiert. Chancen in Europa und Nordamerika sieht Francioni dagegen kaum. „Das Wachstum findet in Asien statt. Punkt. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen", sagte Francioni. Die Erschließung der Märkte in Asien habe daher oberste Priorität.

Interview mit Reto Francioni, Chef der Deutschen Börse.

Um die Chancen in Asien auszuloten und auszuschöpfen, habe die Deutsche Börse Geld in die Hand genommen und Mitarbeiter nach Asien entsandt. „Das ist Chefsache", sagte Francioni. Auch er selber werde vor Ort sein, um Gespräche über Kooperationen zu führen.

Zu den konkreten Plänen hielt er sich ebenso bedeckt wie zur Zahl der Mitarbeiter vor Ort. Die Deutsche Börse wolle aus Wettbewerbsgründen noch nicht zu viel verraten, werde aber zu gegebener Zeit Informationen nachliefern, versprach er.

„Asien war schon vor 20 Jahren spannend", sagte Francioni. Dennoch gebe es gute Gründe, gerade jetzt das Wachstum zu forcieren. Regulierer machten Bankkunden und Börsenbetreibern das Leben schwer. Banken hätten den Handel, vor allem mit riskanten Anlagen, heruntergefahren, um das Eigenkapital nicht zu belasten. An den Börsen ist folglich weniger los. Die Entwicklung hat der Deutschen Börse im vergangenen Jahr das Geschäft verhagelt.

Der Frankfurter Börsenbetreiber bekommt den Regulierungsdruck aber auch unmittelbar zu spüren, die Pläne in Berlin für eine nationale Regulierung des Hochfrequenzhandels und die geplante Finanztransaktionssteuer in elf europäischen Staaten tragen dazu bei. Wenn der ultraschnelle Handel fällt, dürften Hochfrequenzhändler den deutschen Börsenmarkt verlassen. Eine Steuer auf Finanzgeschäfte wäre aber noch weitaus gravierender. Sie soll nur Börsengeschäfte betreffen; hier ist also damit zu rechnen, dass Investoren ihre Handelsaktivitäten in nicht besteuerte Märkte verlagern.

Von der „Bürokratie" in der Europäischen Union zeigte sich Francioni enttäuscht - auch als Europäer, wie er hinzufügte. Die EU-Kommission hatte im vergangenen Jahr aus Sorge vor einer zu starken Position der Deutschen Börse den Fusionsbemühungen mit der NYSE Euronext einen Riegel vorgeschoben.

Erste Geschäftszahlen für das vergangene Jahr hatte die Deutsche Börse schon Anfang des Monats vorgelegt. Der Börsenbetreiber bekam die rückläufige Handelsaktivität der großen Marktteilnehmer bereits schmerzlich zu spüren, allen voran bei den Banken: Der Gewinn sank deshalb deutlich auf 645 Millionen von 855,2 Millionen Euro. Konsequenzen hat die Börse schon gezogen - und setzt nun den Rotstift an: Sie will noch stärker sparen und sowohl bei den Personal- als auch den Sachkosten jährlich 70 Millionen Euro weniger ausgeben.

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com

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