• The Wall Street Journal

In Großbritannien bricht die Pferdefleisch-Panik aus

    Von KATHY GORDON

Der Pferdefleisch-Skandal hat hohe Wellen geschlagen. In keinem Land herrscht momentan so viel Aktionismus wie in Großbritannien. Erzeuger, Verarbeiter und Verkäufer mussten sich öffentlich entschuldigen, Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft zu haben. Und versprechen, dass sie ihre Produkte rigoroser per DNS-Analyse untersuchen – auf dass ein derartiges Desaster nie wieder passiert.

Die EU-Mitgliedsstaaten fordern flächendeckende Gentests. Statt am 1. März sollen nun schon ab sofort 2.250 Stichproben von mutmaßlichen Rindfleischgerichten genommen werden, um herauszufinden, ob in der Lasagne oder dem Hamburger nicht doch Pferdefleisch steckt. Einzelhändler wie Aldi aus Deutschland, Tesco aus Großbritannien und Wal-Mart aus den USA haben schon versprochen, dem nachzukommen – genauso Verarbeiter wie Findus und ABP Foods.

Es stimmt: Mangelhafte Proben sind ein Grund für den Skandal. Dass ein neues Desaster dieses Ausmaßes durch sie verhindert wird, ist allerdings unwahrscheinlich. Denn sie sind weder einfach noch kosteneffizient.

Agence France-Presse/Getty Images

Die EU-Staaten schreien nach Tests, die die Reinheit von Rindfleisch beweisen sollen - hier eine Probe in Berlin.

Doch das spielt in der erhitzten Debatte keine Rolle. Am Montag hat der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé erklärt, er werde manche seiner Pasta-Gerichte mit Fleisch vom Markt nehmen, nachdem Spuren von Pferde-DNS in den Produkten gefunden wurden.

Der britische Lebensmittelaufsicht FSA hat 28 Regionalregierungen damit beauftragt, verarbeitete Fleischprodukte ausführlichen Gentests zu unterziehen – zusätzlich zu Proben, die die Industrie selbst machen soll. Doch sie reagiert damit nur auf die Hysteriewelle.

In Großbritannien etwa nehmen die Gentests bei Nahrungsmitteln seit Jahren ab. Zwischen den Jahren 2009/2010 und 2011/2012 ist die Zahl der Proben um 45 Prozent auf knapp 6.500 gefallen. In einem Landkreis wurde 2011/2012 sogar nur ein Test durchgeführt.

Die Daten sind vage – sie zeigen weder an, was für eine Art von Probe genommen wurde, noch gaben sie die Art des Nahrungsmittels an. Sie könnten also von einer Packung Nüsse, von rohem Fleisch oder einem Fertiggericht genommen worden sein. Auch die Zwecke der Proben sind unterschiedlich: Manche sollen die Echtheit des Essens überprüfen, manche die Nährwerte, manche sollen Gifte und Zusatzstoffe aufspüren.

Doch Wissenschaftler halten nicht viel von den Proben: „Wir warnen die Nahrungsmittelbehörde seit Jahren, dass das System unangemessen ist", sagt Liz Moran. Sie ist Präsidentin bei dem Ausschuss von Wissenschaftlern, der von den Regionalregierungen damit beauftragt ist, die Nahrungsmittelprüfer auf ihre Eignung und ihr Wissen zu testen. „Wir haben die Regierung jahrelang versucht zu überzeugen, mehr Geld in das Testen von Nahrungsmitteln zu stecken – stattdessen wurden die Ausgaben gekürzt", sagt sie. Vor den ersten Funden von falsch deklariertem Fleisch im Januar wurden keine Testlabore dazu aufgefordert, danach zu suchen, sagt Moran weiter. Jetzt werden sie mit Anfragen überschwemmt.

Genon Laboratoratories etwa ist auf Fleischtests spezialisiert. Das Unternehmen gibt an, eine ungewöhnlich hohe Zahl an Proben bekommen zu haben. Zwar habe das Labor die Kapazitäten erhöht, um die Nachfrage zu befriedigen. Dennoch brauche es länger als gewöhnlich, um die Proben zu untersuchen.

Genon erwartet, dass die Nachfrage für Tests auch hoch bleibt, wenn der Skandal wieder in den Hintergrund gerückt ist. „Wir investieren weiter in qualifizierte Mitarbeiter und in Ausrüstung, um den Bedarf zu befriedigen, der zunächst hoch bleiben dürfte", sagt Angela Bromley, Managerin bei der Firma. Dann solle die Bearbeitungszeit wieder auf die üblichen drei Tage sinken – zurzeit braucht Genon sieben bis zehn.

Die Überprüfungen können das Risiko verringern – aber sie sind kein Allheilmittel. Die Labore können nur nach bestimmten Verunreinigungen suchen – und nicht etwa prüfen, ob im Lebensmittel etwa „etwas anderes als Rindfleisch" ist. „Nach dem Unbekannten zu suchen ist nicht möglich", sagt Bromley. Wenn die unerwünschte Zutat also nicht auf der roten Liste des Labors steht, kann sie auch nicht gefunden werden.

Kosten sind zu hoch

Nach mehr fragwürdigen Inhaltsstoffen zu suchen, ist momentan zu teuer. „Wir müssen unsere Ressourcen konzentrieren", sagt eine Sprecherin der Lebensmittelaufsicht, „und zurzeit liegt das Problem bei Pferdefleisch, das als Schweinefleisch verkauft wird."

Und selbst wenn das Labor nach spezifischen Stoffen suchen würde, wäre es schwierig, sie früh genug festzustellen. „Wir können eine Probe nehmen, aber wir können nicht alles kontrollieren", sagt Moran. Bei 1.000-Kilo-Blöcken von gefrorenen Fleischprodukten sei es besonders problematisch, so Moran: Testet man den ganzen Block, ist der Aufwand groß. Nimmt man nur eine Probe, ist die Aussagekraft geringer.

Am Ende hängt alles an den Kosten. Wenn die Produzenten durch die verlangten neuen Regeln alle Zutaten testen, die sie benutzen, werden die Produktionskosten steigen. Das dürfte dann an die Konsumenten weitergegeben werden, oder an die Bauern, oder die Margen leiden. Jeder Test koste rund 400 Euro, sagt Tonio Borg, EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz.

Die Einzelhändler haben Kontrollprozesse aufgebaut. In der Regel müssen ihre Zulieferer sich selbst testen. Die Supermarktkette Tesco etwa sagt, dass ihr System schon vor dem Skandal gut war. Es hätte eine „kleine Möglichkeit" gegeben, dass etwas schiefgeht – und das sei passiert, sagt Technik-Chef Tim Smith.

Jetzt versprechen die Händler und Verarbeiter, in Zukunft ähnliche Debakel zu verhindern. Doch Smith ist pessimistisch: „Ich glaube, die Einzelhändler werden drei Monate lang in Panik ausbrechen, und dann wieder in die alte Routine zurückfallen. Das hat sich bewährt – denn Nahrungsmittelkrisen treten selten auf", so Smith.

Samarthia Thankappan, Mitarbeiterin an der Fakultät für Umwelt an der University of York, gesteht zwar ein, dass dank Krankheiten wie Schweinegrippe, Vogelgrippe und BSE die Versorgungsketten für Nahrungsmittel weit besser überprüft werden als vorher. Aber sie meint auch, dass die Strenge der Untersuchungen oft zurückgeht, wenn Zeit verstrichen ist. Dann kommt irgendwann die neue Krise, und die Labore brummen wieder.

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