• The Wall Street Journal

Das Schicksal des Blackberry hängt an Netzanbietern und App-Entwicklern

    Von SPENCER E. ANTE und WILL CONNORS

Research In Motion hat das neue Smartphone endlich fertig. Jetzt hängt die Zukunft des Blackberry-Herstellers davon ab, ob die Endkunden es haben wollen. Das kanadische Unternehmen muss sich dabei nicht unwesentlich auf Dritte verlassen.

An diesem Mittwoch wird der erste neue Blackberry seit 18 Monaten mit einiger Verspätung der Öffentlichkeit vorgestellt. Es ist die letzte Chance für RIM, gegenüber den Smartphone-Giganten Apple und Samsung Electronics noch Boden gut zu machen.

Jetzt kommt es auf die Vertriebskanäle der Mobilfunkanbieter an und auf die Entwickler von Apps. Der rasante Verlust an Marktanteilen hat das Unternehmen bei beiden ins Hintertreffen gebracht. Blackberry ist für beide kein Zugpferd mehr. Es gibt zwar Mobilfunkanbieter, die nach einem Gegengewicht zum iPhone und anderen Smartphones suchen, die auf dem Android-Betriebssystem von Google laufen. Aber auch sie verhandeln mit RIM darüber, niedrigere Gebühren für die Software und die Nutzung des Blackberry-Netzes zu zahlen.

Neuer Blackberry geht mit 70.000 Apps an den Start

Auch ist es RIM gelungen, Softwareentwickler dafür zu gewinnen, rund 70.000 Apps für die neue Blackberry-Generation anzupassen. Doch es gibt einige große Lücken, die noch zu schließen sind: Für Facebook etwa musste der Konzern eine komplette Eigenentwicklung auf den Weg bringen. Deshalb starten die Kanadier mit einigen nicht unerheblichen Nachteilen gegenüber den Marktführern in die vielleicht letzte Schlacht.

RIM-Chef Thorsten Heins wird das neue Blackberry am Mittwoch in New York vorstellen und mit ihm die technischen Möglichkeiten, von denen sich das Unternehmen Kundenresonanz verspricht. Simultan wird es Präsentationen in etlichen anderen Städten geben, darunter in Toronto, London, Dubai und Johannesburg.

Seit der Blackberry-Hersteller zuletzt im August 2011 ein neues Smartphone vorgestellt hat, ist der Marktanteil eingebrochen. Apple und Android standen nach Erhebungen der Marktforscher von IDC im vergangenen Jahr für rund 87,1 Prozent aller weltweit ausgelieferten Smartphones. Der Marktanteil von RIM fiel von 10,3 Prozent im Jahr 2011 auf 4,7 Prozent 2012.

Die Mobilfunkanbieter sind nicht glücklich, dass ihr Zukunftsmarkt von einem Duopol beherrscht wird und würden es begrüßen, wenn es RIM oder einem anderen Betriebssystem gelingen würde, ein starkes Gegenstück am Markt zu etablieren. In einem Interview sagte in der vergangenen Woche AT&T -Finanzvorstand John Stephens, der Blackberry habe eine „gute Tradition". AT&T „hofft, dass er ein Erfolg wird".

RIM möchte den Netzbetreibern so viele Geräte wie möglich liefern und drängt sie, den neuen Blackberry stark zu bewerben. Doch die Anbieter wollen im Gegenzug die Serviceentgelte drücken, die sie RIM für die Nutzung des Blackberry-Dienstes zahlen. Den Marktstart des Blackberry benutzen sie in den Verhandlungen als Hebel, berichten Personen, die damit vertraut sind.

"Kuhhandel" mit den Netzanbietern für guten Vertrieb

Mobilfunkanbieter zahlen für Unternehmenskunden pro Monat zwischen 7 und 10 US-Dollar an RIM dafür, dass sie die Software und das Computernetz nutzen dürfen, über das E-Mails sicher und geschützt übertragen werden, wie Kevin Smithen, Analyst bei Macquarie Capital schätzt. „Netzbetreiber sagen zu RIM: Wenn ihr wollt, dass wir mehr Geräte ordern, dann müsst ihr uns auf die Servicegebühren einen Abschlag gewähren", sagte Smithen. „Es findet da ein ziemlicher Kuhhandel statt."

RIM selbst will sich zu derartigen Informationen nicht äußern, doch hatte der Konzern kürzlich in einer Pflichtmitteilung erklärt, man rechne „mit einem weiteren Rückgang bei den Serviceumsätzen, und der könne erheblich ausfallen." Im aktuellen Geschäftsjahr des Konzerns, das erst Ende Februar endet, rechnet Macquarie damit, dass etwa 37 Prozent der geschätzten Gesamteinnahmen von 11,3 Milliarden Dollar aus laufenden Serviceumsätzen stammen.

Die Bank erwartet, dass dieser Teil des Umsatzes im nächsten Geschäftsjahr um 14 Prozent auf etwa 3,6 Milliarden Dollar fallen wird. Die Unwägbarkeiten mit den Serviceumsätzen, die sich in der Vergangenheit als stabile Einnahmequelle erwiesen hatten, könnten es für RIM schwierig machen, gegebenenfalls einen Investor oder Käufer zu finden, um den Konzern zu retten, urteilen Analysten.

Unklarheit herrscht auch beim Thema Apps. Weil der neue Blackberry nicht nur ein komplett neues Gerät ist, sondern auch mit einem neuen Betriebssystem daherkommt, werden Apps nicht laufen, die für die alten Blackberrys entwickelt worden sind.

RIM-Manager ist klar, dass das Unternehmen an der Stelle nicht ins Hintertreffen geraten darf und sind in den vergangenen Monaten durch die ganze Welt gereist, um App-Entwickler zu überzeugen, dass sie künftig auch das neue Betriebssystem Blackberry 10 unterstützen.

Sie haben ihnen dabei geholfen, eigentlich für Android programmierte Apps so zu modifizieren, dass sie auch auf dem neuen Blackberry-System funktionieren.

Facebook war eine Blackberry-App nicht dringend

Im September versprach RIM, Top-Anwendungen wie die für Facebook, Twitter, Linkedin und Foursquare würden auf dem neuen Gerät in jedem Fall verfügbar sein. Offen ist, ob andere populäre Dienste wie Netflix, Instagram und Skype zu den rund 70.000 Apps gehören, die zum Start angeboten werden sollen.

Das sind nicht eben wenige, verglichen mit den 800.000 Kleinprogrammen, die Apple seinen Kunden im App Store anbietet, liegt Blackberry aber ziemlich weit zurück. Was schwerer wiegt: Es ist wenig attraktiv für Unternehmen, Geld und die Arbeitskraft ihrer Mitarbeiter in Apps zu stecken und diese auch zu pflegen, die auf einer bislang nicht erprobte Plattform eingesetzt werden sollen.

Facebook etwa entschied sich, keine eigene App für Blackberry 10 zu entwickeln, und so hat RIM diese Aufgabe übernommen mit Hilfe des sozialen Netzwerkes. „Wir haben eng mit RIM zusammengearbeitet, so dass die Nutzer von Facebook Blackberry 10 ein gutes Facebook-Erlebnis haben werden", sagte deren Sprecher Jonny Thaw.

—Mitarbeit: Thomas Gryta

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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