• The Wall Street Journal

Chinas Probleme sind Kenias Chance

    Von JONATHAN R. LAING
[image] AFP

Endet das Wirtschaftswunder in China? Der Gründer und Vorsitzende des US-Thinktanks Stratfor, George Friedman, ist davon überzeugt.

Wo die meisten Menschen nur zufällige Ereignisse sehen, macht George Friedman oft wichtige geopolitische Trends aus. In einem Bericht mit dem Titel „Das Ende des chinesischen Wirtschaftswunders" stellte der Gründer und Vorsitzende des US-Thinktanks Stratfor kürzlich die These auf, dass Chinas Exportstrategie der Saft ausgeht, weil die Löhne steigen.

Friedman argumentiert seit einiger Zeit, dass das ungleich verteilte Einkommen und die übermäßige Abhängigkeit von Exporten in die Industrieländer China die heimische Verbrauchernachfrage kostet, die das Ausbleiben künftiger Wachstumsgelegenheiten ausgleichen könnte. Tatsächlich hat sich der Binnenkonsum als Anteil am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Er liegt bei 35 Prozent, in den meisten Industrieländern ist es das Doppelte. „China steht wortwörtlich vor Jahren des wirtschaftlichen Abbaus", sagt Friedman im Telefoninterview.

Tansania, Laos und Peru profitieren

Aber während das Wirtschaftswunder für China endet, fange es für Tansania, Laos und Peru gerade erst an. Friedman behauptet, dass der Abstieg von China anderen Ländern, egal ob groß oder klein, den Weg bereitet, um mit ihren niedrigen Arbeitskosten zu punkten. Sie werden Chinas Exportstrategie imitieren, ihre Arbeiter ausbilden und sich stetig die wirtschaftliche Nahrungskette hocharbeiten. Von der Produktion von Textilien und Schuhen wird das zum Zusammenbau einfacher Elektrogeräte führen. Ende Juli stellte Stratfor eine Studie zu 16 Ländern vor, die Chinas Nachfolger in der Weltwirtschaft werden könnten. Titel: Die Post-China 16. „Kein einzelnes Land kann China ersetzen, aber China wird als billiger, globaler Produzent abgelöst", sagt Friedman.

Diese Länder liegen abseits des Pazifikraums und können mit Löhnen punkten, die 50 bis 75 Prozent unter denen in China liegen. Vielen fehlt zwar die Infrastruktur, mit denen China Waren intern transportieren und nahtlos ins Ausland liefern kann. In vielen der 16 Länder grassiert zudem die Korruption, und weder die Unternehmenskultur noch die Gesetze entsprechen westlichen Standards.

Trotzdem fließt das ausländische Kapital auf seiner Suche nach niedrigen Arbeitskosten in diese Länder, auch wenn sich dies nicht in den offiziellen Statistiken niederschlägt, sofern diese überhaupt existieren. „Die Leute vergessen oft, wie brenzlig die Lage in China 1978 war, als nach Jahren der Revolution und des Machtkampfes nach dem Tod von Maos Tsetung 1976 der hervorragende Deng Xiaoping seine Wirtschaftsreform umsetzte", erklärt Friedman.

„Becken des Indischen Ozeans"

Die größten Gewinner der neuen Wirtschaftsordnung werden die Länder aus dem „Becken des Indischen Ozeans" sein, wie Stratfor Äthiopien, Kenia, Tansania, Uganda, Bangladesch, Sri Lanka, Indonesien und Myanmar bezeichnet. Dazu kommen noch Kambodscha, Laos, die Philippinen und Vietnam, die Stratfor als „Peripherie des Südchinesischen Meeres" bezeichnet. Gute Aussichten prognostiziert Stratfor auch für die Dominikanische Republik, Mexiko, Peru und Nicaragua.

Nicaragua? Man sollte laut Friedman die Zukunft des kleinen Landes nicht abschreiben, nur weil es lediglich über 5,8 Millionen Einwohner verfügt und vom Sandinisten Daniel Ortega regiert wird. Die ausländischen Direktinvestitionen hier haben sich seit 2009 fast verdoppelt. Die Arbeitskosten betragen nur ein Viertel des Nachbarlandes Costa Rica, die Verbrechensrate ist niedrig. „Ortega scheint im Alter milde zu werden", sagt Friedman.

Und was ist mit Äthiopien, dem früheren Sorgenkind Afrikas? Auch hier strömt Geld herein, von chinesischen Schuhherstellern und Textilproduzenten aus Indien, Korea und der Türkei. Samsung Electronics und Microsoft errichten in Äthiopien Montagewerke. Der Moderiese H&M kündigte in der vergangenen Woche an, im Herbst die Produktion im großen Stil aufzunehmen.

Mexiko steht ebenfalls auf der Liste. Während der Norden von Mexiko-Stadt bis zur US-Grenze bereits weit entwickelt ist, steckt die Industrie im Süden noch in den Kinderschuhen. Das trifft auch für die Inselstaaten Indonesien und die Philippinen zu, die neben den Hauptstädten Jakarta und Manila noch über viel jungfräuliche Gebiete für die Billigproduktion verfügen.

