• The Wall Street Journal

Apple verliert mit seinen Apps den Anschluss

    Von ROLFE WINKLER

Google knabbert sich in Apples iPhone von innen nach außen. Facebook ist auf Mobilgeräten außerordentlich populär, muss sich aber vor Firmen in Acht nehmen, die eigene mobile soziale Netze aufbauen. Oh, und Smartphone-Nutzer lieben Spiele, aber so richtig.

Das sind nur einige der Themen, die man aus einer Betrachtung der aktuellen App-Charts herauslesen kann. Dies sind Ranglisten in Echtzeit, an denen man ablesen kann, wie oft Apps heruntergeladen und welche Umsätze damit generiert wurden. Herausgegeben werden sie von den Herstellern der dominierenden mobilen Betriebssysteme, Google und Apple.

[image] Getty Images

Als Hitparade des mobilen Zeitalters sind die App-Charts etwas, das alle Technologie-Investoren verfolgen sollten, um zu sehen, wer in der Smartphone-Ära auf dem Weg nach oben und wer nach unten ist.

Es kann keine Zweifel geben, dass Smartphones das wichtigste Computergerät geworden sind. Im vergangenen Jahr wurden laut Strategy Analytics weltweit fast 700 Million von ihnen verkauft. Die Schätzung von IDC für PC-Verkäufe lautet auf 352 Millionen, also gerade mal gut halb so viele. Noch 2010 vereinnahmte der ältere Bruder den größeren Markt.

Kein Wunder, dass deshalb unter den Tech-Giganten ein Großkampf um die Vorherrschaft in der mobilen Welt entbrannt ist. Am Donnerstag eröffnet Facebook zusammen mit dem taiwanesischen Handyhersteller HTC eine neue Front: Sie bringen ein neues Smartphone mit einer speziellen Facebook-Homepage auf den Markt. Ihre Hoffnung ist, dass die Nutzer noch mehr Zeit mit ihren Mobilgeräten verbringen. Denn wer diese Nutzungszeit vorweisen kann, hält den Schlüssel für Milliarden an Werbegeldern und anderen Umsätzen in den Händen.

Smartphone-Nutzer lieben Spiele

Aber Facebook ist nur einer von vielen Anbietern, die um die Aufmerksamkeit der Nutzer ringen. Google und Apple sind andere. Unterdessen greifen auch Tausende kleinere App-Entwickler die Giganten der Szene an – und feiern manchmal auch große Erfolge.

Glücklicherweise können Anleger sehen, wer gewinnt und wer verliert.

Apples App Store und das Google-Pendant Play Store veröffentlichen zwar nicht die genaue Zahl, wie oft eine App heruntergeladen oder wie viel damit eingenommen wurde. Aber sie liefern für beide Kennzahlen nach Ländern aufgegliederte Ranglisten der Apps. Eine nützliche Hilfe, um diese zu verfolgen, liefert die Analysefirma App Annie. Diese sammelt alle Daten und präsentiert sie in einer Weise, die sonst nicht erkennbar wäre, vor allem nicht bei Google Play.

Aus den Charts kann man wichtige Trends herauslesen. Zum Beispiel: Die Leute lieben Spiele. In den USA finden sich unter den zehn umsatzstärksten Apps auf Google Play neun Spiele, unter den iPhone-Apps sind es acht. An Nummer Eins steht bei beiden Candy Crush Saga, wo die Spieler schnell bunt gefärbte Süßigkeiten sortieren müssen. In Deutschland machen Spiele unter den Top Ten acht (bei Google Play) bzw. sieben (beim iPhone) aus. Auf Platz Eins finden sich hier The Simpsons sowie Clash of Clans.

Google ist beliebtester App-Anbieter

Lässt man die Spiele außen vor, ist Google derzeit der beliebteste App-Anbieter auf den mobilen Geräten von Apple. Apps wie Google Maps und Youtube werden öfter heruntergeladen als diejenigen, die Apple den iPhone-Nutzern gleich nach dem Kauf des Handys empfiehlt.

AP

Apple hängt in der App-Welt ein wenig hinterher. Im Bild ein Apple Store in Peking.

Zusammen mit beliebten Apps wie Chrome, Search und Gmail wird offensichtlich, dass Google eine starke direkte Verbindung mit den Nutzern von Apple-Produkten aufbaut. Das große Risiko für Apple besteht darin, dass die iPhone-Nutzer sich immer mehr an die mobilen Apps von Googles gewöhnen, und dann auch leichter zu den Konkurrenzprodukten wechseln, die unter Googles Android-System laufen.

