• The Wall Street Journal

Fußballklubs droht die Vertreibung aus dem Steuerparadies

    Von MANUEL HECKEL und STEFAN MERX
Agence France-Presse/Getty Images

Top-Star Zlatan Ibrahimovic ist seinem Klub Paris St. Germain jährlich etwa 15 Millionen Euro wert. Dazu sollen bald noch deutlich höhere Steuern kommen.

Sportlich war es keine allzu schlechte Woche für Paris St. Germain: In der Ligue 1 zementierte der französische Rekordmeister seine Tabellenführung mit einem 1:0-Sieg über Montpellier, im Champions-League-Viertelfinale sicherte ein spätes Tor zumindest ein Unentschieden gegen Barcelona. Die Finanzabteilung des Klubs dürfte trotzdem Frust geschoben haben - Schuld hat Frankreichs sozialistischer Staatspräsident François Hollande.

Anfang der Woche verkündete die Regierung, die umstrittene Reichensteuer solle auch für private Körperschaften und somit Fußballklubs gelten. Das Alimentieren von Stars würde sich drastisch verteuern: Bei jedem Vertrag, der einen Jahreslohn von über einer Million Euro vorsieht, werden künftig 75 Prozent Steuer erhoben, so der Plan. Bezahlen müssten die Klubs. In Paris träfe dies auf mindestens zwölf Angestellte des Teams zu, schätzen französische Medien. Topverdiener sind der schwedische Torjäger Zlatan Ibrahimovic mit geschätzten 15 Millionen Euro Einkommen pro Jahr und Trainer Carlo Ancelotti, der wohl zwölf Millionen jährlich verdient. Schon heute überweisen die katarischen PSG-Eigentümer rund 100 Millionen Euro an den Fiskus, schätzt die Zeitung Le Parisien.

Auch andere französische Vereine sind betroffen. Der Ligaverband errechnete, dass Mehrkosten von 82 Millionen Euro alleine auf die Erstliga-Vereine zukommen könnten. Befürchtete Folge: ein Exodus der Superstars. Frankreichs Fußballbosse sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr: „Wenn der Vorschlag durchgeht, wird die Meisterschaft in Frankreich zur zweiten europäischen Division degradiert", wetterte der Präsident der Profiliga, Frédéric Thierez. „Wir werden unsere besten Spieler verlieren", heißt es in einer Erklärung. „Unsere Vereine werden an Wettbewerbsfähigkeit in Europa verlieren – und die Regierung verliert einige ihrer besten Steuerzahler."

Reformer Platini wird zum Getriebenen

Die Politik grätscht rein, der Fußball reagiert empört. Nicht nur in Frankreich reiben sich Klubvertreter die Augen. Hatten jahrelang auch in Spanien fußballbegeisterte Regierungschefs ihre schützende Hand über den prestigeträchtigen Kick gehalten, werden plötzlich die Wettbewerbsverhältnisse im Millionengeschäft Profifußball kritisch hinterfragt. Uefa-Präsident Michel Platini, der sich mit seinem verbandsinternen Financial-Fair-Play-Programm eigentlich als Reformer einen Namen machen wollte, wird urplötzlich zum Getriebenen. Regierungen und die Brüsseler Wettbewerbshüter behandeln die Top-Vereine nun als das, was sie schon lange sind: Wirtschaftsunternehmen.

Diese Woche markiert möglicherweise einen Wendepunkt: Nicht nur Frankreichs Präsident macht mit seinen Steuerplänen ernst, auch EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia rollt alte Sündenfälle auf, in denen finanzielle Hilfen an Klubs den Wettbewerb verzerrt haben könnten. Im Fokus der EU stehen unter anderem Vergünstigungen bei Sozialabgaben, Sozialversicherungs- und Steuerschulden.

Öffentliches Finanzdoping aus den Vorjahren könnte zum Bumerang werden, Rückzahlungen in Millionenhöhe drohen. So werden auch fragwürdige Grundstücksgeschäfte des spanischen Vereins Real Madrid aus den 1990er Jahren kritisch hinterfragt. „Bürger und Unternehmen in einigen Mitgliedsstaaten haben der Kommission Informationen übersandt, wonach diverse Fußballklubs staatliche Hilfen bekommen haben sollen. Wir untersuchen in der Tat die Situation bei Real Madrid, aber auch in anderen Fällen", sagt Almunias Sprecher Antoine Colombani auf Anfrage des Wall Street Journal Deutschland.

