• The Wall Street Journal

Lufthansa könnte mit Turkish Airlines im Duett den Scheichs Paroli bieten

    Von KIRSTEN BIENK

Im Kampf gegen sinkende Gewinne hat die Lufthansa für ihr Europa-Geschäft im vergangenen Herbst eine Lösung gefunden, wenngleich sich erst noch zeigen muss, ob die Auslagerung vieler Flüge zur Billigtochter Germanwings der erhoffte Befreiungsschlag wird.

Doch auch auf der Langstrecke steht Europas zweitgrößte Fluggesellschaft massiv unter Druck. Hier sind es nicht Ryanair und Easyjet, die der Lufthansa das Leben schwer machen, sondern vorallem die Golf-Airlines. Sie profitieren von den niedrigen Kosten für die Nutzung ihrer Heimatflughäfen in den Emiraten und jagen der Lufthansa mit Niedrigpreisen Passagiere ab.

Die Antwort der Lufthansa auf dieses Problem könnte Turkish Airlines heißen. Deren Chef Temel Kotil bestätigte vor einigen Wochen, dass mit den Deutschen Gespräche geführt werden. Ziel ist eine Allianz. Was für Laien überraschend scheint, halten Branchenkenner für eine gute Idee, um gegen die Konkurrenz vom Golf zu bestehen.

dapd

Ein Airbus der Fluggesellschaft Lufthansa startet, während ein Flugzeug der Linie Emirates parkt.

Als Blaupause für eine solche Allianz empfehlen Experten die Joint Ventures, die die Lufthansa für Flüge über den Nordatlantik und nach Japan unterhält. Als Ziele kämen die Wachstumsregionen in Asien in Frage, aber auch Verbindungen nach Afrika oder in den Nahen Osten.

„Atlantic++" heißt das Abkommen, bei dem die Lufthansa mit Air Canada und United Airlines kooperiert, „Japan+" heißt die Vereinbarung, die mit All Nippon Airways besteht. In beiden Fällen wirtschaften die Partner in einen gemeinsamen Topf: Sie stimmen dazu Flugpläne, Einsatz ihrer Maschinen, die Preise und auch den Verkauf von Tickets eng aufeinander ab. Die Einnahmen werden anschließend geteilt. Dabei ist nicht entscheidend, welche Fluggesellschaft welche Strecke fliegt. Mit der Bündelung der Ressourcen wollen die Partner verhindern, dass potenzielle Kunden auf die Maschinen der Wettbewerber umsteigen.

Die Lufthansa nimmt nun auch ihre Aktionäre in die Pflicht und streicht die Dividende. Da auch das operative Geschäft 2012 flau gelaufen ist, kommt die Aktie am Mittwoch kräftig unter die Räder.

Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler hält es für sinnvoll, wenn Lufthansa und Turkish Airlines ein ähnliches Abkommen schließen. Beide könnten so viel Geld sparen. Ohne das Angebot auszudünnen, könnten es sich beide Airlines bei einer Kooperation sparen, ihre Ziele doppelt und teilweise mit halbleeren Maschinen anzufliegen.

Die Lufthansa-Führung beklagt seit Jahren die wachsende Konkurrenz aus den Golfstaaten. Der Luftfahrtkonzern mit dem Kranich kann dem Preiswettbewerb mit Emirates, Etihad und Qatar nur wenig entgegensetzen. Die Staatsairlines der reichen Scheiche haben wesentlich geringere Personal- und Infrastrukturkosten zu verdienen. Immer wieder stehen sie im Verdacht, Subventionen zu erhalten, doch nachgewiesen ist das nicht.

Ein Blick auf die Preise zeigt das Dilemma überdeutlich. Wer beispielsweise im Internet für den 1. März einen Flug von Frankfurt in die indische Finanzmetropole Mumbai buchen möchte, bekommt die günstigsten Konditionen am Golf. Qatar verlangt 481 Euro, Etihad 493 und Emirates 588. Bei der Lufthansa ist mit 1.168 Euro fast der doppelte Preis fällig – die Airline kommt dafür aber meistens schneller ans Ziel. Alle Airlines fliegen nicht direkt in die Hafenstadt, sondern legen einen Zwischenstopp ein.

