• The Wall Street Journal

„Made in USA" bekommt wieder eine Chance

    Von JAMES R. HAGERTY

Mehr als ein Jahrzehnt hat die US-Industrie gegenüber China und anderen starken Exportnationen an Boden verloren. Jetzt scheint es, als wenn die Hersteller „Made in USA" langsam ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den internationalen Märkten zurückgewinnen.

Darauf deutet zumindest die Handelsbilanz der USA im produzierenden Gewerbe hin, wo das Defizit im ersten Halbjahr auf 225 von 227 Milliarden US-Dollar fiel, wie aus Daten hervorgeht, die der Ökonom Ernest Preeg zusammengestellt hat. Preeg arbeitet für die von der Industrie geförderte Forschungsgruppe Manufacturers Alliance for Productivity and Innovation in Arlington.

Miranda Harple for The Wall Street Journal

Harley Davidson - dank Stellenabbau sind die US-Amerikaner wieder wettbewerbsfähig.

Die Verbesserung ist zwar noch immer recht gering, ist nach Jahren immer größerer Defizite jedoch ein Erfolg. Lange hatten die USA ihre Industrieproduktion an Länder wie China und Südkorea verloren.

Von einem „hoffnungsvollen Signal" spricht auch Ökonom Preeg, der sich bei seiner Studie auf offizielle US-Handelsdaten stützt, dabei aber andere Handelsprodukte wie Getreide oder Kohle herausrechnet. „Mindestens haben wir das Niveau jetzt erhalten", sagt er.

Preegs Ergebnisse passen zu den Erwartungen der Boston Consulting Group, die schon lange von einer starken Wiedergeburt der US-Industrie spricht. Stagnierende Löhne und geringere Energiekosten, so prognostiziert Boston Consulting, werden dazu beitragen, dass die US-Ausfuhren wieder anziehen. In einer Studie, die am Dienstag veröffentlicht werden soll, prognostiziert BCG „2,5 bis 5 Millionen Arbeitsplätze in der Fertigung und im Servicesektor" als Folge der steigenden Exporte und zurückgeholter China-Produktion bis zum Jahr 2020. Die Arbeitslosenquote in den USA könnte auf diese Weise um zwei bis drei Prozentpunkte fallen, schätzt man bei Boston Consulting.

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Insgesamt hat sich das Handelsbilanzdefizit der USA in jüngster Zeit erheblich verringert, seit mit dem Schieferölboom die Energieförderung in Nordamerika so mächtig zugenommen hat.

In den USA soll wieder produziert werden

Gegenwärtig sind 12 Millionen Amerikaner bei Industrieunternehmen angestellt, vor zwei Jahrzehnten waren es noch 17 Millionen. Obama hat sich die Erneuerung des produzierenden Gewerbes auf die Fahnen geschrieben und zu einer Top-Priorität gemacht. Auch US-Unternehmen demonstrieren, dass ihnen dies ein Anliegen ist. Der Einzelhändler Wal-Mart etwa wird am Donnerstag rund 500 Zulieferer in Orlando zu Gast haben. Das Unternehmen hat sich selbst zum Ziel gesteckt, durch den Kauf von in den USA hergestellten Produkten eine „führende Rolle bei der Erneuerung der US-Produktion" zu spielen.

Die lange Rezession in Europa, die Abkühlung des Wachstums in China und die Dollarstärke haben den US-Exporteuren durchaus zu schaffen gemacht. Viele haben es dennoch geschafft im Ausland zu wachsen.

Harley-Davidson, der amerikanische Motorradhersteller schlechthin, findet im Ausland immer neue Händler. „Wir freuen uns sehr über unsere Wachstumschancen im Ausland", sagte John Olin, der Finanzchef des Unternehmens, im vergangenen Monat zu Analysten. Das Unternehmen aus Milwaukee erklärte kürzlich, der Absatz im Raum Asien-Pazifik sei um 12 Prozent gestiegen und in Lateinamerika sogar um 39 Prozent.

Wie viele andere US-Hersteller hat auch Harley seit der Rezession von 2008 und 2009 die Produktion neu geordnet. Mit dem Abbau von Stellen gelang es, die Kosten um mehr als 300 Millionen Dollar zu drücken. Seither ist der Motorradhersteller wieder wettbewerbsfähiger. Eine wesentliche Änderung: Die Gewerkschaft hat akzeptiert, dass das Unternehmen im Werk York in Pennsylvania auch Zeitarbeiter beschäftigen darf, um im Bedarfsfall flexibel zu sein und Leute schnell entlassen zu können.

