• The Wall Street Journal

USA verschärfen den Ton im Cyberkonflikt

    Von SIOBHAN GORMAN und JARED E. FAVOLE

WASHINGTON—Nach den jüngsten Hackerattacken auf amerikanische Unternehmen hat die US-Regierung den Ton verschärft. Sie droht China und anderen Ländern jetzt mit Handelsbeschränkungen und diplomatischem Druck, um weitere Cyberspionage zu verhindern.

Am Mittwoch brandmarkten Regierungsvertreter den Diebstahl von Militär- und Konzerngeheimnissen als massives Übel für die Wirtschaft und Sicherheit ihres Landes – mit kostspieligen Folgen für Wettbewerb, Arbeitsplätze und Produkte, die namhafte Unternehmen wie General Motors und Dupont bereits zu spüren bekommen haben. Und die Politiker ließen keinen Zweifel daran, dass sie vor allem China für eine Hauptquelle in der Serie von Cyberangriffen auf amerikanische Großkonzerne halten.

Associated Press

Generalstaatsanwalt Eric Holder, Mitte, und Handelsministerin Rebecca Blank am Mittwoch auf dem Weg zu einem Treffen im Weißen Haus zum Thema Cybersicherheit.

So gelten chinesische Hacker als Urheber von Attacken auf den Suchmaschinenriesen Google, die IT-Sicherheitsfirma RSA Security, den Rüstungskonzern Lockheed Martin und den Telekomausrüster Nortel. Auch das Wall Street Journal, die Financial Times und andere Medienkonzerne wurden von Computerspionen angegriffen, und auch sie sollen aus China kommen.

„Bei allem Respekt für China, der Schutz von geistigem Eigentum und Handelsgeheimnissen bleibt ein ernsthaftes und hochgradig beunruhigendes Problem", sagte der stellvertretende US-Außenminister Robert Hormats beim Treffen mit hochrangigen Regierungs- und Unternehmensvertretern im Weißen Haus.

US-Regierung will mehr Druck auf China ausüben

Nun will die US-Regierung härter durchgreifen, um in China einen Wandel zu erzeugen. Auch mit dem Ausland wollen die USA stärker zusammenarbeiten und ihr Vorgehen abstimmen. Die chinesische Regierung ihrerseits hat in dieser Woche erneut jegliche Verantwortung für Computerspionage von sich gewiesen.

Lesen sie den Bericht zur US-Cyberstrategie

Ein neuer Bericht fasst zusammen, mit welch harten Bandagen die USA künftig kämpfen wollen, um ihre Unternehmen besser zu schützen. Hand in Hand wollen Vertreter verschiedener Regierungsbereiche in Zukunft zusammenarbeiten. Sie behalten sich vor, schärfere Handelsbarrieren gegen offensichtlich aus Spionagetätigkeit entstandene Produkte und Dienstleistungen zu verhängen. Und sie wollen den diplomatischen Druck erhöhen, um zu bekräftigen, dass es der US-Regierung mit ihrer Strategie ernst ist.

Was genau China blüht, sagte das Weiße Haus am Mittwoch nicht. Doch der Bericht ist gespickt mit Beispielen über amerikanische Spitzenkonzerne, die Opfer von Konzernspionage aus China wurden. Da geht es um chinesische Windradhersteller, deren Angestellte technische Daten bei Auftraggebern in den USA geklaut haben. Es geht um gestohlene Hybridtechnologie des Autokonzerns GM und um ausspionierte Militärgeheimnisse bei L-3 Communications, einem Auftragnehmer des amerikanischen Militärs. Nach Angaben von Regierungsvertretern haben die USA das Thema bereits auf hochrangiger politischer Ebene in China angesprochen.

Unternehmensvertreter begrüßten den Vorstoß als einen guten Anfang. Dean Garfield, Chef des amerikanischen Branchenverbands Information Technology Industry Council aber sagte, seine Regierung könne „noch viel mehr tun".

US-Firmen sollen sich besser schützen

Schon in der vergangenen Woche hatte US-Präsident Barack Obama ein Dekret unterschrieben, das neue, freiwillige Branchenstandards für Unternehmen auflegen soll, die etwa so kritische Infrastruktur wie Stromnetze betreiben. An dieser und an der neuesten Initiative arbeitet die US-Regierung schon seit Monaten. Und just in diesen Wochen häufen sich wieder die Fälle von Cyberattacken auf US-Konzerne.

Die neue Drohpolitik sei notwendig, „damit die Chinesen sich anders verhalten", sagte James Lewis, ein ehemaliger Spitzenbeamter im US-Außenministerium, der jetzt als Spezialist für Cybersicherheit beim Center for Strategic and International Studies arbeitet, einer Denkfabrik in Washington. Er räumte aber ein, dass es wohl mehrere Jahre dauern werde, bevor sich Ergebnisse einstellten.

Mit einer ähnlichen Mischung aus wirtschaftlichem und diplomatischem Druck hatten die USA in den 90er-Jahren einigen Erfolg. Damals ging es aber darum, China von der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und damit zusammenhängender militärischer Ausrüstung abzuhalten.

Was die Sache nicht einfacher macht: China bestreitet nicht nur alle Spionagevorwürfe und verweist auf seine Gesetze, die Cyberattacken verbieten. Vielmehr sieht sich das Land selbst als Opfer solcher Netzangriffe.

Auch China ist Ziel von Cyberangriffen

So ergaben Nachforschungen des IT-Unternehmens Akamai Technologies, das im großen Stil die Bewegungen im Internet – so genannten Traffic – überwacht, dass im dritten Quartal 2012 von allen Ländern weltweit China am häufigsten Ziel solcher Attacken wurde. 33 Prozent des gemessenen „Traffics" im Zusammenhang mit Angriffen sei auf das Land entfallen. Die USA folgen mit 13 Prozent solcher Bewegungen an zweiter Stelle.

Aufsehenerregend war auch ein Bericht des US-Geheimdienstes im Jahr 2011, der chinesische Hacker im Bereich der Wirtschaftsspionage als die „aktivsten und hartnäckigsten Täter" beschuldigte. Hochrangige Geheimdienstmitarbeiter sind überzeugt, dass die chinesische Regierung und systemtreue Hacker hinter der Cyberspionage stecken.

Und im vergangenen Jahr erklärte ein Parlamentsbericht, dass der chinesische Telekomriese Huawei Technology mit seiner Präsenz in den USA ein nationales Sicherheitsrisiko darstelle. Huawei konterte mit der Aussage, der Kongress betreibe „China-Bashing".

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