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Die Rückkehr der Jetsetter

„Das Besondere am Fliegen - das gibt es längst nicht mehr", sagt Panos Meyer. Der 39-jährige Unternehmer sitzt in seiner Wohnung in Hamburg und erholt sich von seinem letzten Flug. „Es geht heute nur noch um den Preis. Das Schöne, der Jetset – alles ist weg."

Jetset. Das steht für ein Lebensgefühl. Für eine andere Zeit und für eine Gesellschaftsschicht, in der Geld keine Rolle spielte. Mit dem Flugzeug heute hier, morgen dort. Immer auf der Suche nach noch schöneren, noch ausgefalleneren, noch exotischeren Plätzen überall auf der Welt.

Dieses Gefühl, das wollen Meyer und seine Mitstreiter jetzt wieder aufleben lassen. „Das war die Ausgangslage", erzählt der 39-Jährige. „Die Frage, die sich uns stellte, war: Wie lässt sich das in die heutige Zeit übertragen." Die Antwort war simpel: Mit einer App. Weil der Jetset von heute nicht mehr viel mit Reichtum, Ruhm und Luxus zu tun hat, wurden andere Schwerpunkte gesetzt. Es gehe heute vielmehr ums Soziale – um die Mobilität, sagt Meyer. „Darum haben wir den Jetset 2.0 erfunden."

Mitte 2012 fing alles an. Panos Meyer lag nachts wach in seinem Bett. Er surfte ein wenig im Internet herum und graste die Twitter-Landschaft ab. So läuft das heute, wenn man nicht einschlafen kann. Meyer stieß auf ein Video über eine Vielflieger-App. Weil er für sein Leben gern reist, gefiel dem 39-Jährgen das Programm sofort. Noch in der gleichen Nacht versuchte er zu recherchieren, wo man die App herunterladen kann.

Was folgte, war Ernüchterung. Denn ein fertiges Programm gab es gar nicht. Studenten in Dänemark hatten nur ein Konzept entwickelt. Meyer: „Ich habe trotzdem vorgeschlagen, dass wir uns treffen sollten." Einen Tag später saß der 39-Jährige im Flugzeug nach Kopenhagen. Es dauerte nur ein paar Stunden, dann stand die Entscheidung fest: „Wir waren uns sympathisch, wir wollten das Projekt umsetzen", erinnert er sich. Meyer hatte damals gerade einen Anteil an seinem Unternehmen verkauft und verfügte über ausreichend Kapital. Wenig später war Seat4a geboren.

Flying heißt die App, die von Meyer und seinen fünf Kollegen in den vergangenen neun Monaten entwickelt wurde. Sie besteht aus drei Teilen. Es gibt den Boardingpass, eine virtuelle Bordkarte, die jedoch auf keine bestimmte Fluglinie festgelegt ist. Bei jeder Airline, die elektronische Tickets ausstellt, kann daher per App eingecheckt werden. Zusätzlich verfügen die Pässe über Echtzeitinformationen. „Wenn sich das Abfluggate ändern sollte, wird das angezeigt", sagt Meyer. Aber auch Verspätungen, Ankunfts- und Abflugzeiten und die Terminal-Bezeichnung sollen auf dem Ticket ständig aktuell bleiben.

Das Ticket wird von der Airline zur Verfügung gestellt und in die App integriert. Um den Boardingpass interaktiv gestalten zu können, braucht es jedoch aktuelle Daten. Die kaufen Meyer und seine Kollegen bei einer auf Flugdaten spezialisierten Firma namens OAG in London ein. So kann Flying sicherstellen, dass die Daten auf dem Ticket ständig aktuell sind.

Bereits bei der Bordkarte kommt die erste soziale Komponente ins Spiel. Wenn zwei Personen über Facebook, Foursquare oder über die App miteinander befreundet sind, können sie sich gegenseitig „folgen". „Nehmen wir an, ein Bekannter von mir will von Frankfurt nach London fliegen", sagt Meyer. „Dann folge ich einfach dessen Boardingpass und kann ständig sehen, wo er sich gerade befindet."

Der zweite Bereich steht ganz im Zeichen des Sozialen. Ein großes neues Netzwerk wollen Meyer und seine Mitstreiter zwar nicht aufmachen. Doch soll es die Möglichkeit geben, Statusupdates oder Nachrichten von anderen Nutzern kommentieren oder „liken" zu können. So könne man einem Kollegen oder Freund mitteilen, dass er einem doch bitte etwas mitbringen solle.