Die Anbieter aus den Emiraten können trotz ihrer günstigen Preise mit der Qualität von Lufthansa mithalten. Sie bedienen ihr Streckennetz mit hochmodernen und sehr gut ausgestatteten Maschinen. Auch deshalb nehmen sie dem deutschen Marktführer reihenweise Kunden ab.

Im vergangenen Jahr büßte Lufthansa Passage bei Flügen in den asiatisch-pazifischen Raum knapp zwei Prozent Fluggäste ein. Im Januar 2013 flogen nur noch 337.000 Passagiere mit Lufthansa nach Fernost, knapp 10 Prozent weniger als im gleichen Monat des Vorjahres. Während die Lufthansa ihr Angebot im Laufe des Jahres 2012 wegen schwacher Nachfrage ausdünnte, haben die Golf-Airlines ihre Expansionspläne fortgesetzt, neue Flugzeuge erworben und ihr Streckennetz erweitert.

Um nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten, muss die Lufthansa nach Einschätzung von Experten schnell handeln. Und hier kommt die halbstaatliche Fluggesellschaft der Türkei ins Spiel. Eine „enge Kooperation" empfiehlt deshalb auch Analyst Ingo Schmidt von der Hamburger Sparkasse. So könne die Lufthansa „den Fluggesellschaften aus den Emiraten Paroli bieten", sagte er.

Istanbuler Flughafen könnte zum Hub werden

Nötig ist aus seiner Sicht, dass das deutsch-türkische Duo den Flughafen in Istanbul zum gemeinsamen Drehkreuz ausbaut und von dort aus seine Flüge nach Asien und Afrika sehr gut aufeinander abstimmt. Mit einem dichten Streckennetz und wettbewerbsfähigen Preisen könne es gelingen, den arabischen Gesellschaften Passagiere wieder abspenstig zu machen.

Die Voraussetzungen dafür sind gut. Turkish Airlines hat deutlich geringere Personalkosten als die Lufthansa und fliegt deswegen günstiger als der Kranich. Außerdem brächten die Türken einen wesentlichen Vorteil gegenüber den Konkurrenten aus der Golf-Region in die Partnerschaft ein: Ihr Heimatflughafen Istanbul liegt mitten in Europa, die meisten Ziele auf dem Heimatkontinent der Lufthansa sind davon nur drei bis vier Flugstunden entfernt. Turkish Airlines kann deshalb meist kleinere Maschinen einsetzen als die Golf-Airlines - ein Kostenvorteil.

Aus Sicht von Analyst Pieper liefe eine Partnerschaft mit der Lufthansa vor allem auf eine kostengünstige Arbeitsteilung hinaus. Während sich die Deutschen vor allem auf Direktflüge in die großen Metropolen der asiatischen Wachstumsregionen konzentrieren würden, könnten Turkish Airlines die abseits gelegenen Ziele in Asien, Afrika und dem Nahen Osten übernehmen. Für die Kunden würde das Angebot deutlich größer und wäre besser verzahnt, sagte Pieper. Von den Partnern erleide keiner einen Nachteil.

Nahrung haben diese Überlegungen vor allem durch klare Aussagen aus der Türkei erhalten. Nur zu gerne hat Turkish-Chef Kotil die Gespräche mit der deutschen Airline bestätigt. Bis Ende März, so verriet er Anfang Dezember am Rande eines Star-Alliance-Treffens im chinesischen Shenzhen, sei mit einer Entscheidung zu rechnen. Selbst der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan befürwortet eine engeren Verbindung.