Apple ist bei den App-Downloads für iPhones die Nummer Zwei unter den Nicht-Spiele-Anbietern. Aber es ist nicht sicher, ob viele diese Apps auch wirklich nutzen, etwa Find My Friends, iTunes U und iBooks.

Dass diese Information fehlt, ist das entscheidende Manko der App-Charts. Während Apple und Google Ranglisten zu den Downloads und zum Umsatz herausgeben, sagen sie nicht, wie lange die Nutzer tatsächlich mit einer App verbringen.

Nutzer verbringen die meiste Zeit mit der Facebook-App

Ein App-Anbieter, der kein Problem mit dem Engagement seiner Nutzer hat, ist Facebook. Bei den Downloads für das iPhone rangiert die App derzeit in den USA auf Platz 60, in Googles Play Store dagegen ganz vorne. Ähnlich ist es in Deutschland. Der Grund könnte sein, dass die meisten iPhone-Nutzer die App schon vor langer Zeit heruntergeladen haben, während es das Pendant auf Android noch nicht so lange gibt und deshalb noch immer oft genommen wird.

Wer trotzdem etwas über die tatsächliche App-Nutzung wissen möchte, wird von dem Analysehaus Comscore beliefert. Diesem zufolge verbrachten im Februar Smartphone-Nutzer in den USA ein Fünftel ihrer Zeit mit den Handy-Medien mit der Facebook-App. Und da ist das Chatprogramm Facebook Messenger noch gar nicht dabei, ebenso wenig die jüngst von Facebook gekaufte App Instagram zum Teilen von Fotos. Beide rangieren in den US-App-Charts weit oben.

Aber selbst die Dominanz von Facebook bei der mobilen App-Nutzung ist alles andere als total. Neuere Apps erkämpfen sich einen immer größeren Anteil bei mobilen Inhalten. Snapchat zum Beispiel, mit der man Fotonachrichten schicken kann, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden, liegt in den USA laut App Annie beim iPhone auf Platz sieben und bei Android auf Rang 20. Auch in Deutschland bewegt es sich schnell nach vorne, liegt aber noch auf Platz 85.

Eine weitere App, die schnell an Beliebtheit gewinnt, ist Vine. Die Anwendung von Twitter, mit der man sechs Sekunden lange Videos mit Freunden teilen kann, rangiert derzeit in den USA unter den iPhone-Nutzern auf Platz drei. Twitter selbst findet sich auf Platz 36 für das iPhone und auf Rang 10 bei Google Play. Bei der Nutzung schlägt es sich noch deutlich besser und nahm im Februar Smartphone-Nutzer 1,7 Prozent ihrer Zeit in Beschlag. Bei Comscore findet sich Twitter damit auf Platz Elf.

Messenger-App für Facebook durchaus eine Gefahr

Eine weitere Gefahr droht Facebook von Apps wie dem WhatsApp Messenger. Sowohl in den USA als auch in Deutschland findet sich diese Alternative zu etablierten Textnachrichtendiensten auf beiden Plattformen weit vorn. Die Bedrohung für Facebook rührt daher, dass es sehr schnell so etwas wie ein soziales Netzwerk ausbildet, das sich vor allem auf die Adressbücher in den Smartphones gründet.

Im Ausland kann man sehen, wie schnell sich solche Textnachrichten-Apps zu einem großen Geschäft wandeln können. Entwickler in Asien etwa setzen ihre Spiele gern auf soziale Netzwerke auf, die durch Messenger-Apps entstanden sind. In Südkorea sind, sowohl beim iPhone als auch bei Google Play, fast alle Apps an der Chartspitze auf eine Messenger-App unter dem Namen Kakao aufgesetzt. Gleiches passiert in Japan mit der App Line.

Aber auch Facebook profitiert von der Popularität von Spielen: Weil es in seinem Kerndienst so stark genutzt wird, zahlen Spieleanbieter sogar Geld, um auf der Plattform angeboten zu werden. Unterdessen werden auch die populären Apps von Google stark genutzt: Sie alle zusammengenommen kamen laut Comscore im Februar in den USA auf einen Zeitanteil von 7 Prozent.

Ein Außenseiter ist hier in einem gewissem Sinne Apple. Obwohl die Geräte des Technologieriesen entscheidend dafür verantwortlich sind, dass das Wort App überhaupt zu einem Gemeinplatz geworden ist, verfügt dieser über nur eine wirklich beliebte App: iTunes. Ja, seine ganze Musik in einem Dienst von Apple gebündelt zu haben, ist ein starkes Bindemittel. Aber die unglaubliche Fülle verschiedener Apps in den Charts legt nahe, dass Apple langfristig gut daran täte, die Kunden mit mehr als einer populären App bei der Stange zu halten.

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