Der dritte große Bereich bei Flying ist der Wettbewerbsaspekt. Dafür haben sich Meyer und Co. Ranglisten ausgedacht. „Wir sind überzeugt, dass der Anreiz für die Nutzer hier sehr groß sein wird", sagt Meyer. „Darum werden wir eine Menge Daten auswerten." Wie lange jemand fliegt, wie oft, wie weit und mit welcher Maschine – aus all diesen Informationen sollen am Ende unterschiedliche Ranglisten generiert werden. Und wo es Ranglisten gibt, da sind auch Infografiken nicht weit. Auch die soll es bei Flying geben – sie sollen sogar eine Einnahmequelle des Unternehmens sein.

Die Infografiken sind interaktiv. Es gibt die Standards: Wie häufig ist man in einem Jahr von der Erde bis zum Mond geflogen. Aber es gibt auch ausgefallenere Visualisierungen: Bei „King of Runway" kann ein Reisender Eigentümer einer bestimmten Start- oder Landebahn auf einem Flughafen werden. Ähnlich wie bei Foursquare kommt es darauf an, so oft wie möglich an einem bestimmten Ort gestartet oder gelandet zu sein.

WLAN-Unterstützung in Flugzeugen ist zwar im Kommen. Doch längst nicht alle Airlines bieten ihren Fluggästen Internetzugang an Bord schon an. Darum wurde Flying auch nicht als App entwickelt, die während des Fluges zum Einsatz kommen soll. „Flying ist keine App, die man ständig benutzt", sagt Meyer. „Das Programm begleitet einen von der Haustür bis zum Zielflughafen. Wenn man gelandet ist, ist die Aufmerksamkeitsspanne zunächst vorbei." Allerdings würde sich das Unternehmen bereits Gedanken über neue Anwendungsbereiche machen. Schließlich seien in den USA schon einige Fluglinien fast komplett mit Internet an Bord ausgestattet. Und auch vor Deutschland macht die Entwicklung nicht halt. Lufthansa hat seine Langstreckenflotte nach eigenen Angaben bereits zu 80 Prozent ausgerüstet. In diesem Jahr sollen vier neue 747-8 folgen, 2014 bekommen dann die zehn A380 Internet.

Als Zielgruppe hat Seat4a vor allem die Vielflieger ins Auge gefasst. Allerdings gibt es auch noch einen zweiten Bereich, den man intern als „obsessed", also als „besessen" bezeichnet. Darunter verstehen die Entwickler all jene Menschen, denen das Fliegen zwar am Herzen liegt, die jedoch nicht ständig unterwegs sind. Sie sollen mit den Infografiken geködert werden. Man erfährt, wie viel Kerosin verbraucht wurde und welche CO2-Bilanz die verschiedenen Flugzeuge haben. „Das interessiert einen Vielflieger vielleicht nicht unbedingt", sagt Meyer. „Wer jedoch nur ein oder zwei Mal im Jahr unterwegs ist, für den könnte es interessant sein."

Um dem Jetset von früher gerecht zu werden, haben die Entwickler versucht, Flying noch weiter zu entvirtualisieren. Und dabei sind sie auf Stempel gestoßen. „Früher hat man ja immer Stempel in seinen Pass bekommen", sagt Meyer. „Wir haben unsere eigenen mit Lasercutter geschnitten, mit Tinte bemalt, auf Papier gebracht, dann gescannt und am Ende in die App integriert." Wenn nun jemand ein bestimmtes Flugzeug mehrfach geflogen ist, bekommt er den Eigentums- oder Pilotenstempel von dieser Maschine in seine App „gestempelt". Nostalgie in Zeiten der Digitalisierung.

Ende 2012 wurde der erste Prototyp von Flying in den USA auf einer großen Airline-Konferenz präsentiert. „Die Konzerne können mit ihren riesigen Strukturen nur sehr träge und langsam auf die Veränderungen reagieren", sagt Meyer. „Natürlich haben sie Geld und Ideen. Natürlich denken sie über Echtzeitangaben auf elektronischen Boarding-Pässen nach. Allerdings ist die IT so groß, die Sicherheitsbestimmungen sind so umfangreich, dass eine Realisierung viel zu lange dauert." Darum habe man schnell sehr gute Gespräche führen können. Eine große deutsche Fluggesellschaft habe sich bereiterklärt, einen Beta-Test durchzuführen. Und Air New Zealand wollte die App sogar komplett für sich haben. „Wir haben uns am Ende gegen einen Verkauf entschieden", sagt Meyer. Doch der Entschluss sei seinem Team nicht leicht gefallen. Am Ende setzte sich dann aber die Ursprungsidee durch. Und die lautet: Eine App für alle Reisenden.

