• The Wall Street Journal

Fitness fängt im Kopf an

    Von SHIRLEY S. WANG

Es gibt Menschen, die es mögen, sich zu verausgaben und zu schwitzen – und solche, für die es eine Folter ist. Aber welche biologischen und chemischen Prozesse stehen hinter diesen unterschiedlichen Einstellungen zum Trainieren? Das versuchen Wissenschaftler herauszufinden. Ihre Vermutung: Dass manche Spaß am Sport haben und manche nicht, ist nicht nur eine Frage der Motivation und Disziplin.

Eine Erkenntnis bisher: Wie Leute die Signale ihres Körpers während und nach dem Training interpretieren, spielt eine wichtige Rolle dafür, ob sie es genießen.

Dan Cederholm war jahrelang auf der Suche nach einem Sport, bei dem er tatsächlich dranbleiben würde. Er findet das Fitnessstudio langweilig. Auch mit Basketball und Baseball kann er wenig anfangen. Und beim Joggen tun dem 38-jährigen Webdesigner aus Salem im US-Bundesstaat Massachusetts die Schienbeine weh.

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Sein Freund Rick Johnson ist das genaue Gegenteil. Er macht im Jahr bei 20 Wettläufen mit. Schon als Kind wollte er im Sportunterricht beim Laufen Extrarunden drehen. „Für mich erscheint der Gedanke, am Schwitzen und Rennen keinen Spaß zu haben, fremd", sagt der 41-jährige Journalist, der ebenfalls in Salem lebt.

Von Couch-Potatoes bis zu Olympia-Athleten hat jeder Mensch eine Grenze für physische Anstrengung, ab der der Körper unter Stress ist und der Mensch sich schlecht fühlt. Wie viel davon von genetischen Faktoren wie Lungenkapazität, Sauerstofftransport und dem Sauerstoffverbrauch der Muskelfasern abhängt, wird immer noch diskutiert – der Anteil wird auf 10 bis 50 Prozent geschätzt, sagt Panteleimon Ekkekakis, ein Professor an der Universität in Iowa, der sich mit der Beziehung von Training zu Körper und Geist beschäftigt.

Das Problem: Viele bequeme Menschen gehen zu weit, wenn sie mit dem Training anfangen. Sie überschreiten die Grenzen ihres Körpers – und beginnen so, das Training zu hassen, so dass sie schnell wieder aufhören, sagt Ekkekakis.

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Das dahinterstehende Konzept nennt sich Ventilatory Treshold – ventilatorische Schwelle auf Deutsch. Wenn ein Mensch im Normalfall atmet, scheidet er gleichviel Kohlendioxid aus, wie er Sauerstoff einnimmt. Überschreitet er aber die ventilatorische Schwelle, atmet er mehr Kohlendioxid aus, als er Sauerstoff einatmet. Das ist ein Symptom dafür, dass die Muskeln übersäuern – was der Körper als Stresssignal interpretiert.

Bei den meisten Individuen liegt die Schwelle bei rund 50 bis 60 Prozent ihrer maximalen Leistung. Bei Elite-Athleten liegt sie bei 80 Prozent – bei Menschen, die sich kaum bewegen, oft dagegen bei nur 35 Prozent. So ist ihre Toleranz gegenüber Anstrengungen besonders niedrig.

Ihnen bleibt der Griff in die Trickkiste: So kann Musik dabei helfen, sich auch dann noch gut zu fühlen, wenn sie ihre ventilatorische Schwelle schon leicht überschritten haben, sagt Ekkekakis. Ab einem bestimmten Punkt aber ist das Übelgefühl des Körpers aber nicht mehr zu vermeiden. Wo die liegt, hängt natürlich am Trainingsniveau. Wer schon gute Erfahrungen gemacht hat, bleibt dran – und verschiebt die Schwelle schneller. Ein Kreislauf, im positiven wie im negativen.

