• The Wall Street Journal

Moody's entzieht Großbritannien die Topnote

    Von MATTHEW WALTER, CASSELL BRYAN-LOW und CHARLES FORELLE

Die Ratingagentur Moody's Investors Service hat Großbritannien am Freitagabend das Top-Kreditrating "AAA" entzogen. Die wirtschaftliche Schwäche des Landes werde noch Jahre auf den öffentlichen Finanzen lasten, sagt Moody's voraus.

Die Agentur senkte ihre Bonitätsnoten für Anleihen in einheimischer und fremder Währung um jeweils eine Stufe auf "Aa1", der Ausblick ist stabil. Moody's ist die erste der drei großen Ratingfirmen, die Großbritannien herabstuft. Allerdings haben auch Standard & Poor's und Fitch Ratings einen negativen Ausblick auf ihrem britischen Rating.

Agence France-Presse/Getty Images

Tiefschlag für Großbritanniens Premierminister David Cameron (rechts) und seinen Schatzkanzler George Osborne: Moody's hat dem Land das Spitzenrating entzogen.

Für Großbritannien, das sehr stolz auf seine historische Stellung auf der Weltbühne ist und genau darauf achtet, ob sich diese verkleinert, ist der Schritt von Moody's ein psychologischer Schlag. Dieser trifft vor allem auch Premierminister David Cameron und seinen Schatzkanzler George Osborne, der seine schmerzhaften Kürzungen bei den Staatsausgaben lange Zeit damit begründet hat, dass er das Spitzenrating Großbritanniens sichern wolle.

Die britische Wirtschaft war in der Finanzkrise früh und schwer abgestürzt und hat jetzt enorme Probleme, wieder auf die Beine zu kommen. Viele Volkswirte glauben, dass sie vor einem "Triple-dip" steht, also dem dritten Abtauchen in die Rezession in einem Zyklus. Auch Moody's geht davon aus, dass das "schleppende Wachstum" bis in die zweite Hälfte des laufenden Jahrzehnts anhalten wird.

Die Regierung und die Zentralbank haben ein Arsenal an fiskal- und geldpolitischen Waffen eingesetzt, um den wirtschaftlichen Problemen beizukommen - von niedrigen Zinsen bis zu einem Programm, das die angeschlagenen Banken dazu ermuntern sollte, die Kreditvergabe an die taumelnde Wirtschaft wieder hochzufahren. Gebracht hat es bisher wenig. Osborne versucht derweil, das gewaltige Haushaltsdefizit Großbritanniens unter Kontrolle zu bringen.

"Wir erwarten, dass die Verschuldung des Landes in den kommenden Jahren weiter steigen wird", sagte Bart Oosterveld, der verantwortliche Direktor der Ratingabteilung von Moody's, in einem Interview. "In unserem Hauptszenario gehen wir nicht davon aus, dass sich die Schuldenlast vor 2016 stabilisieren wird."

Kaum Wachstum seit Amtsantritt von Cameron

Ratingagenturen hatten seit Monaten gewarnt, dass die britische Bestnote in Gefahr sei. In der vergangenen Woche waren am Markt Spekulationen über eine mögliche Herabstufung aufgekeimt. Das britische Pfund hatte das vergangene Woche im Vergleich zum US-Dollar auf den tiefsten Stand seit 31 Monaten gedrückt.

Nach der Herabstufung rutschte die britische Landeswährung leicht ab und beendete den Handel am Freitag bei 1,5163 Dollar. Im Vergleich zum Euro verbilligte sich das Pfund auf weniger als 1,15 Euro. "Weil immer mehr Mitglieder aus dem [Dreifach-A] Club fliegen, ist der Einfluss auf die Währungskurse aber gering", sagte Gabriel de Kock, Währungsstratege bei Morgan Stanley .

Dass Großbritanniens Kreditkosten als Folge der Moody's-Entscheidung deutlich steigen, ist unwahrscheinlich. Britische Anleihen profitieren seit Jahren von der Flucht der Anleger aus den Krisenstaaten der Eurozone in Länder mit stärkeren Fundamentaldaten bzw. solche, die Anleihen in eigener Währung ausgeben. Das massive Stimulusprogramm der Bank of England, über das sie Staatsanleihen am Markt aufkauft, hat ebenfalls dazu beigetragen, die Anleiherenditen niedrig zu halten und so die Finanzierungskosten des Staates zu begrenzen.

Osborne und Cameron hatten die Sicherung des "AAA"-Ratings zu einem ihrer Hauptziele erklärt, als sie 2010 an die Regierung kamen. Seither ist die britische Wirtschaft allerdings kaum gewachsen.

Sparpolitik steht nicht zur Debatte

Zuletzt hatte Osborne die Bedeutung des Ratings allerdings heruntergespielt. Im Dezember erklärte er vor einem Parlamentsausschuss, dass ein Verlust des Ratings zwar "keine gute Sache wäre", ein solcher Schritt aber lediglich als ein Test für die britische Wirtschaftspolitik zu verstehen sei. "Die entscheidende Frage ist, zu welchem Preis man sich Geld leihen kann", sagte er damals.

Am späten Freitagabend erklärte Osborne in einer Reaktion auf die Herabstufung, dass er an seinen Sparzielen festhalten werde. "Wir sind heute abend in deutlicher Form an das Schuldenproblem erinnert worden, dem unser Land gegenübersteht", sagte er. "Unsere Entschlossenheit, den Plan für die wirtschaftliche Erholung umzusetzen, schwächt das nicht im Geringsten. Diese Entscheidung verstärkt sie noch."

Osborne, der am 20. März seinen jährlichen Haushaltsplan vorstellen wird, sieht den Grund für die britischen Probleme in den über viele Jahre aufgebauten Schulden des Landes sowie in der Krise der benachbarten Eurozone, in die ein Großteil der britischen Exporte fließt.

Grundlage für die Herabstufung sei die "zunehmende Klarheit, dass das britische Wachstum trotz einer beträchtlichen strukturellen wirtschaftlichen Stärke schwach bleiben wird", erklärte Moody's seine Entscheidung. Die gegenwärtige wirtschaftliche Erholung habe sich bereits als schwach erwiesen und es gebe deutliche Abwärtsrisiken für den Wachstumsausblick.

Die geringe Geschwindigkeit der britischen Wirtschaftserholung erschwert es der Regierung, ihre Finanzen in den Griff zu bekommen. Moody's geht jetzt davon aus, dass die britischen Schulden im Jahr 2016 bei gut 96 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ihren Höhepunkt erreichen werden. Die hohe und wachsende Schuldenlast mache Großbritannien anfälliger für wirtschaftliche Instabilität in der Zukunft. Vor 2016 dürfte sich das nicht ändern, erklärte die Ratingagentur.

Mit der Herabstufung von Großbritannien setzt sich ein Abwärtstrend fort, der in den vergangenen Jahren bereits eine Reihe anderer Top-Schuldner ereilt hat. Im November hatte Moody's Frankreich sein "AAA"-Rating entzogen. Standard & Poor's hatte im August 2011 die USA aus dem Klub der Spitzenschuldner herabgestuft, im Januar 2012 senkte die Agentur auch ihre Noten für Frankreich und Österreich. Großbritannien hat bei S&P ebenso wie bei Fitch Ratings noch die Bestnote "AAA". Diese ist allerdings bei beiden mit einem negativen Ausblick versehen, es droht also auch hier eine Herabstufung.

Mitarbeit: Nicole Hong, Geoffrey Rogow und Ira Iosebashvili

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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