• The Wall Street Journal

Google und Co machen sich im Büro breit

    Von RACHEL KING

Getrieben von knappen Budgets wenden sich immer mehr Firmen Konsumtechnologie wie iPads, dem Datenspeicherdienst Dropbox oder produktivitätssteigernden Diensten von Google zu, die leichter zu nutzen und nicht so teuer sind wie die großen Pendants aus dem Geschäftsbereich.

Richtig an Fahrt gewonnen hat diese Bewegung hin zu Verbraucherprodukten mit dem Start des iPad vor drei Jahren, das auch immer mehr Vertriebs-, Marketing- und IT-Manager bei der Arbeit nutzen. Auch Google-Apps finden seitdem ihren Weg an die Schreibtische in den Unternehmen, etwa beim schweizerischen Pharmakonzern Roche, der inzwischen über Gmail den E-Mail-Verkehr seiner 80.000 Mitarbeiter laufen lässt.

[image] dapd

Das iPad findet auch in der Arbeitswelt viele Anhänger.

Teilweise sind es die finanziellen Einsparungen, die den Weg hin zu Konsumtechnologie ebnen. Der Auftragshersteller Sanmina -SCI hat laut CIO Manesh Patel jährlich 2 Millionen US-Dollar gespart, seit er 2008 die Kommunikation seiner 21.000 Mitarbeiter über Google-Apps für Textnachrichten, E-Mail und Kalender laufen lässt.

Sanmina wechselte den Anbieter, bevor Microsoft seinen internetbasierten Dienst Office 365 startete. Dessen Produktmanager Michael Atalla sagt, dass Kunden damit im Vergleich zum traditionellen E-Mail-Programm Outlook zwischen 10 und 50 Prozent der Kosten einsparen würden.

Aber ein Wechsel ist deswegen nicht unbedingt schmerzfrei. Unternehmen wie Google, Apple und Dropbox sind für die besonderen Bedürfnisse der Unternehmen oft weniger empfänglich als Anbieter, die daran gewöhnt sind, ihre Technologie und Software in die IT-Bereiche der Konzerne zu verkaufen. Konsumprodukte sind zudem nicht unbedingt so sicher und stabil, wie das für Nutzer in den Unternehmen erforderlich ist.

Besondere Bedürfnisse der Unternehmen müssen beachtet werden

Es ist auch wahrscheinlicher, dass ein Dienst einfach ohne große Warnung wieder vom Markt verschwindet, wie es Google im März getan hat, als es mal eben für Juli das Ende des Newsreader-Dienstes angekündigt hat, mit dem man sich Nachrichten aus dem Internet zusammenstellen konnte.

[image] Agence France-Presse/Getty Images

Auch Google musste erst lernen, spezielle Anforderungen aus den Unternehmen ernst zu nehmen.

Roche, zum Beispiel, musste gleich zu Beginn feststellen, dass Google Gmail verändern wollte, ohne vorher die Unternehmenskunden zu informieren. Das sorgte für erhebliche Probleme, weil die Produktivität darunter litt, Mitarbeiter neu geschult werden mussten und andere Software nicht mehr richtig harmonierte. "Wenn wir das Thema ansprechen, fragt man uns ‚Warum kümmert euch das'", sagt Cindy Elkins, IT-Managerin bei der Roche-Tochter Genentech.

Die fehlende Kommunikation miteinander ist ein wichtiger Grund, warum Verbrauchertechnologie manchmal für Probleme sorgt, wenn sie am Arbeitsplatz Einzug hält. Google-Apps haben weltweit 40 Millionen Nutzer, aber die in der Geschäftswelt stärker verankerte Office-Software von Microsoft hat eine Milliarde und laut Gartner Research einen Marktanteil von 90 Prozent.

Produkte, die erfolgreich eine Brücke vom Verbraucher- zum Unternehmensmarkt schlagen wollen, müssen sich an die dortigen Gepflogenheiten anpassen. Als das iPhone zum ersten Mal eingeführt wurde, hatten IT-Administratoren keine Chance, das E-Mail-System darin mit dem E-Mail-Netzwerk des Unternehmens zu verknüpfen. Sie konnten auch nicht sicherstellen, dass ihre E-Mails mit dem von ihnen bevorzugten Sicherheitsprotokoll arbeiteten.

Technologiefirmen kommen Unternehmen entgegen

Auch der Energieversorger Pacific Gas & Electric, der seinen Mitarbeitern erlaubt, iPads und iPhones auf der Arbeit für E-Mails und andere Apps zu benutzen, bekam schnell ein paar Eigenheiten zu spüren. Nachdem Mitarbeiter Anfang des Jahres eine neue Version von Apples Betriebssystems iOS heruntergeladen hatten, geriet das Kalendersystem des Unternehmens außer Rand und Band und versandte unentwegt Terminhinweise.

Apple hat das Problem inzwischen behoben. Über die Jahre hat der Technologieriese daran gearbeitet, die Sicherheit und Managementmöglichkeiten zu verbessern. Jetzt wird zum Beispiel Microsoft Exchange ActiveSync unterstützt, so dass sich iPhones mit den Mailnetzwerken von Firmen verbinden können. Auch die Software, mit der Unternehmen ihre Sicherheitseinstellungen auf iPhones und anderen Geräten gewährleisten können, wird von Apple unterstützt. Auf der Internetseite von Apple gibt es inzwischen einen eigenen Bereich für iPhones und iPads bei der Arbeit mit nützlichen Hinweisen und Anwendungen für die IT-Abteilungen.

Dropbox hat es im Februar IT-Managern ermöglicht, die Nutzungsprotokolle der Mitarbeiter herunterzuladen und den Zugang zu den Ordnern in der Cloud auf Firmenangehörige zu begrenzen. Damit kam der Online-Speicherdienst auch den Bedürfnissen der interaktiven New Yorker Agentur Huge entgegen, sagt deren IT-Chef David Stahl.

Updates testen, um Überraschungen zu vermeiden

Auch Google will die Beziehungen zu Firmenkunden verbessern und lädt sie zu geschlossenen Veranstaltungen ein, auf denen es seine Produktentwicklungs-Pläne vorstellt. Wenn Google neue Features einführt, gibt es Unternehmen die Möglichkeit, diese zunächst auf kleiner Stufe zu testen, damit sich die Updates mit der übrigen Software vertragen, bevor sie für alle Mitarbeiter verfügbar sind.

Das alles sind gute Nachrichten für Kunden wie Cindy Elkins von der Roche-Tochter Genentech. „Wir möchten das Zeug gern ausprobieren, bevor es an alle unsere Nutzer geht", sagt Elkins. Änderungen bei den Google-Apps müssten getestet werden, um sicherzustellen, dass sie sich mit den verschiedenen Internet-Browsern vertragen und auch mit den Sprachen in 150 Ländern kompatibel sind, in denen Roche operiert.

Ende 2011 führte Gmail eine neue Schnittstelle ein, was einige Mitarbeiter verwirrt und zu vielen Anrufen beim Roche-Helpdesk geführt habe, sagt sie. Als Genentech 2010 Gmail einführte, sei es zunächst schwer gewesen, den Mitarbeitern den neuen Ansatz bei der Sortierung von Mails zu vermitteln, nämlich nach der Zusammengehörigkeit der Mails, und nicht chronologisch wie bei Standard-E-Mail-Programmen.

Elkins nimmt diese gelegentlichen Probleme angesichts des gesparten Geldes und der beständigen Verbesserungen von Seiten Googles in Kauf. „Wir glauben, dass Google mit Innovationen schneller ist als alles, was wir tun können", sagt sie.

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