Laut Friedman hat Stratfor Ausschau gehalten nach Ländern, deren wirtschaftliche Entwicklung sich in einem frühen Stadium befindet und die das Potenzial zum Durchstarten haben. Erst nachdem sie ihre Wahl getroffen hatten, stellten die Analysten fest, dass die gesamte Bevölkerung der 16 Länder mehr als eine Milliarde umfasst. Das ist etwa soviel wie China, wo 1,3 Milliarden Menschen leben. Allerdings ist die Bevölkerung in den Post-China 16 deutlich jünger. Das sei ein Zufall gewesen, sagt Friedman, keine Absicht.

China steckt laut Friedman währenddessen in der Zwickmühle. Das Land ist nicht mehr der kostengünstige Fertiger vieler Produkte, kann aber bei hochwertigen und lukrativen Waren und Dienstleistungen nicht mit den USA, Deutschland, Südkorea oder Japan mithalten. Friedman erklärt, er frage sich, ob China es auf die Fluchtgeschwindigkeit bringt, die nötig ist, um zu den entwickelten Volkswirtschaften aufzuschließen, die von einem starken Binnenkonsum und globaler Wettbewerbsfähigkeit gestützt werden.

Humankapital durch eine gut ausgebildete Bevölkerung

Viele haben vergessen, dass das seit drei Jahrzehnten währende Wirtschaftswunder in China auf einer derart niedrigen Entwicklungsstufe begann, dass die Volkswirtschaft selbst nach etlichen Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten noch vergleichsweise klein ist. Japan zum Beispiel hatte deutlich mehr Humankapital in Form einer gut ausgebildeten Bevölkerung, als das Land in der 1950er Jahren mit seinem exportgetriebenen Spurt begann, schreibt Friedman. Dagegen war China ein armer Agrarstaat, als Ende der 1970er Jahre der große Sprung nach vorn begann.

In der Folge hat Japan erheblich stärker nach dem Boom prosperiert als etwa China. 1990, als Japan schließlich endgültig die Grenzen des immer noch steigenden Wachstums zu spüren begann, hatte das Pro-Kopf-Einkommen einen Wert von 30.000 US-Dollar erreicht. Trotz Jahrzehnten geringen Wachstums in den folgenden Jahren und einer langen Periode der Deflation liegt es heute bei mehr als 47.000 Dollar.

Chinas Volkswirtschaft dagegen kommt nach drei Jahrzehnten des Hyperwachstums nicht über ein Pro-Kopf-Einkommen von 6.000 Dollar hinaus. Schlimmer noch, in China sind die Einkommen sehr unterschiedlich verteilt, was ein echtes Hindernis für Peking darstellt, die Volkswirtschaft neu auszubalancieren – weg von reinen Investitionen hin zu kräftigem Inlandskonsum.

"China nach wie vor von Armut gekennzeichnet"

"China ist nach wie vor eine Gesellschaft, die von überwältigender Armut gekennzeichnet ist", schreibt Friedman. "900 Millionen Menschen haben ein Pro-Kopf-Einkommen, das sich auf dem gleichen Niveau wie das in Guatemala und Indonesien [3.000 bis 3.500 Dollar] bewegt." Die überwältigende Mehrheit der Chinesen kann sich nach Darstellung von Friedman "die Produkte aus dem eigenen Land nicht leisten, während sich die Exportmärkte zugleich dramatisch abgeschwächt haben".

Geplagt wird die chinesische Wirtschaft nach Friedmans Bericht ferner von dem, was er "geförderte Ineffizienz" nennt. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit und sozialen Unruhen lassen die Partei-Mandarine in Peking nach jedem nur denkbaren Strohhalm des Wachstums greifen, egal zu welchen Kosten.

Die staatlichen Banken päppeln deshalb staatliche Industrieunternehmen auch dann noch auf, wenn sie fortwährend Geld verlieren. Jede Menge Knete steckt China in massive Infrastrukturprojekte für Geschäfts- und Wohnimmobilien zum Beispiel, deren tatsächlicher Nutzen gering ist, außer dass sie für ein kurzfristiges BIP-Wachstum sorgen. "Um bloß keine Rezession zuzulassen, hat die chinesische Kommandowirtschaft ineffektive Strukturen und Verlustbringer in gigantischem Ausmaß aufgebaut", beschreibt Friedman die Folgen.

[image] Jordan Naylor/WireImage

George Friedman

Insgesamt wird die Karawane der Produzenten auf der Suche nach billigen Arbeitskräften also weiterziehen, so wie in den vergangen Jahrzehnten, ja sogar Jahrhunderten. Nach Kenia kehrt zum Beispiel die Textilindustrie zurück, die zuvor nach China verloren wurde, und Samsung eröffnet in dem afrikanischen Land ein Werk für Laptops und Fernseher. Die Regierung von Laos lässt unterdessen verlauten, sie hoffe, die Produktion von Bekleidung bis 2015 verdreifachen zu können.

Lange war China das Aushängeschild für eine glitzernde Entwicklung und scheinbar unaufhaltsames Wirtschaftswachstum. Jetzt könnte dem Land die düstere Zukunft einer Nation drohen, die feststeckt in der Falle der Mittelklasse – zwischen den kommenden Wachstumsländern auf der einen Seite und den finanziell besser gestellten und technisch anspruchsvolleren Industrienationen in der Entwickelten Welt.

Friedman erwartet, dass China ein wichtiger Spieler auf dem Feld der globalen Geopolitik bleiben wird, aber in jedem Fall nicht die wirtschaftlich starke Nation, für die viele China-Advokaten die Volksrepublik gehalten haben.

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