• The Wall Street Journal

Verheerende Anschlagsserie in Damaskus

    Von SAM DAGHER
Associated Press

Bild des Grauens: Die Anschlagsserie vom Donnerstag zählt zu den tödlichsten und verheerendsten in Damaskus seit Beginn des Bürgerkriegs im März 2011. Noch ist unklar, wer die Attentate verübt hat, aber Beobachter und Analysten halten eine militante Splittergruppe der Oppositionellen für verantwortlich.

BEIRUT—Eine Serie von Bombenanschlägen hat am Donnerstag die syrische Hauptstadt Damaskus erschüttert und nach staatlichen Medienangaben mindestens 53 Menschen getötet sowie 235 weitere verletzt. Unter anderem hat sich nach Berichten von Augenzeugen, Oppositionellen und der staatlichen Nachrichtenagentur Sana ein Selbstmordattentäter in einem Auto in die Luft gesprengt.

Die Anschlagsserie zählt zu den tödlichsten und verheerendsten in Damaskus seit Beginn des Bürgerkriegs im März 2011. Noch ist unklar, wer die Attentate verübt hat, aber Beobachter und Analysten halten eine militante Splittergruppe der Oppositionellen für verantwortlich. Sie glauben, die Extremisten wollen den Druck auf das Regime unter Präsident Baschar al-Assad erhöhen, endlich die Macht abzugeben und einen Waffenstillstand auszuhandeln.

Den Angaben zufolge ereignete sich die schwerste der Explosionen nahe dem Hauptquartier der regierenden Baath-Partei von Präsident Assad. Die Gegend liegt in dem geschäftigen Stadtteil Mazraa. Auch zahlreiche andere Ministerien und die russische Botschaft sind dort angesiedelt. In den vergangenen Monaten hatten Sicherheitskräfte ihre Arbeit in dem Viertel verschärft, das von einer viel befahrenen Durchfahrtsstraße namens Thawra geteilt wird. Zahlreiche Wachposten liegen in dieser Gegend.

Bombe verfehlte die Baath-Parteizentrale

Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien berichtete von 59 Toten bei der Explosion. Davon seien 15 Soldaten der Regierung gewesen, der Rest Zivilisten. Laut Augenzeugenberichten verfehlte die Bombe allerdings ihr vermutliches Ziel, das in der Nähe gelegene Parteihauptquartier von Assad.

Anwohner und Rebellen berichten von drei weiteren Autobomben, die am selben Tag vor einer Polizeiwache, einer Sicherheitsstelle zur Telekommunikationsüberwachung und vor einer Drogenbekämpfungsbehörde explodiert seien. All diese Anschläge fanden im Nordosten der Hauptstadt im Viertel Barzeh statt.

Mehrere Rebellengruppen, darunter auch die radikalislamistische und der Terrororganisation Al-Qaida nahestehende al-Nusra-Front, hatten diesen Monat eine großangelegte Offensive angekündigt, um „Damaskus zu befreien". Die al-Nusra-Front hatte sich schon früher zu verschiedenen Selbstmordanschlägen in Damaskus und in der Stadt Aleppo bekannt.

Die syrische Regierung beeilte sich, die al-Nusra-Kämpfer als Urheber der Anschläge zu beschuldigen. Sie glaubt auch, dass Länder wie Katar und die Türkei, welche die Rebellen unterstützen, an dem schwersten Bombenanschlag beteiligt waren. Einige Oppositionelle dagegen warfen dem Regime vor, die Attentate selbst angezettelt zu haben, um die Rebellen in den Schmutz zu ziehen.

Syriens wichtigste Oppositionsgruppe, die Nationale Koalition, äußerte sich besonnener. In einer Stellungnahme verurteilte sie die Attacke, ungeachtet dessen, „wer die Übeltäter und ihre Motive sind".

Friedliche Lösung immer unwahrscheinlicher

Zahlreiche Beobachter sagen, dass der neue Gewaltausbruch in Damaskus nun jegliche Versuche, eine friedliche Lösung in dem fast zwei Jahre anhaltenden Bürgerkrieg zu finden, erheblich erschwert – wenn nicht sogar zunichte macht. Nach Angaben der Vereinten Nationen hat der Konflikt bereits mehr als 70.000 Menschen das Leben gekostet.

Das Assad-Regime, das von Russland und dem Iran unterstützt wird, hat in den vergangenen Tagen und Wochen zahlreiche Signale ausgesandt, dass es mögliche Gespräche mit der Opposition nur zu seinen Bedingungen führen will. Die Regierung machte auch klar, dass ein Rücktritt Assads nicht infrage komme.

Die Opposition bleibt zweigespalten in der Frage, ob sie mit der Regierung verhandeln soll oder nicht. Einige radikalere Oppositionsmitglieder versuchen aktiv, einen Dialog zu verhindern. Die meisten Regimegegner halten es für eine Grundvoraussetzung, dass Assad abtritt, bevor sie sich auf Gespräche einlassen wollen.

Reuters

Die schwerste Explosion ereignete sich in einem geschäftigen Viertel in der Nähe der Baath-Parteizentrale. Die Bombe riss einen Krater in die Hauptstraße.

Nach Ansicht eines syrischen Analysten in der libanesischen Hauptstadt Beirut sind die jüngsten Bombenanschläge wahrscheinlich das Werk militanter Rebellen mit gutem Draht zu ausländischen Großmächten. Diese Rebellen wollten partout keinen Dialog mit Assad, sondern ihn gefügig machen. „Wenn das der Beginn einer Anschlagsserie sein sollte, dann bedeutet das mehr Druck auf das Regime, ein ausgehandeltes Abkommen anzunehmen."

Die Regierung zeigte allerdings auch nach dem jüngsten Blutbad in der Hauptstadt kein Zeichen des Einlenkens. „Wir werden Euch mit einer eisernen Faust zerschmettern und bis zum letzten Blutstropfen kämpfen", sagte der Gouverneur von Damaskus Bischer al-Sabban, ein Vertrauter Assads, vor dem Bombenschauplatz an der Thawra Straße. „Nicht ein einziger Terrorist wird auf syrischem Boden stehen bleiben", sagte er.

Im staatlichen Fernsehen waren später Bilder von der Verwüstung zu sehen. Die staatlichen Medien sprachen bei ihrer Berichterstattung nicht von einem Bürgerkrieg, sondern von einem Kampf gegen Terroristen. Die Nachrichtenagentur Sana meldete, dass Wohnhäuser, ein Krankenhaus und eine Schule beschädigt wurden. Unter den Opfern seien daher viele Passanten und auch Schüler. Die vielen Ministerien und die Parteizentrale in der Gegend erwähnten die staatlichen Medien nicht.

—Mitarbeit: Rima Abushakra und dapd

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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