Lufthansa hält sich zurück

Bei der Lufthansa hält man sich vornehm zurück und will sich zu den Gesprächen mit der türkischen Seite nicht äußern. Vorstandschef Christoph Franz scheint aber nicht abgeneigt. Er lobte in einem Interview die gute Kooperation beim Ferienflieger SunExpress und sagte, er könne sich mit Turkish Airlines auch „andere Formen und Gebiete" der Zusammenarbeit vorstellen.

Die Lufthansa würde mit einer engen Kooperation mit Turkish Airlines gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens würden ihre Kunden von vielen neuen Verbindungen profitieren: Turkish fliegt mehr als 200 Ziele an und will weiter wachsen.

Zweitens macht sie mit einem Hub in Istanbul gegenüber den Golf-Airlines Boden gut, Passagiere könnten sich den Umweg zu weit entfernten Drehkreuzen in Dubai, Abu Dhabi oder Doha sparen und kommen schneller ans Ziel.

Drittens würde die Lufthansa Turkish Airlines als Konkurrenten ausschalten. Bei dem aktuellen Expansionstempo, dass die Türken anschlagen, würde sie Lufthansa über kurz oder lang auf einigen Strecken gefährlich werden. Aktuell verbindet Turkish Airlines zehn deutsche Städte wöchentlich mehr als 200 Mal mit Istanbul und bietet von dort aus Ziele in Asien, dem Nahen Osten, Afrika und auch Amerika an.

Turkish Airlines ist ein wichtiger Player

Fakten, die auch die Unternehmensberatung Roland Berger überzeugen. „Die Lufthansa wäre gut beraten, mit Turkish Airlines zu kooperieren anstatt gegen sie zu arbeiten", sagte deren Partner Matthias Hanke. Noch sei die türkische Airline zwar viel kleiner als die deutsche. Doch mausere sie sich zunehmend zu einem wichtigen Player im internationalen Wettbewerb der Luftfahrtgesellschaften.

Hanke verweist auf das wachsende Streckennetz und die guten Kundenbewertungen. Die Agentur Skytrax habe die Fluggesellschaft vom Bosporus auf bereits zweimal in Folge zur beliebtesten Airline Europas ausgezeichnet. Basis dafür sind subjektive Bewertungen von Passagieren.

Außerdem verspricht der türkische Markt große Wachstumsraten. Die Türken sind ein sehr reisefreudiges Volk, leben in vielen Teilen der Welt und besuchen einander häufig. Dabei fliegen sie am liebsten mit „ihrer" Airline.

Auch andere Airlines dürften sich für das Wachstum von Turkish Airlines interessieren, glaubt Heinrich Großbongardt. Der Chef der Unternehmensberatung Expairtise sieht die Lufthansa gar im Zugzwang: „Air France-KLM und International Airlines Group würden sich um eine Kooperation reißen", sagte er. Wenn die Lufthansa auf eine Kooperation verzichte und andere europäische Airlines zum Zug kämen, wäre das für die Deutschen „fatal". Dann verstärke sich nämlich zusätzlich der Wettbewerb mit den Franzosen oder den Briten.

Für die Lufthansa ist der türkische Markt aber ohnehin interessant. Das Land ist im Aufbruch. Die Wirtschaft wächst jährlich um rund 10 Prozent und mit ihr der geschäftliche Reiseverkehr. Ankara unterstützt diese Entwicklung und baut die Infrastruktur aus. So soll in Istanbul ein neuer Flughafen entstehen. „Die Luftfahrt und der Anschluss an die globalen Märkte stehen in der Türkei anders als in Deutschland auf der politischen Agenda", sagte Unternehmensberater Nuri Sensert. In Deutschland ist die Expansion des Luftverkehrs deutlich schwieriger: Nachtflugbeschränkungen, hohe Steuern und lange Genehmigungsverfahren bei Neubauten behindern aus Sicht der Branche die Entwicklung des Luftverkehrs.

Kontakt zum Autor: kirsten.bienk@dowjones.com

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