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Ekkekakis fand in Studien mit übergewichtigen und untrainierten, aber sonst gesunden Frauen mittleren Alters heraus, dass manche Menschen ihre ventilatorische Schwelle schon nach einer Minute joggen bei langsamem Tempo erreichten. Bei einigen reichte es sogar schon, abzuwaschen oder zu kochen, sagt der Professor. Walking – oft als Einstiegssport für Übergewichtige empfohlen – wäre für sie zu schwer.

Dazu kommt der psychische Aspekt: Wie Menschen die Signale des Körpers interpretieren – so etwa eine Übersäuerung der Muskeln oder einen Anstieg der Körpertemperatur – kann beeinflussen, ob sie am Ball bleiben oder nicht. Wer Sport gewohnt ist, interpretiert die Anzeigen für Anstrengung und Ermüdung als ein Zeichen dafür, voranzukommen. Diejenigen, die ohnehin wenig Sport treiben, finden sie eher ungemütlich oder schmerzhaft, sagen Wissenschaftler. So werden Elitesportler als „gute Masochisten bezeichnet", sagt Dominic Micklewright, Forscher am Zentrum für Sportwissenschaft der University of Essex in Großbritannien.

Das individuelle Empfinden, wie sehr man sich verausgabt, kann auch durch überraschende äußere Faktoren bestimmt werden. In einer Studie, die im vergangenen Jahr in der Zeitschrift Environmental Science and Technology veröffentlicht wurde, haben Micklewright und seine Kollegen einen von ihnen untersucht: Sie haben erforscht, wie die Farbe der Umgebung Menschen beim Fahrradfahren auf dem Ergometer beeinflussen.

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Das Ergebnis: Nachdem die Versuchspersonen Szenen mit grünen Bäumen gesehen haben, stuften die Teilnehmer sich selbst als zufriedener und die Übung als weniger schwierig ein, als wenn die gleichen Bilder in schwarz-weiß oder rot erschienen. Das spricht dafür, in der Natur zu trainieren – oder eben in grünen Farben.

Auch andere entscheidende Faktoren fanden die Wissenschaftler: Zum einen das Empfinden, wie kompetent sie in dem Sport sind, sagt Sarah Ullrich-French, Professorin für Bewegungslehre an der Washington State University im gleichnamigen Bundesstaat der USA. So sei es vor allem für Erwachsene entmutigend, wenn sie nicht wissen, was sie tun. Wer als Kind sportlich war, könnte entmutigt sein, dass seine Fähigkeiten abgenommen haben. Ullrich-French rät zu Sportarten, bei denen man sich nicht vergleichen muss.

Für den unsportlichen Webdesigner, Dan Cederholm, war es keine Option, wieder Eishockey zu spielen – sein Hobby als Junge. Squash tat es ihm schließlich an. „Es hat so viel Spaß gemacht, dass ich nicht einmal gemerkt habe, wie ich schwitze", sagt Cederholm. Jetzt spielt er drei bis vier Stunden pro Woche mit einem Freund oder übt alleine.

Jason Henry/Wall Street Journal

Erst mit 48 Jahren fand Sharon Weinbar den Sport, nach dem sie gesucht hat: Rudern.

Sharon Wienbar arbeitet bei einem Fonds für Risikokapital in Kalifornien. Sie fing im Alter von 48 mit dem Rudern an, vor drei Jahren. Sie mag es, schnell übers Wasser zu gleiten. Außerdem macht es ihr Spaß, das Training mit ihren Teamkollegen abzusprechen, und einen Coach zu haben, der ihr hilft. Nach ein paar Monaten sei es so gewesen, „als wäre ein Lichtschalter in meinem Kopf angegangen", sagt sie.

Als Kind war sie eher der Typ Bücherwurm, so Wienbar. Ging es beim Sportunterricht darum, Teams zu bilden, wurde sie immer als letzte ausgewählt. Jetzt fühlt sie sich als Sportlerin. Mit 51 mag sie das Gefühl, sich anzustrengen. „Ich fühle mich nicht so, als hätte ich meine Spitze erreicht. Ich bin jetzt besser in Form als vor zehn Jahren. Vielleicht bin ich in einem Jahrzehnt noch fitter."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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