Auch die Zahl der Stellenbeschreibungen durfte Harley reduzieren – von 62 auf 5, so dass die Firma auch intern flexibler geworden ist. Restriktive Arbeitsregeln wurden gelockert, ein Katalog von 136 Seiten durch ein 58-seitiges Dokument ersetzt.

Evan Smith ist Chef bei Hypertherm, einem Spezialisten für Plasmaschneider für metallverarbeitende Betriebe. Das Unternehmen aus Hanover in New Hampshire ist nach seinen Angaben vor allem im Nahen Osten und in Lateinamerika gewachsen. Der Aufbau eines Vertriebszentrums in Brasilien habe sich ausgezahlt, sagt Smith.

Graco aus Minneapolis verbucht wachsende Umsatzzahlen in Mittel- und Osteuropa, wie Sprecher Bryce Hallowell erklärt. Das Unternehmen hat sich auf Geräte zur Spritzlackierung und für Beschichtungen spezialisiert, die etwa bei der Markierung von Fahrbahnen oder bei der Behandlung von Oberflächen in der Industrie zum Einsatz kommen.

Aber auch Großkonzerne wie Caterpillar und General Electric haben in den vergangenen Jahren Teile der Produktion nach Amerika zurückgeholt. Ebenso haben einige ausländische Unternehmen ihre Produktionskapazitäten in den Vereinigten Staaten aufgestockt, um ihre Kunden dort besser versorgen zu können – der japanische Reifenhersteller Bridgestone zum Beispiel.

Die USA wird zum kostengünstigen Industriestandort

Mit dem Boom im „Fracking" von Energievorkommen sinken die Preise für Erdgas und Strom in den USA. Zugleich stagnieren die Löhne. „Stetig entwickeln sich die USA so zu einem der kostengünstigsten Produktionsstandorte in der entwickelten Welt", schlussfolgert die Boston Consulting Group. Die Studie macht Kostenvorteile gegenüber Deutschland, Japan, Frankreich, Italien und Großbritannien aus. Der Anteil der Vereinigten Staaten an der weltweiten Industrieproduktion steige auf diese Weise.

Von einer „fundamentalen Verschiebung" spricht auch Harold Sirkin, der bei BCG Partner ist und zu den Verfassern der Studie gehört. „Der Trend entwickelt sich schneller, als wir gedacht haben", sagt er. Auch wenn alle sagten, wir machen in den USA nichts mehr. Das sei einfach nicht wahr.

Die Vereinigten Staaten haben dennoch gegenüber China in den vergangenen 15 Jahren viel Boden verloren – das starke Wachstum und die Exportorientierung haben den Amerikanern viel Wasser abgegraben. Die USA standen 2011 noch für 11 Prozent der globalen Ausfuhren von industriell erzeugten Waren, nach 19 Prozent im Jahr 2000, sagt Ökonom Ernest Preeg. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil Chinas von 7 auf fast 21 Prozent in die Höhe geschossen, während die Produktion der Europäischen Union von 22 auf 20 Prozent zurückging.

Jüngst hat sich der Aufschwung Chinas abgeschwächt. Im zweiten Quartal stiegen die US-Ausfuhren bei Fabrikwaren nach China um 19 Prozent auf 19,9 Milliarden Dollar, sagt Preeg. Relativ gesehen ist das ein starkes Wachstum, aber absolut stellen die US-Ausfuhren nur ein Fünftel dessen dar, was die Amerikaner an Industriegütern aus China beziehen.

Noch immer müssen US-Hersteller Hürden überwinden. Viele haben Probleme, gut ausgebildete Fachkräfte zu finden, die in der Lage sind computergesteuerte Maschinen zu bedienen und zu reparieren. Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass inzwischen viele Amerikaner aus der Generation der Baby-Boomer in Rente gehen.

Überdies führt das schnelle Wachstum in China, Indien und Brasilien noch immer dazu, dass viele global operierende Konzerne weitere Werke vor Ort eröffnen. Hier sehen sich die Amerikaner im Nachteil: Sie zahlten höhere Unternehmenssteuern und bekämen weniger Unterstützung als ausländische Rivalen, klagen sie. Hinzu kommt, dass die Fokussierung der Anleger auf gute Quartalsergebnisse quasi zwangsläufig Investitionen erschwert.

China spielt unterdessen nicht mehr allein seine geringen Arbeitskosten aus. Da die Löhne in der Volksrepublik immer mehr anziehen, verlagern die Chinesen ihre Produktion auf technisch anspruchsvollere Güter wie Telekomausrüstung, Computer und wissenschaftliche Instrumente, sagt Volkswirt Preeg. Nur noch etwa 15 Prozent der Ausfuhren von chinesischen Fabrikwaren stammen nach seinen Angaben aus arbeitsintensiven Branchen wie der Textil- oder Schuhindustrie.

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