• The Wall Street Journal

Berlusconi kämpft auch für sein Medienimperium

    Von STACY MEICHTRY und DEBORAH BALL

Als Silvio Berlusconi sich entschied, noch einmal bei den Wahlen in Italien anzutreten, lud er nicht die Spitzen seiner Partei in seine Villa aus dem 18. Jahrhundert ein, um mit ihnen über seine Strategie im Wahlkampf zu beraten.

Stattdessen versammelte er dort die Führungskräfte und Chefredakteure von seinem ausgreifenden Fernsehimperium Mediaset, dem Kern seines Milliardenvermögens. Nahe einer barbusigen Wiedergabe der Mona Lisa sitzend erklärte Berlusconi der versammelten Gruppe, dass man die Sender mit Informationen über ihn „vollstopfen" müsse, um „Stimmen zu fangen", berichten Personen, die von dem Treffen Kenntnis haben, das Ende November stattfand.

Es gibt wenige politische Karrieren, die so sehr mit nationalen Medien verbunden sind wie die von Silvio Berlusconi. Jetzt, da der dreimalige Ministerpräsident am Sonntag sein erneutes Comeback bei der Wahl in Italien versucht, könnte der mittlerweile schwindende politische Erfolg des Mediaset-Chefs auch die Schwäche des Medienkonzerns selbst offenbaren, sagen Führungskräfte und Analysten.

Mauro Scrobogna/Associated Press

Medienmogul Silvio Berlusconi in seinem Element: Bei einer Wahlveranstaltung am Mittwoch erklärte der Ex-Regierungschef, er habe den Abstand zu seinem politischen Gegner Pierluigi Bersani aufgeholt.

„Wir sitzen alle im selben Boot", sagte Berlusconi den Mediaset-Spitzen in seiner Villa, berichtete ein Insider. Auch die Zukunft von Mediaset hänge davon ab, dass sich das Medienimperium die politische Unterstützung im Parlament sichern könne, sagte er.

Europas drittgrößter Sender hat lange von der Position Berlusconis als Führer Italiens profitiert – auch wenn er sie zwischendurch immer wieder abgeben musste. Doch die mächtigen Vorteile, die Mediaset genoss, darunter Gesetze, die konkurrierende Sender fernhielten, haben das Unternehmen unbeweglich gemacht, wie sich in Gesprächen mit rund zwei Dutzend aktuellen und früheren Führungskräften sowie Kunden und Politikern zeite, die Berlusconi nahe stehen.

Mediaset erreicht heute ein Drittel weniger Zuschauer als noch vor einem einem Jahrzehnt. Die Pay-TV-Sparte hat seit ihrem Start 2005 fast 300 Millionen Euro Verlust angehäuft. Die Mediaset-Aktie verlor in den vergangenen zwei Jahren 70 Prozent ihres Wertes. Das vergangene Jahr beendete Mediaset erstmals seit 17 Jahren mit einem Verlust.

Mediaset-Schwäche gefährdet Berlusconi-Vermögen

Mit der Schwäche von Mediaset zerfällt auch Berlusconis Reichtum. Das Vermögen der Familie des ehemaligen Ministerpräsidenten hat sich seit 2007 halbiert. Nach der Forbes-Liste der reichsten Personen der Welt betrug es im März 2012 noch 5,9 Milliarden Dollar. Die Familie hält über ihre Holding Fininvest 39 Prozent an Mediaset.

„Ich mache mir Sorgen, aber ich denke, das ist nur vorübergehend", hatte Berlusconi vergangenes Jahr in einem Interview in seiner Villa geäußert. Ein Sprecher lehnte jeglichen weiteren Kommentar zum Geschäft von Mediaset oder zu den Verbindungen des Senders zur politischen Kampagne Berlusconis jetzt ab.

Silvio Berlusconi und seine peinlichsten Patzer

Vincenzo PintoAgence France-Presse/Getty Images

Fedele Confalonieri, Chairman von Mediaset und sein Leben lang mit den Berlusconis freundschaftlich verbunden, bestreitet, dass Mediaset politische Hilfe erhalten habe. „In den 19 Jahren, in denen er politisch tätig ist, war Berlusconi etwa die Hälfte der Zeit an der Macht", sagte er. Mediaset sei durch die wirtschaftlichen Boomjahre allerdings „verwöhnt" gewesen.

Das Treffen mit den Mediaset-Führungskräften im November, an dem Confalonieri teilgenommen hat, habe dazu gedient, „den Puls des Augenblicks" im Vorfeld der Wahlen „zu messen".

Berlusconi hat Italien geformt wie nur wenige andere in seiner Generation. Der Sohn eines Bankangestellten hatte sich ein geschäftliches Imperium aufgebaut, als er sich mit dem Versprechen, Italien mit einer konservativen Führung nach amerikanischem Vorbild zu modernisieren, erstmals um die Macht bewarb. 1994 war das, und seinerzeit umfasste es Medien, Versicherungen und Fußball.

Skandale, Gerichtsverfahren und Affären

Allerdings hat Berlusconi wenig von seinen Versprechungen wahr gemacht. Die Wirtschaft krebst nach zwei Jahrzehnten unter seiner politischen Einflussnahme ziemlich herum, die Politik ist nach wie vor wenig stabil, sagen Kritiker und Volkswirte.

Zudem hat Berlusconi eine Reihe von Strafverfahren die Unterstützung der Italiener gekostet. Zwei Prozesse laufen derzeit wegen des Vorwurfs des Steuerbetrugs, bezahltem Sex mit einer Minderjährigen sowie Amtsmissbrauch. Andere Verfahren, etwa wegen vermeintlicher Falschbilanzierung und Geldwäsche, wurden abgeschmettert oder endeten mit einem Freispruch. Berlusconi streitet alle Vorwürfe ab.

All diese Skandale führten 2011 zum Ende der bisher letzten Regierung Berlusconi. An ihre Stelle trat eine technokratische Not-Regierung unter Führung von Mario Monti. Sie wird nach der Wahl, die am Montag endet, aufgelöst.

Ehe sich Berlusconi aus dem politischen Ruhestand zurückmeldete und seine erneute Kandidatur ankündigte, waren die Zustimmungswerte für seine Mitte-rechts-Partei Il Popolo della Libertà (Volk des Friedens) vernichtend. In Umfragen war sie im November bis auf 13 Prozent gefallen. Die linksgerichtete Demokratische Partei führte zu diesem Zeitpunkt mit knapp 30 Prozent Zustimmung.

Ende November versammelte Berlusconi dann die Mediaset-Spitzen in San Martino, seiner mit Hecken umzogenen Villa nahe Mailand. In einem mit künstlichen Blumen geschmückten Speisezimmer eröffnete er das Treffen, in dem er die Führungskräfte anwies, die Blumen zu berühren. Die Zeiten seien so hart, dass er sich keine frischen mehr leisten könne, habe Berlusconi gescherzt, wie Personen mit Kenntnis des Treffens berichten.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 31. Juli

    Wasser marsch: in Frankreich spielten Kinder am Donnerstag an Springbrunnen, in Deutschland strömten Urlauber ins Freibad und in Indien trotzten Anwohner einem Wolkenbruch. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Biene, Eule, Pinguin: Die tierischen Maskottchen von Tech-Firmen

    Viele Produkte von Tech-Firmen sind schwer verständlich für Laien. Die Unternehmen haben es darum oft nicht leicht, für sich zu werben. Etliche setzen auf Tiere, um ihre Marke bekannt zu machen. Wir stellen 30 von ihnen vor.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: Im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städten die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.

Erwähnte Unternehmen