Die verschärfte Beihilfekontrolle hat auch Deutschland erreicht. Berlin musste Brüssel bereits Bericht erstatten, teilt das federführende Bundeswirtschaftsministerium mit: „Die Europäische Kommission hat im vergangenen Jahr eine Abfrage an alle EU-Mitgliedstaaten betreffend staatliche Beihilfen an Fußballklubs gerichtet. Diese wurde seitens der Bundesrepublik Deutschland beantwortet. Es ist nun an der Europäischen Kommission, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen", so das nüchterne Berliner Statement.

Spielergehälter geraten außer Kontrolle

Der Hang zum ungesunden Wirtschaften scheint im Top-Fußball systemimmanent zu sein. Mittelzuflüsse, sei es über öffentliche Vergünstigungen wie Steuererleichterungen oder über exotische Investoren, haben in den letzten Jahren in den europäischen Spitzenvereinen Schule gemacht. Noch bevor die Politiker ihr neues Spielfeld für Regulierung entdeckten, schlug die der europäische Fußballverband Uefa Alarm. Der zentrale Kritikpunkt sind die überbordenden Spielergehälter – Folge eines Wettbietens der Klubs um die Spitzenkönner.

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Der aktuelle Benchmarkingreport der Uefa zeigt die Schieflage glasklar auf. Über alle 53 Mitgliedsverbände stiegen die Klubverluste in den obersten Ligen im Finanzjahr 2011 auf das Rekordniveau von 1,7 Milliarden Euro an. Fünf Jahre zuvor waren es erst 0,6 Milliarden Euro. Die Jahresabschlüsse von 679 Erstligisten flossen in die Uefa-Berechnungen ein. „Die Kontrolle der Spielergehälter ist die größte Herausforderung im Klubfußball", attestiert Andrea Traverso, der Leiter Klublizenzierung und finanzielles Fairplay bei der Uefa.

Deutschlands Bundesliga liegt mit einer vorbildlich niedrigen Personalaufwandsquote von 51 Prozent klar vor den anderen Top-Ligen Spanien (55 Prozent), England (65 Prozent) und Italien (73 Prozent). In Russland fließen sogar 89 Prozent aller Erträge direkt an die Spieler.

Im europäischen Schnitt liegt die Lohnquote der Topklubs schon bei 65 Prozent. Allein von 2010 auf 2011 explodierten die Spielergehälter nach Uefa-Zahlen um 330 Millionen auf 6,9 Milliarden Euro. „In den letzten fünf Jahren stiegen die Gehälter um 38 Prozent und verschlangen damit für sich allein das ganze Ertragswachstum, das sich für diese Periode auf 24 Prozent belief. Es ist für die Klubs höchste Zeit, ihre Gehälter besser in den Griff zu bekommen", sagt Traverso.

EU zieht die Zügel an

Während die Uefa noch bei den Klubs „gute Managementpraktiken" anmahnt, mit Wettbewerbsausschluss droht und auf Einsicht hofft, endet in Brüssel die Geduld. Laissez-faire war einmal. Parallel stößt auch die zyprische EU-Kommissarin für Sport, Androulla Vassiliou, eine für Michel Platini heikle Debatte um Verteilungsgerechtigkeit an. Am kommenden Dienstag kommt es in Brüssel zur Erörterung ihres Vorschlags, „die Umverteilung der Mittel von reicheren Vereinen zu weniger wohlhabenden Klubs zu verbessern". Ein mögliches Vehikel sei „die Einführung einer Fairplay-Gebühr auf Ablösesummen". Sie solle in Richtung ärmerer Klubs fließen, wenn die Ablösen einen bestimmten, von den Sportverbänden und Vereinen noch zu vereinbarenden Betrag übersteigen. „Wir brauchen ein Transfersystem, das zur Entwicklung aller Vereine beiträgt", sagt die liberale Sport-Kommissarin.