Wenn Flying auf den Markt kommt, wird es kostenlos sein. Und das, obwohl die App über Echtzeitdaten verfügt, für die Meyer und sein Team bezahlen müssen. „Ein Novum", erklärt darum auch der Firmengründer. „Es gibt bereits andere Programme, die ebenfalls über solche Informationen verfügen. Die kosten jedoch."

Auf Dauer rentiert sich kostenlos natürlich nicht. Darum haben sich die Flying-Entwickler Gedanken über mögliche Einnahmequellen gemacht. Und das Wort zum Glück heißt Infografiken. „Jeder Nutzer erhält vier Grafiken, für die er nicht bezahlen muss", sagt Meyer. „Das sind unsere Appetithappen." Weitere Grafiken müssen anschließend mittels In-App-Käufen dazugebucht werden.

Als weitere Einnahmequelle nennt Meyer eine Verknüpfung zum Internetdruckanbieter Shapeways . Wer möchte, kann sich in Zukunft seine Flugrouten visualisieren und anschließend ausdrucken lassen. „Nach zwei Wochen bekommt man dann eine in 3D ausgedruckte Weltkarte in der Größe eines Frühstücksbrettchens nach Hause geschickt", sagt Meyer.

Daten an Fluglinien verkaufen, das wollen die Entwickler von Flying nicht. „Natürlich gibt es ein unheimlich großes Interesse. Aber wir wollen diese Informationen nicht weitergeben." Sattdessen will man den Airlines die Möglichkeit bieten, den Boardingpass individuell gestalten zu können – zum Beispiel mit eigenem Logo.

Wenn alles nach Plan läuft, wird es irgendwann auch „beratendes Buchen" geben. „Je mehr Daten wir sammeln, desto mehr können wir damit anfangen", erklärt Meyer. „Wenn wir feststellen, dass eine bestimmte Person einmal pro Woche nach München fliegt, dann lässt sich dieses Muster irgendwann voraussehen." So könnte man einem Lufthansa-Kunden zum Beispiel anzeigen, dass er bei der Konkurrenz unter Umständen billiger weg käme.

Das Team von Seat4a besteht momentan noch aus den fünf Gründern und Johannes Lerch , der für das Back-End, also den Unterbau der App verantwortlich ist. Markus Schmeiduch beaufsichtigt das gesamte Produkt, Andrew Spitz kümmert sich um die kreative Arbeit, Katie Kindinger ist die Designerin hinter der App, Sebastian Schuster ist der iOS-Entwickler und Panos Meyer für das Geschäft der „Flying-Crew" zuständig.

„Hätten wir Geld und Ressourcen, würden wir neben iOS direkt auch noch Android anbieten", sagt Meyer. Allerdings ließe sich mit iOS am schnellsten Geld verdienen. Der 39-Jährige spricht aus Erfahrung. Er hat vorher fünf Jahre bei Golf.de gearbeitet. Dort wurden Apps für alle Plattformen angeboten. Allerdings seien die Downloadzahlen bei Android viel geringer als bei iOS und auch die Zahlungsbereitschaft sei nicht zu vergleichen gewesen.

Bisher wurde die App komplett selbstfinanziert. „Wir versuchen zu sparen, wo es geht", sagt Meyer. Weil das Team über die ganze Welt verteilt ist, ist man auf eine virtuelle Zusammenarbeit angewiesen. „Österreich, Holland, USA, Deutschland – kostentechnisch ist das eine echte Herausforderung." Wöchentliche Treffen seien da schwer möglich. Bisher haben Meyer und seine Mitstreiter etwa 100.000 Euro in das Projekt investiert, alles aus eigenen Mitteln.

„Wir haben das Thema am Anfang etwas ignoriert. Wir sind davon ausgegangen, dass wir genug haben, um möglichst weit zu kommen." Erst später habe sich gezeigt, dass das Geld schneller weggeht, als gewollt. „Daten sind unglaublich teuer, die Infrastruktur kostet eine Menge", sagt Meyer. „Da waren wir am Anfang etwas blauäugig." Nun würde man jedoch intensiver auf die Suche gehen, die Gespräche laufen.

Einmal im Monat versuchen Meyer und sein Team zusammenzukommen, dann wird rund um die Uhr gearbeitet. Mitte März ist es wieder soweit. Diesmal ist Hamburg wieder an der Reihe. Es dürfte eine aufregende Woche werden. Denn momentan steht der Plan, dann auch eine öffentliche Beta-Version der App zu veröffentlichen. „Wenn wir schnell genügend Rückmeldungen bekommen, könnte Anfang Mai dann das finale Programm mit vollem Funktionsumfang erscheinen", sagt Meyer. Dann stände einer Rückkehr zum Jetset nichts mehr im Wege.

Kontakt zum Autor: joergen.camrath@wsj.com