Agence France-Presse/Getty Images

Wird zum Getriebenen: Uefa-Boss Michel Platini

Noch ist es gar nicht lange her, da waren die Vereine in vielen Ländern unantastbar und wurden von der Politik verwöhnt. Ab 2005 beglückte Spanien per Gesetz seine Fußball-Söldner dermaßen, dass es schnell den Spitznamen „Beckham Law" bekam. Ausländische Spieler profitierten dabei bis zu sechs Jahre von einem traumhaft niedrigen Steuersatz von knapp unter 25 Prozent auf ihre Millionengehälter. Damit ist aber Schluss: Für neue Verträge gilt das Gesetz seit einiger Zeit nicht mehr.

Das soll jüngst zu ernsten Verstimmungen zwischen Superstar Cristiano Ronaldo und Real Madrid geführt haben. Für seinen neuen Vertrag wünscht sich der Portugiese nämlich Berichten zufolge eine deutliche Gehaltserhöhung – und zwar netto. Die aber käme die Königlichen doppelt teuer zu stehen, weil sie zusätzlich zum Gehalt nun auch den normalen Spitzensteuersatz für den Star drauflegen müssten. Und der wurde in Spanien gerade auf 52 Prozent erhöht – einer der höchsten Sätze Europas.

In der englischen Premier League wurden fiskalische Freundschaftsspiele zwischen Klubs und Spielern bereits vor zwei Jahren abgepfiffen. Neben den normalen Arbeitsverträgen kassierten die Spieler zuvor häufig über Offshore-Firmen an ihren Imagerechten mit. Und das zu deutlich reduzierten Steuersätzen. Mittlerweile dürfen die Profis nur weniger als 15 Prozent ihrer Einnahmen aus solchen Modellen erzielen.

Steuersünden als Bumerang

Zahlreiche Vereine mussten saftige Nachzahlungen an die britischen Finanzbehörden leisten. Den schottischen Traditionsklub Glasgow Rangers trafen offene Forderungen so hart, dass er Insolvenz anmelden musste, inklusive Neustart in der Viertklassigkeit. „Da eigentlich jeder europäische Staat inzwischen jeden Euro braucht, wurden und werden diese Steuermodelle stark eingeschränkt", fasst Philipp Grothe, Chef des Sportrechtevermarkters Kentaro, die Entwicklungen zusammen. Das Beispiel der Rangers zeigt: Macht die Politik ernst beim Aufrollen früherer Sünden, kann es für machen Verein existenzbedrohend werden.

Außerhalb der EU sind viele Nationen noch großzügiger, insbesondere im Umgang mit den Star-Kickern. Die türkische Süper Lig etwa lockt mit einem Steuersatz von 15 Prozent. Hamit Altıntop, der im vergangenen Sommer von Real Madrid zu Galatasaray Istanbul wechselte, reduzierte seine Steuerlast so nebenbei von vier Millionen Euro auf eine gute halbe Million Euro, rechneten türkische Medien genüsslich vor. Anfang des Jahres wechselte dann noch Wesley Sneijder von Inter Mailand nach Istanbul, kurz danach kam Didier Drogba, der vor seiner Stippvisite in China beim FC Chelsea unter Vertrag stand.

Fußball-Profis fühlen sich durchaus angezogen von niedrigen Steuersätzen. Das wies ein Team um den dänischen Volkswirt Henrik Jacobsen Kleven im vergangenen Jahr ökonomisch nach. Länder mit geringen Spitzensteuersätzen spürten in der Vergangenheit einen besonders starken Zuzug von ausländischen Fußballprofis.

Was die Studie aber nicht berücksichtigt: Der Wechsel ins besonders steuerfreundliche Ausland ist in der Praxis oft nur der letzte Schritt in einer Fußballerkarriere. „Aber an die absoluten Top-Spieler kommen die in der Regel gar nicht dran", sagt Lutz Meyer, Partner der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Deloitte, im Interview mit JP4. „Es sei denn, sie haben ein gewisses Alter erreicht, wo sie ihren letzten großen Vertrag unterschreiben."

Grund: Einen Großteil ihres Verdienstes machen die Stars über Werbeverträge. Um diese Deals lukrativ zu gestalten, brauchen sie die große Bühne – eine europäische Top-Liga. So lange der Ball dort noch rollt.

Stefan Merx ist Gründer und Manuel Heckel Mitarbeiter des Pressebüro JP4 und der Seite jp4sport.biz. Für das Wall Street Journal Deutschland schreibt JP4 über Sport-Business-Themen.

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

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